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Engels an Johann Philipp Becker
in Genf

London, 15. Juni 1885

Lieber alter Kerl!

Dein Brief hat mich sehr erfreut, und es ist in der Tat eine verdammte Geschichte, daß wir so weit auseinander sind. Indes wird doch wohl die Zeit kommen, wo unsereiner wieder einmal ungeniert herumreisen kann, ungeniert von überdringlicher Arbeit und kontinentalen Polizeiplackereien. Und dann packe ich auf und besuche Dich.

Inzwischen geht die Welt so sachte voran, und wird bald auch wohl ein bißchen rascher gehn. Der alte Wilhelm wäre längst abgekratzt, aber man hat ihm von oben melden lassen, daß das Exerzitium der Engel noch manches zu wünschen übriglasse, und sie namentlich die Beine noch immer nicht beim Parademarsch reglementsmäßig in die Luft schleudern, und er somit noch nicht mit gebührenden Ehren empfangen werden könne. Da hat er denn jetzt den Friedrich Karl geschickt, um zu inspizieren. Hoffentlich kann der den Bericht erstatten, daß es dem Feldmarschall Michael Erzengel gelungen ist, die himmlischen Heerscharen zur erstrebten preußischen Vollkommenheit auszubilden, und dann wird der alte Wilhelm sich wohl beeilen, die himmlische Wachtparade selbst abzunehmen.

Du hast ganz recht, in Frankreich schleißt sich der Radikalismus kolossal rasch ab. Es ist eigentlich nur noch einer zu verschleißen, und das ist Clemenceau. Wenn der drankommt, wird er einen ganzen Haufen Illusionen verlieren, vor allem die, man könne heutzutage eine bürgerliche Republik in Frankreich regieren, ohne zu stehlen und stehlen zu lassen. Es ist eben möglich, daß er dann weitergeht. Aber nötig ist’s nicht. Nötig ist nur, daß auch dieser letzte Notanker des Bürgertums zeigt, was er kann – nämlich mit seinem jetzigen Standpunkt nichts.

Hier in England geht die Sache ganz gut, wenn auch nicht in der bei uns hergebrachten Form. Das englische Parlament ist seit 1848 entschieden die revolutionärste Körperschaft der Welt gewesen, und von den nächsten Wahlen datiert eine neue Epoche, selbst wenn sich das nicht so unbedingt rasch zeigen sollte. Es wird Arbeiter im Parlament geben, in wachsender Zahl, und einer noch schlechter als der andre. Das aber ist hier nötig. Alle die Lumpen, die hier zur Zeit der Internationalen die bürgerlich-radikalen Biedermänner gespielt haben, müssen sich im Parlament zeigen, wie sie sind. Dann werden die Massen auch hier sozialistisch werden. Die industrielle Überproduktion tut den Rest.

Der Krakeel in der deutschen Partei hat mich nicht überrascht. In einem Spießbürgerland wie Deutschland muß die Partei auch einen spießbürgerlichen „gebildeten“ rechten Flügel haben, den sie im entscheidenden Moment abschüttelt. Der Spießbürger-Sozialismus datiert von 1844 in Deutschland und ist schon im „Kommunistischen Manifest“ kritisiert. Er ist so unsterblich wie der deutsche Spießbürger selbst. Solange das Sozialistengesetz dauert, bin ich nicht dafür, daß wir die Spaltung provozieren, da die Waffen nicht gleich sind. Sollten aber die Herren die Spaltung selbst hervorrufen, indem sie den proletarischen Charakter der Partei unterdrücken und durch eine knotig-ästhetisch-sentimentale Philanthropie ohne Kraft und Saft ersetzen wollen, so müssen wir’s eben nehmen, wie es kommt.

Ich bin noch immer am Diktieren des dritten Bandes vom „Kapital“. Das ist ein Prachtwerk, das den ersten wissenschaftlich noch in den Schatten stellt. Sobald ich das erst in einer auch für andre Leute leserlichen Handschrift habe, kann ich mir Zeit nehmen, die Papiere zu ordnen. Dann suche ich auch Deine Sachen heraus. Bis dahin – gegen Herbst – kann ich aber absolut nichts andres in die Hand nehmen. Der zweite Band ist fertig gedruckt, ich werde Dir wohl in 14 Tagen oder so ein Ex. schicken können.

Marx’ Töchter sind soweit wohl, Frau Lafargue hat ihren Mann einmal wieder auf 4 Monate im Gefängnis (wo er eine Geldstrafe absitzt), und Frau Aveling arbeitet hier stark an der Propaganda, aber der Massenerfolg kann sich erst später zeigen.

Ich habe Dir wieder eine fünfpfündige Postanweisung herausgenommen, was Dir wohl schon angezeigt worden. Ich hoffe, sie kommt willkommen. Und nun halt Dich gesund, damit Du noch einen kleinen Spaß miterlebst, der jedenfalls bald kommt. Ich bin soweit wohl, aber die Doktoren sagen, aufs Pferd würd’ ich wohl schwerlich wieder steigen können – also kriegsdienstunfähig – verdammt!

Im übrigen immer

Dein alter
F. Engels