155
Engels an Richard Stegemann
in Tübingen
(Entwurf)

[London] 26./3./85

Sehr geehrter Herr,

Ich glaube kaum, daß ich imstande sein werde, Ihrem Wunsche zu entsprechen. Aus der gesamten nicht nur literarischen, sondern auch politischen Tätigkeit von M[arx] könnten Sie sich allerdings ein ziemlich klares Bild des Menschen M[arx] machen; diese Tätigkeit liegt nun zwar der Welt offen vor, aber grade nicht der deutschen Welt, da das Material dazu größtenteils im Ausland erschienen ist. Andererseits müßte eine Charakteristik meinerseits notwendig kurz, also nicht nur mangelhaft, sondern auch ±1 assertorisch und nebenbei „belletristisch“ ausfallen, also schlimmer sein als gar keine. Zudem kann ich Ihnen doch nicht zumuten, daß Sie mir in meiner Beurteilung aufs Wort glauben, und wüßte so schließlich nicht, was aus dem Geschriebnen würde, selbst bei der unbezweifelten bona fides Ihrerseits. Wenn Sie aber von der Präsumtion ausgehn, daß M[arx] in allem und jedem das grade Gegenteil eines deutschen Philisters war, so können Sie nicht viel irren.

Ob der Moment für eine Kritik von M[arx] grade jetzt vorhanden, wo das II. Buch des „Kapitals“ in wenigen Monaten erscheint und das III. in Arbeit ist, müssen Sie entscheiden. Jedenfalls haben Sie recht darin, daß die Kritik und die sog. „Wissenschaft“ bisher nur eine „allgemeine Urteilslosigkeit“ an den Tag gelegt hat und damit niemand mehr erheitert hat als M[arx] selbst. Ich sehe ihn noch lachen über Herrn Schäffles Notseufzer – daß er das „Kapital“ nunmehr zehn Jahre studiert und noch nicht begriffen habe.