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Engels an August Bebel
in Plauen bei Dresden

London, 28. Oktober 1885

Lieber Bebel,

Liebknechts Durchfall in Sachsen tut mir leid für ihn persönlich, aber sonst kann er ihm nicht schaden. Die Popularität ist ihm eine gar zu wichtige Sache, der er mehr Opfer bringt als gut ist, und da ist es nützlich, daß er einmal merkt, wie alle Konzessionen nach rechts nichts nützen, und erst recht nicht bei einer Zensuswahl, wo sie ihm nicht einmal Kleinbürgerstimmen einbringen.

Sehr gefreut haben mich Deine Nachrichten über den unabhängigen Sinn der Massen. Die Herren vom rechten Flügel werden daran freilich erst glauben, wenn an ein paar von ihnen Exempel statuiert werden; sie leben im Umkreis kleiner Cliquen, und was sie da hören, gilt ihnen als Volksstimme. Die Augen werden ihnen schon aufgehn.

Der chronische Druck auf allen entscheidenden Industriezweigen herrscht auch hier, in Frankreich, in Amerika, ununterbrochen fort. Namentlich in Eisen und Baumwolle. Es ist ein unerhörter Zustand, so sehr er auch die unvermeidliche Konsequenz des kapitalistischen Systems ist: eine so kolossale Überproduktion, daß sie es nicht einmal zu einer Krise bringen kann! An disponiblem, anlagesuchendem Kapital ist so stark überproduziert, daß der Diskont hier tatsächlich von 1–1½% jährlich schwankt und Geld auf kurze Vorschüsse bei beiderseits täglicher Abzahlung oder Rückforderung (money at call) kaum zu ½% jährlich anzubringen ist. Aber daß der Geldkapitalist sein Geld lieber so anlegt, als daß er es in neue industrielle Unternehmungen steckt, dadurch grade gesteht er ein, wie faul ihm die ganze Wirtschaft erscheint. Und in dieser Scheu vor neuen Anlagen und aller Spekulation, die sich schon in der Krisis 1867 zeigte, liegt der Hauptgrund, warum man es nicht zu einer akuten Krisis bringt. Schließlich muß sie aber doch wohl kommen, und dann wird sie hier hoffentlich den alten Gewerkschaften ein Ende machen. Diese haben den ihnen von Anfang anklebenden Zunftcharakter ruhig beibehalten und der wird täglich unerträglicher. Ihr glaubt wohl, bei den Mechanikern, Zimmerleuten, Maurern usw. könne jeder Arbeiter der Branche ohne weiteres eintreten? Davon ist keine Rede. Wer eintreten will, muß an einen der Gewerkschaft angehörigen Arbeiter eine Reihe von Jahren (meist 7) als Lehrling attachiert gewesen sein. Dies sollte die Zahl der Arbeiter beschränkt halten, war aber sonst ganz zwecklos, außer, daß es dem Lehrmeister Geld eintrug, wofür er tatsächlich nichts leistete. Dies ging noch an bis 1848. Seitdem aber hat der kolossale Aufschwung der Industrie eine Klasse von Arbeitern erzeugt, ebenso zahlreich oder zahlreicher wie die „gelernten“ der Trades Unions, die dasselbe oder mehr leisten, aber nie Mitglieder werden können. Diese Leute sind durch die Zunftregeln der Trades Unions förmlich gezüchtet worden. Aber glaubst Du, die Unions dächten daran, diesen alten Blödsinn abzuschaffen? Nicht im mindesten. Ich erinnere mich nicht, je einen Vorschlag der Art auf einem Trades-Unions-Kongreß gelesen zu haben. Die Narren wollen die Gesellschaft nach sich, nicht aber sich nach der Entwicklung der Gesellschaft reformieren. Sie kleben an ihrem traditionellen Aberglauben, der ihnen selbst nur schadet, statt daß sie den Kram abschaffen und dadurch ihre Zahl und ihre Macht verdoppeln und tatsächlich das wieder werden, was sie jetzt täglich weniger bleiben, nämlich Vereine sämtlicher Arbeiter des Gewerks gegen die Kapitalisten. Das, glaub’ ich, wird Dir manches im Betragen dieser privilegierten Arbeiter klarmachen.

