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Engels an August Bebel
in Leipzig

London, 11. Dez. 1884

Lieber Bebel,

Mit meinem letzten Brief1 hing das so zusammen: Unter den Neugewählten waren mir verschiedne bekannt, die nach Bildung und Temperament den rechten, bürgerlichen Flügel der Fraktion verstärken würden. Bei den kolossalen Schmeicheleien, die nach unsren Siegen uns von allen andern Parteien plötzlich gemacht wurden, erschien es mir nicht unmöglich, daß diese Herren sich fangen ließen und bereit wären, eine Erklärung abzugeben, wie z. B. die „Kölnische Zeitung“ sie von uns verlangte als Bedingung der Abschaffung des Sozialistengesetzes – eine Erklärung, die nur um ein Haarbreit weiter rechts, in Wegschwätzung des revolutionären Charakters der Partei, zu gehn braucht als z. B. Geisers Rede bei der Sozialistengesetz-Verhandlung, die Grillenberger mit der Deinigen hat abdrucken lassen. Die Herren Liberalen sind mürbe, mit wenigem zufrieden, eine kleine Konzession unsrerseits hätte ihnen genügt, und diese kleine Konzession fürchtete ich, weil sie uns vor dem Ausland blamiert, grenzenlos blamiert hätte. Daß Du sie nicht machen würdest, wußte ich natürlich. Aber Du, also wir, hätten überstimmt werden können. Ja, selbst Anzeichen einer Spaltung – in Reden – hätten enorm geschadet. Deshalb, und nur deshalb dachte ich, es sei meine Schuldigkeit, Dich für eine solche Möglichkeit zu unterstützen und Dir einige geschichtliche Argumente an die Hand zu geben, die Dir vielleicht weniger frisch im Gedächtnis wären wie mir. Und damit Du den Brief, wenn Du es für gut hieltest, zeigen könntest, ließ ich alle Anspielungen auf die aus, für die er in letzter Instanz beabsichtigt war.

Daß meine Befürchtung ins Wasser gefallen, daß die Macht der Bewegung auch die bürgerlichen Elemente der Partei mit sich fortrissen und die Fraktion sich auf der Höhe ihrer Wähler halten wird, freut niemand mehr als mich. Und in der Tat, ich finde Singer, der Sonntag einen Augenblick bei mir war und nächsten Sonntag wiederkommt, ganz verändert. Er fängt wirklich an zu glauben (wörtlich), daß er noch so etwas erleben könne wie eine soziale Umgestaltung2. Ich will hoffen, daß es dauert und daß unsre „Jebildeten“ der Versuchung auf die Dauer widerstehn, den andern Parteien zu beweisen, daß sie keine Menschenfresser sind.

Über unsre proletarischen Massen habe ich mich nie getäuscht. Dieser sichre, siegsgewisse und eben deshalb heitre und humoristische Fortgang ihrer Bewegung ist musterhaft und unübertrefflich. Kein europäisches Proletariat hätte die Probe des Sozialistengesetzes so glänzend bestanden und nach sechsjähriger Unterdrückung mit solchem Beweis von Machtzuwachs und Organisationsbefestigung geantwortet; keins diese Organisation so zustande gebracht, wie es geschehen, ohne allen Konspirationshumbug. Und seitdem ich die Wahlmanifeste von Darmstadt und Hannover gesehn, ist auch meine Befürchtung geschwunden, es könnten in den neuen Plätzen (Wahlkreisen) Konzessionen nötig geworden sein. Wenn man in diesen beiden Städten so echt revolutionär und proletarisch sprechen konnte, dann ist alles gewonnen.

