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Engels an August Bebel
in Zürich

London, 24. Juli 85

Lieber Bebel,

Ich versuche, ob Dich dieser Brief in Zürich am 26. trifft, wie Du mich vermuten läßt.

Der Parteikrakeel nimmt, soweit ich hier sehn kann, einen recht erwünschten Verlauf. Frohme reitet seine Kameraden möglichst in die Sauce, was uns nur angenehm sein kann, aber zum Glück ist L[iebknecht] da mit der rettenden Tat; er hat dem Verein hier angezeigt, er werde jetzt nach Frankfurt gehn und alles in Ordnung bringen, wenn das aber nicht gelinge, so müsse Fr[ohme] herausfliegen. L[iebknecht] spielt bei der ganzen Geschichte die erheiternde Rolle der Henne, die junge Enten ausgebrütet hat: er hat „gebildete“ Sozialisten züchten wollen, und siehe da, es sind lauter Philister und Spießbürger aus den Eiern gekrochen, und nun will die brave Henne uns glauben machen, es seien doch Küchlein, die da im bürgerlichen Fahrwasser schwimmen, und keine Enten. Da ist auch nichts zu machen, man muß eben seine Illusionen mit in den Kauf nehmen, aber in Offenbach scheint er's doch etwas zu arg gemacht zu haben, wenn man dem Zeitungsbericht glauben darf. Nun, kommen wird von der ganzen Sache bloß das Bewußtsein in der Partei, daß es zwei Strömungen in ihrem Innern gibt, von denen die eine den Massen, die andre der Mehrzahl der sog. Führer die Richtung gibt, und daß diese Richtungen mehr und mehr auseinandergehn müssen. Das wird die später kommende Spaltung vorbereiten, und das ist ganz gut. Die Herren vom rechten Flügel werden sich aber besinnen, ehe sie wieder einen Ukas erlassen.

Bei K[autsky] hast Du ganz die entscheidende Schwäche getroffen. Seine jugendliche Neigung zu raschem Aburteilen ist durch die lausige Methode des Geschichtsunterrichts auf Universitäten – besonders östreichischen – noch mehr bestärkt worden. Man lehrt dort die Studenten systematisch, historische Arbeiten mit einem Material machen, wovon sie wissen, daß es ungenügend ist, was sie aber als genügend behandeln sollen, also Sachen schreiben, die sie selbst als falsch kennen müssen, aber doch für richtig halten sollen. Das hat K[autsky] natürlich erst recht keck gemacht. Dann das Literatenleben – Schreiben fürs Honorar, und Vielschreiben. So daß er absolut keine Vorstellung davon hatte, was wirklich wissenschaftliches Arbeiten heißt. Da hat er sich dann ein paarmal gründlich die Finger verbrannt, mit seiner Bevölkerungsgeschichte und nachher mit den Artikeln über die Ehe in der Urzeit. Ich habe ihm das in aller Freundschaft auch redlich eingetränkt und erspare ihm nichts in dieser Beziehung und kritisiere alle seine Sachen, nach dieser Seite hin, unbarmherzig. Ich kann ihm aber dabei glücklicherweise den Trost geben, daß ich es in meiner naseweisen Jugendzeit akkurat so gemacht und erst von Marx gelernt habe, wie man arbeiten muß. Es hilft auch schon ganz bedeutend.

Die Artikel der Berliner „Ztg.“1 sind sicher von Mehring, wenigstens weiß ich keinen anderen in Berlin, der so gut schreiben kann. Der Kerl hat viel Talent und einen offnen Kopf, ist aber ein berechnender Lump und von Natur Verräter; ich hoffe, man wird das im Gedächtnis halten, wenn er wieder zu uns kommt, was er sicher tut, sobald sich die Zeiten ändern.

Walther und Frau waren hier und brachten mir die Zeitungen über den Parteikrakeel. Sie kommen Sonntag wieder.

„Kapital“ II habe ich Dir, sobald es ankam, nach Dresden geschickt. Das Manuskript von III2 habe ich, soweit es anging, fertig diktiert und werde im Herbst, sobald ich mich etwas ausgeruht und allerhand andre dringende Arbeiten erledigt, an die Schlußredaktion gehn. Ich bin aber jetzt ruhig, das Ms. ist jetzt in einer leserlichen Handschrift vorhanden und kann schlimmstenfalls auch so gedruckt werden, wenn ich auch inzwischen flöten ginge. Solange das nicht geschehn, hatte ich keine Ruh noch Rast. Übrigens ist die Redaktion von 3 sehr wesentlichen Abschnitten, d. h. 2/3 des Ganzen, auch noch eine Heidenarbeit. Aber das findet sich, und ich freue mich schon auf den Hallo, den es anrichten wird, wenn es herauskommt. Im Herbst erleben wir zwei friedliche Revolutionen: die Wahlen in Frankreich und hier.

In Frankreich wird das scrutin de liste, erfunden von den reinen Republikanern und eingeführt von den Gambettisten zum Zweck, sich durch Zwangswahl von Advokaten und Journalisten, besonders Parisern, die ewige Herrschaft zu sichern, wahrscheinlich die Gambettisten massenweise hinauswerfen und fast sicher Clemenceau und die Radikalen, wo nicht gleich, doch bald zur Herrschaft bringen. Sie sind die letzte mögliche unter den jetzt existierenden bürgerlichen Parteien. Clem[enceau]s Specificum ist departementale und kommunale Selbstregierung, d. h. Dezentralisation der Verwaltung und Abschaffung der Bürokratie. Nur der Anfang davon wäre in Frankreich eine größere Revolution, als seit 1800 vorgekommen. Herrschaft der Radikalen heißt aber in Frankreich vor allem Emanzipation des Proletariats von der alten revolutionären Tradition, direkter Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie, also Herstellung der endlichen klaren Kampflage.

Hier wird das neue Stimmrecht die ganze alte Parteilage umwerfen. Die Allianz zwischen Whigs und Tories zu einer großen konservativen Partei, die das gesamte, nicht mehr wie bisher in zwei Lager gespaltne, Grundeigentum zur Basis hat und alle konservativen Elemente der Bourgeoisie umfaßt: Bank, hohe Finanz, Handel, einen Teil der Industrien; daneben andrerseits die radikale Bourgeoisie, d. h. die Masse der Großindustrie, das Kleinbürgertum und zunächst noch als Schwanz das wieder zu politischem Leben erwachende Proletariat – das ist ein revolutionärer Ausgangspunkt, wie England ihn seit 1689 nicht erlebt hat.

Und dazu der alte Wilhelm, der auf dem letzten Loch pfeift. Das läßt sich famos an. Du wirst sehn.

Dein
F. Engels