Was hier nötig, ist vor allem, daß die offiziellen Arbeiterführer massenweise ins Parlament kommen. Dann geht’s bald flott; sie werden sich rasch genug enthüllen. Die Wahlen im Nov. werden dazu vieles tun, 10–12 davon kommen sicher hinein, wenn nicht ihre liberalen Freunde ihnen zu guter Letzt noch einen Streich spielen. Die ersten Wahlen mit einem neuen System sind immer eine Art Lotterie und enthüllen nur den geringsten Teil der Revolution, die damit eingeleitet worden. Aber das allgemeine Stimmrecht – und das neue hiesige gibt bei der Abwesenheit einer Bauernklasse und dem industriellen Vorsprung Englands den Arbeitern soviel Macht, wie das deutsche allgemeine – ist heute der beste Hebel einer proletarischen Bewegung, und wird’s auch hier werden. Darum ist es so wichtig, so rasch wie möglich die Social Democratic Federation kaputtzumachen, deren Leiter lauter politische Streber, Abenteurer und Literaten sind. Hyndman, ihr Chef, hilft da mit Macht; er kann es nicht erwarten, bis daß das Glöcklein zwölf schlägt, wie’s im Volkslied heißt, und blamiert sich aus Hatz nach Erfolgen täglich mehr. Er ist eine elende Karikatur von Lassalle.

Die Franzosen beurteilst Du, glaub’ ich, nicht ganz gerecht. Die Masse in Paris ist „sozialistisch“ im Sinne eines aus Proudhon, Louis Blanc, Pierre Leroux usw. im Lauf der Jahre herausdestillierten ziemlich neutralen Durchschnittssozialismus. Die einzige Erfahrung, die sie mit dem Kommunismus gemacht haben, war die mit der Cabetschen Utopie, die in einer Musterkolonie in Amerika, d. h. mit der Flucht aus Frankreich und mit Zank und halbem Bankerott in Amerika endete. Was darüber hinaus, kommt ihnen aus Deutschland, und es ist nicht zu verwundern, daß Frankreich, von 1789–1850 das Land, wo nicht nur die politischen Ideen jedesmal zuerst scharf formuliert, sondern auch in die Praxis übersetzt wurden, sich etwas sträubt, seine Abdankung von der theoretischen revolutionären Führerschaft zu unterschreiben; namentlich nach der gloriosen Kommune, und noch dazu gegenüber Deutschland, das die Pariser Arbeiter 1870 faktisch besiegt haben, da die deutsche Armee nicht wagte, Paris zu besetzen; ein Fall, wohl zu merken, der in der bisherigen Kriegsgeschichte noch nicht dagewesen. Nun nimm aber dazu: wie sollen die französischen Arbeiter zu einer bessern Einsicht kommen? Selbst die französische Ausgabe des „Kapital“ ist ihnen ein Buch mit sieben Siegeln; nicht nur ihnen, auch der Masse der Gebildeten. Das einzige, was sie kennen, ist meine „Entwicklung des Sozialismus“, und die hat in der Tat überraschend gewirkt. Keiner von den Führern, ich rechne Vaillant nicht, da er als Blanquist eine ganz andre Taktik hat als wir, kann Deutsch. Frau Lafargue übersetzt jetzt endlich das „Manifest“ in gutes Französisch. Das Verständnis der Theorie selbst bei den Führern ist noch ziemlich unvollkommen, und wenn Du Paris kennstest, so würdest Du einsehn, wie leicht sich dort lebt und agitiert, aber wie schwer sich dort ernstlich arbeitet. Also woher soll den französischen Arbeitern die Einsicht kommen?