Unser großer Vorteil ist, daß bei uns die industrielle Revolution erst in vollem Gang ist, während sie in Frankreich und England der Hauptsache nach abgeschlossen. Dort ist die Teilung in Stadt und Land, Industriegebiet und Ackerbaugebiet so weit abgeschlossen, daß sie sich nur noch langsam verändert. Die Leute wachsen, der großen Masse nach, in den Verhältnissen auf, in denen sie später zu leben haben; sind daran gewöhnt, selbst die Schwankungen und Krisen sind ihnen etwas fast Selbstverständliches geworden. Dazu die Erinnerung an gescheiterte frühere Bewegungsversuche. Bei uns dagegen ist noch alles in vollem Fluß. Reste der alten, den Selbstbedarf befriedigenden industriellen Bauernproduktion werden verdrängt von kapitalistischer Hausindustrie, während an andern Orten der kapitalistische Hausbetrieb schon wieder den Maschinen erliegt. Und grade die Natur unsrer ganz zuletzt nachhinkenden Industrie macht die Revolution so gründlich. Da die großen Massenartikel, sowohl Massen- wie Luxusbedarf, bereits von Engländern und Franzosen mit Beschlag belegt, bleibt für unsre Exportindustrie meist nur kleinliches Zeug, was aber doch auch in die Massen geht, und zunächst durch Hausbetrieb, erst später, wenn die Produktion massenhaft, durch Maschinen hergestellt wird. Die Hausindustrie (kapitalistische) wird so in viel weitere Gebiete getragen und räumt um so gründlicher auf. Wenn ich ostelbisch-Preußen, also Ost-und Westpreußen, Pommern, Posen und den größten Teil von Brandenburg ausnehme, ferner Altbayern, gibt es wenig Gegenden, wo der Bauer nicht mehr und mehr in die Hausindustrie gerissen wird. Das so3 revolutionierte Gebiet wird4 größer bei uns als irgendwo anders.

Ferner. Da der hausindustrielle Arbeiter meist sein bißchen Feldbau betreibt, entsteht die Möglichkeit, auf den Lohn in einer Weise zu drücken wie sonst nirgends. Was früher das Glück des kleinen Manns war, Verbindung von Ackerbau und Industrie, wird jetzt stärkstes Mittel der kapitalistischen Ausbeutung. Das Kartoffelstück, die Kuh, das bißchen Ackerbau erlaubt, die Arbeitskraft unter dem Preis zu verkaufen; es zwingt dazu, weil es den Arbeiter an die Scholle fesselt, die ihn doch nur zum Teil ernährt. Daher wird bei uns die Industrie exportfähig dadurch, daß sie meist den ganzen Mehrwert dem Käufer schenkt, während der Profit des Kapitalisten aus einem Abzug am normalen Arbeitslohn besteht. Mehr oder weniger ist das der Fall bei aller ländlichen Hausindustrie, nirgends so sehr wie bei uns.

Dazu kommt, daß unsre durch die Revolution von 1848 mit ihren bürgerlichen Fortschritten (so schwach sie waren) in Gang gebrachte industrielle Umwälzung enorm beschleunigt wurde 1. durch die Beseitigung der innern Hindernisse 1866–70 und 2. durch die französischen Milliarden, die schließlich kapitalistisch anzulegen waren. So haben wir es denn zu einer industriellen Umwälzung gebracht, die gründlicher und tiefer und räumlich ausgedehnter und umfassender ist als die der andern Länder, und das mit einem ganz frischen, intakten, nicht durch Niederlagen demoralisierten Proletariat, und endlich – dank Marx – mit einer Einsicht in die Ursachen der ökonomischen und politischen Entwicklung und in die Bedingungen der bevorstehenden Revolution, wie sie keine unsrer Vorgänger besaßen. Dafür aber sind wir auch verpflichtet zu siegen.

