205
Engels an Paul Lafargue
in Paris

London, den 14. November 1885

Mein lieber Lafargue,

Dank für das Porträt – was für ein mißvergnügtes Gesicht läßt man mich in Frankreich machen, einem Lande, wo man doch – wie es heißt – von Zeit zu Zeit lacht; vielleicht wird man über mich lachen. Nim sagt, ich sehe darauf zehn Jahre älter aus; aber das ist wahrscheinlich eine Schmeichelei.

Die Maiaufstände von 1849 waren durch die Weigerung der meisten deutschen Regierungen hervorgerufen, sich der von der Frankfurter Nationalversammlung für ganz Deutschland beschlossenen Verfassung zu unterwerfen. Diese Versammlung, die niemals über materielle Macht verfügt und jede Maßnahme unterlassen hatte, um sich diese zu verschaffen, verlor schließlich auch den letzten Rest moralischen Einflusses gerade in dem Augenblick, als sie ihre ziemlich romantische „Verfassung“ auf dem Papier zustande gebracht hatte. Dennoch war diese Verfassung damals das einzige Banner, unter dem man eine neue Bewegung versuchen konnte, mit der Absicht, sich ihrer nach dem Sieg zu entledigen. Folglich wollte man in den kleinen Ländern die Regierungen zwingen, sie anzuerkennen; daraus ergaben sich die Aufstände von Dresden (3.Mai) und einige Tage später in der bayrischen Pfalz und im Großherzogtum Baden, wo der Großherzog1 die Flucht ergriff, als sich die Armee für das Volk erklärte.

Der Dresdener Aufstand wurde nach heroischem Widerstand – viertägigem Kampf – mit Hilfe von preußischen Truppen niedergeschlagen (in Preußen hatte die Reaktion durch den Staatsstreich vom November 1848 gesiegt, Berlin war entwaffnet und der Belagerungszustand erklärt). Aber um die Pfalz und die Badenser zu unterwerfen, bedurfte es einer Armee. Also begann man in Preußen, die Landwehr2 einzuberufen. In Iserlohn (Westfalen) und in Elberfeld (Rheinpreußen) weigerten sich die Männer loszumarschieren. Man schickte Truppen, die die Städte verbarrikadiert fanden und abgewiesen wurden. Iserlohn wurde, vierzehn Tage später, nach zweitägigem Widerstand genommen; Elberfeld bot nicht so viele Verteidigungsmöglichkeiten, und als die Truppen von allen Seiten dagegen anliefen, beschlossen die Verteidiger, etwa tausend an der Zahl, sich einen Weg nach den aufständischen Ländern im Süden zu bahnen; sie wurden unterwegs vollständig zerschlagen, einer großen Anzahl gelang es jedoch, von den Einwohnern unterstützt, sich durchzuschlagen. Ich war Adjutant des Kommandanten Mirbach in Elberfeld; aber dieser schickte mich, ehe er seinen Plan durchführte, mit einem Auftrag nach Köln, das heißt in das Lager des Feindes, wo ich mich bei Daniels verbarg; in Wirklichkeit wollte er in seinem Korps keinen bekannten Kommunisten haben, um die Bourgeoisie in den Orten, die er durchqueren mußte, nicht zu erschrecken; er verabredete ein Treffen mit mir in der Pfalz, wo er jedoch nicht eintraf, da er in Gefangenschaft geraten war (ein Jahr später wurde er vom Gericht in Elberfeld freigesprochen). Mirbach hatte die Feldzüge in Griechenland von 1825 bis 29 und in Polen von 1830 und 31 mitgemacht; später ging er wieder nach Griechenland, wo er gestorben ist.

Inzwischen hatte der Aufstand im Süden an Boden gewonnen, aber man beging den verhängnisvollen Fehler – nicht anzugreifen. Die Truppen der benachbarten kleineren Staaten suchten nur einen Vorwand, um sich dem Aufstand anzuschließen, sie waren entschlossen, nicht gegen das Volk zu kämpfen. Dann hatte man den Vorwand, man müsse vorrücken, um die von preußischen und österreichischen Soldaten umstellte Frankfurter Versammlung zu schützen. Marx und ich waren nach der Unterdrückung der „Neuen Rheinischen Zeitung“ nach Mannheim gegangen, um den Führern diesen Marsch vorzuschlagen. Aber man hatte alle möglichen Einwände: die Armee sei durch die Flucht der ehemaligen Offiziere desorganisiert, es fehle an allem usw. usw.

In den ersten Junitagen rückten die Preußen von der einen, die Bayern von der anderen Seite – durch eben diese Truppen der kleineren Staaten verstärkt, welche wir mit mehr Kühnheit hätten gewinnen können, die aber jetzt von der Fluten der reaktionären Armeen hinweggeschwemmt wurden – gegen die aufständischen Gebiete vor. Eine Woche genügte, um die Pfalz auszufegen – es standen dort 36000 Preußen gegen 8–9000 Aufständische, und die beiden Festungen des Landes blieben in den Händen der Reaktion. Man zog sich auf die Badener Truppen zurück, etwa 8000 Mann Linientruppen und 12000 Freischärler; sie wurden von einem 30000 Mann starken Korps reaktionärer Truppen bedrängt. Es fanden vier große Gefechte statt, in denen die Reaktionäre das Übergewicht erhielten dank ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit und durch die Verletzung des württembergischen Territoriums, was ihnen ermöglichte, uns im entscheidenden Augenblick zu umgehen. Nach zehn Wochen Kampf mußten die Reste der aufständischen Armee sich in die Schweiz zurückziehen.

Im Verlauf dieses Krieges war ich Adjutant des Obersten Willich, des Kommandeurs eines Freischärlerkorps ausgesprochen proletarischen Charakters; ich habe an drei kleineren Gefechten und an der letzten Entscheidungsschlacht an der Murg teilgenommen.

Das genügt, denke ich, um ein kurzes Resumé daraus zu machen, wenn Sie durchaus darauf bestehen, einen Kommentar zu dem schönen Werk von Bürger Clarus zu schreiben.

Ich hoffe, daß Ihr interessanter Furunkel bald von seinem eitrigen Inhalt befreit wird. Waschen Sie die Wunde mit 2% Karbolsäure auf 98% Wasser, das ist ausgezeichnet, um die Eiterzellen zu töten.

Herzliche Grüße an Laura.

Freundschaftlichst Ihr
F. E.

Aus dem Französischen.