Dazu aber, was die Wahlen angeht, noch eins. Bei uns stimmt sich leicht für einen Sozialdemokraten, weil wir die einzige wirkliche Oppositionspartei sind und weil der Reichstag doch nichts zu sagen hat, es also schließlich einerlei ist, ob überhaupt für einen und für welchen man stimmt von den „Hunden, die wir ja doch sind“. Allenfalls das Zentrum ist noch eine Partei mit selbständiger Politik. Aber in Frankreich ist das was andres. Da ist die Kammer die entscheidende Macht im Land, und da kommt es darauf an, seinen Stimmzettel nicht wegzuwerfen. Und dabei ist zu bedenken, daß dort Gambettisten gegen Monarchisten, Radikale gegen Gambettisten jedes Mal einen Fortschritt bedeuten. Und das beweist sich auch praktisch. In Deutschland floriert seit 1870 die junkerliche Reaktion, alles geht zurück. In Frankreich haben sie jetzt die besten Schulen der Welt, einen gehörigen Schulzwang, und während Bismarck mit den Pfaffen nicht fertig wird, sind sie in Frankreich aus den Schulen total verdrängt. Unsre deutsche Armee ist, abgesehn vom Anwachsen der sozialdemokratischen Elemente, ein infameres Werkzeug der Reaktion als je. In Frankreich hat die allgemeine Dienstpflicht die Armee dem Volk enorm genähert, und sie ist es vor allem, die die Monarchie unmöglich macht (vgl. 1878). Und wenn jetzt die Radikalen ans Ruder kommen und genötigt werden, ihr Programm durchzuführen, so heißt das: Dezentralisation der Verwaltung, Selbstregierung der Departements und Gemeinden wie in Amerika und wie in Frankreich 1792–98, Trennung der Kirche vom Staat, jeder zahlt seinen Pfaffen selbst. Weder in Deutschland noch in Frankreich sind wir bis jetzt imstande, die geschichtliche Entwicklung zu dirigieren. Aber diese Entwicklung steht darum nicht still. Nur daß sie im Deutschen Reich momentan rückwärts geht, in Frankreich immerhin vorwärts. Wir kommen aber erst an die Reihe – das ist der langsame aber sichere Gang der Geschichte – sobald die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien ihre Unfähigkeit zur Leitung des Landes tatsächlich und augenfällig bewiesen haben und wie die Ochsen am Berge stehn. (In Deutschland könnten wir, nach einer französischen Revolution, etwas anticipando1 drankommen, aber nur getragen von einer europäischen Sturmflut.) Daher haben die Pariser Arbeiter den, nach der einen Seite hin, richtigen Instinkt, stets die radikalste mögliche Partei zu unterstützen. Sobald die Radikalen am Ruder sind, treibt derselbe Instinkt sie in die Arme der Kommunisten, denn die Radikalen sind auf das alte konfus-sozialistische (nicht kommunistische) Programm vereidigt und müssen damit scheitern. Und dann fällt Instinkt und Vernunft zusammen, die radikalste mögliche Partei ist dann die Partei des Proletariats als solche, und dann geht’s rasch. Aber Engländer und Franzosen haben eben ihre vorrevolutionäre Jungferschaft längst vergessen, während wir Deutschen uns mit diesem manchmal sehr hinderlichem Möbel noch herumschleppen, sintemal wir noch nie eine selbständige Revolution gemacht. Beides hat seine Vorteile und seine Nachteile; aber es wäre sehr ungerecht, die verschiedne Haltung der Arbeiter der drei Länder an demselben einseitigen Maßstab zu messen.

Das sehr flache und wesentlich auf Stieber beruhende Buch von Adler hat mir K[autsky] gegeben, ich werde ihm bei einer Kritik helfen.2

Kommst Du nicht wieder mal herüber, wenn Dich Dein Geschäft an den Rhein führt, wär’s rasch gemacht.

Dein F. E.