Was die reine Demokratie und ihre Rolle in der Zukunft angeht, so bin ich nicht Deiner Ansicht. Daß sie in Deutschland eine weit untergeordnetere Rolle spielt als in Ländern älterer industrieller Entwicklung, ist selbstverständlich. Aber das verhindert nicht, daß sie im Moment der Revolution, als äußerste bürgerliche Partei, als welche sie sich ja schon in Frankfurt aufgespielt, als letzter Rettungsanker der ganzen bürgerlichen und selbst feudalen Wirtschaft momentan Bedeutung bekommen kann. In einem solchen Moment tritt die ganze reaktionäre Masse hinter sie und verstärkt sie: alles was reaktionär war, gebärdet sich dann demokratisch. So verstärkte die gesamte feudal-bürokratische Masse 1848, März bis September, die Liberalen, um die revolutionären Massen niederzuhalten und, als dies gelungen, auch die Liberalen, wie natürlich, mit Fußtritten wegzujagen. So herrschte 1848, Mai bis zur Dezemberwahl Bonapartes5, in Frankreich die rein republikanische Partei des „National“, die allerschwächste von allen, bloß durch die hinter ihr sich organisierende Gesamtreaktion. So ist es in jeder Revolution gegangen: die zahmste, überhaupt noch regierungsfähige Partei kommt mit ans Ruder, eben weil nur darin die Besiegten die letzte Möglichkeit der Rettung sehn. Nun ist nicht zu erwarten, daß wir im Moment der Krise bereits die Majorität der Wähler, also der Nation, hinter uns haben. Die ganze bürgerliche und der Rest der feudalen besitzenden Klasse, ein großer Teil des Kleinbürgertums wie der Landbevölkerung schart sich dann um die sich in der Phrase dann äußerst revolutionär gebärdende, äußerste bürgerliche Partei, und ich halte es für sehr möglich, daß sie in der provisorischen Regierung vertreten sein wird, ja selbst momentan deren Majorität bildet. Wie man dann, als Minorität, nicht zu handeln hat, hat die soz.-dem. Minorität der Pariser Februarregierung 1848 gezeigt. Indes ist dies letztere vorderhand noch eine akademische Frage.

Nun kann die Sache in Deutschland allerdings anders verlaufen, und zwar aus militärischen Gründen. Anstoß von außen kann, wie die Sachen jetzt liegen, kaum anders als von Rußland kommen. Kommt er nicht, geht der Anstoß von Deutschland aus, so kann die Revolution nur von der Armee ausgehn. Ein unbewaffnetes Volk gegen eine heutige Armee ist militärisch eine rein verschwindende Größe. In diesem Fall – wo unsre Reserve von 20–25 Jahren, die nicht stimmt, aber exerziert, in Aktion träte, könnte die reine Demokratie übersprungen werden. Diese Frage ist aber gegenwärtig ebenfalls noch akademisch, obgleich ich als sozusagen Repräsentant des großen Generalstabs der Partei verpflichtet bin, sie ins Auge zu fassen. Jedenfalls ist unser einziger Gegner am Tag der Krise und am Tag nachher – die um die reine Demokratie sich gruppierende Gesamtreaktion, und das, glaube ich, darf nicht aus den Augen verloren werden.

Wenn Ihr Anträge im Reichstag stellt, so ist da einer, der nicht vergessen werden sollte. Die Staatsdomänen werden meist an Großpächter verpachtet, kleinstenteils an Bauern verkauft, deren Parzellen aber so klein, daß die neuen Bauern auf Taglohnarbeit bei den großen Wirtschaften angewiesen sind. Zu verlangen wäre Verpachtung großer ungeteilter Domänen an Genossenschaften von Ackerbauarbeitern zur gemeinsamen Bewirtschaftung.

Das Reich hat keine Domänen, und so wird sich wohl ein Vorwand finden, so etwas als Antrag zu beseitigen. Aber ich glaube, daß dieser Feuerbrand unter die Ackerbautaglöhner geworfen werden muß, was ja bei den vielen staatssozialistischen Debatten geschehn kann. Damit, und damit allein sind die Landarbeiter zu fassen: das ist die beste Methode, sie darauf hinzuweisen, daß sie später bestimmt sind, die großen Güter der jetzigen gnädigen Herren für gemeinschaftliche Rechnung zu bewirtschaften. Und damit wird Freund Bismarck, der positive Vorschläge von Euch verlangt, auf einige Zeit genug haben.
Beste Grüße.

Dein
F. E.

12. Dez. 84