London, 23. Nov. 1884
Meine liebe Laura,
Ich freue mich, daß Du wohlbehalten angekommen bist und Paul der Kuchen geschmeckt hat –, aber Nim kann sich nicht beruhigen, daß er darauf bestand, ihn mit Käse zu essen. Nim hatte starke Zahnschmerzen; der Zahn war gesund, wackelte aber. Gestern nahm sie eine alte, kleine Zange, die sie aus Maitland Park mitgebracht hatte, zog ihn damit heraus, belohnte ihren Mut mit einem Schluck Brandy und ist jetzt wieder ganz munter.
Am letzten Freitag1 hatte die Social Democratic Federation einen Benefizabend. Tussy und Edward spielten in einem Stück mit – ich bin nicht hingegangen, da ich es noch nicht aushalte, drei Stunden hintereinander auf einem harten Stuhl zu sitzen. Nim sagt, sie hätten sehr gut gespielt – das Stück, so sagt sie, sei mehr oder weniger ihre eigene Geschichte gewesen. Mutter Wright las vor – sehr gut. Bax spielte Klavier – ziemlich lange. Morris, der neulich abend herkam und ganz begeistert war, die ältere nordische Edda auf meinem Tisch zu sehen – er ist ein Island-enthusiast – las aus eigener Dichtung vor (eine „refonte“2 von Helreidh Brynhildars3) aus der alten Edda – (die Schilderung von Brünhildens Selbstverbrennung mit Sigurds Leiche) usw. usw. Es verlief alles sehr gut – ihre Kunst scheint besser zu sein als ihre Literatur, und ihre Poesie besser als ihre Prosa.
Pauls Replik an Block ist ausgezeichnet, nicht nur der Stil, sondern auch der Inhalt. Die Menschen lernen auf verschiedene Art, und wenn er politische Ökonomie im Kampf erlernt, so ist das sehr gut; die Hauptsache ist, daß er sie lernt. Es war sehr richtig, die Frage des gleichen Preises für Korn, das mit unterschiedlichem Arbeitsaufwand produziert wird, wegzulassen – das ist zu kompliziert und wird erst im III. Buch des „Kapitals“ gelöst. Worauf er jedoch zurückkommen könnte, wenn er dazu Gelegenheit hat, ist Blocks stupide Verleumdung auf Seite 131, Anmerkung: daß Mohr insiste surtout sur le capital employé dans le commerce tant, sous la forme argent (espèces) que sous la forme marchandises4. Das ist eine direkte Lüge oder ein Beweis dafür, daß er nicht weiß, was er schreibt. Mohr erwähnt Wucherkapital und Kaufmannskapital nur als historische Fakten, schließt sie jedoch ausdrücklich von der ganzen ökonomischen Erörterung in Buch I aus, wo Kapital nur in seiner einfachsten Form als Industriekapital betrachtet wird.
Ein Schreibfehler ist Paul auf S. 285 unterlaufen: la grandeur de la plus-value est en rapport direct avec la longueur de la journée de travail, mais en rapport inverse avec le taux du salaire5.
Du weißt doch, daß mein einziger Einwand gegen Pauls Replik an Bl[ock] meine Befürchtung war, er könnte dadurch seine letzte Antwort an Leroy-B[eaulieu] „blockieren“. Wenn er Molinari so eingeseift6 hat, daß dieser Paul gestattet, jedem alles zu erwidern, um so besser.
Der Bericht im „Sozialdemokrat“ über das Meeting zugunsten der Deutschen sowie die Auszüge aus dem „Lyon Soc[ialiste]“, die dort gegeben wurden, werden in Deutschland und überall eine ungeheure Wirkung haben. Nichts überrascht den Philister und auch die Arbeiter anderer Länder mehr als diese Herzlichkeit und dieses Hand-in-Hand-Arbeiten der Proletarier der beiden „erbfeindlichen Nationen“7. Dies sollte soviel und so oft wie möglich mis en avant8 werden.
Was den armen Brousse, den Mann ohne Programm, anbetrifft, den der Zweifel plagt, auf Grund welchen Programms unsere Leute gewählt worden sind, so wird ihm die Erklärung von Müller in Darmstadt, die Guesde zu meiner Freude im „C[ri] du P[euple]“ verwandt hat, eine Antwort gewesen sein. Noch besser ist das hannoversche Programm in der Ausgabe des „Soz[ial]dem[okrat]“ von dieser Woche, Nr. 47. Ich wünschte, Guesde würde davon Gebrauch machen. Diese beiden Erklärungen und die Tatsache, daß sie in neuen Kreisen – Darmstadt und Hannover – herausgebracht worden sind, wo man von unseren Leuten erwartet hätte, daß sie sich Stimmen erbetteln müßten, haben mir genausoviel Freude gemacht wie die Wahlen selber. Sie zeigen, wie gründlich der revolutionäre Geist durch Bismarcks Verfolgungen wachgerüttelt worden ist. Ich hatte beinahe erwartet, daß die neuen Kreise „gemäßigte“ Männer schicken könnten, aber jetzt befürchte ich das nicht mehr. Auch Sabor, der jüdische Schulmeister aus Frankfurt, gehört zum Bebel-Flügel der Partei.
Bernsteins Brief an Paul über Lassalle findet seine Erklärung darin, daß in Paris wie in London und New York die alte Lassalle-Clique unter den Deutschen noch stark vertreten ist. Sie sind zum größten Teil ausgewandert, Deutschland ist ihnen zu heiß geworden und will nicht auf sie hören. Aber da sie im Ausland verhältnismäßig harmlos sind und einen nützlichen internationalen Baustein bilden und außerdem Fonds für die Deutschen zu Hause schaffen, on les ménage un peu9.
Loria tut gut daran, mir seine Erzeugnisse nicht zu schicken. Als richtiger „Kathedersozialistischer Streber“10 beraubt er uns rechts und links. Übrigens, was gedenkt Paul zu tun, wenn er ihm antworten sollte: donne de côté11. Loria weiß genausogut wie wir, warum die Kapitalisten in den einen so gut wie in den anderen Industriezweig gehen. Aber die eigentliche Frage ist die, auf die ich schon hingewiesen habe, und die ist gar nicht so einfach; tatsächlich war sie es, die zum Zusammenbruch der klassischen Ökonomie, die sie nicht lösen konnte, geführt hat. Die déroute12 der Ricardoschen Schule – wie Mohr es in seinem Manuskript nennt13 – gerade in dieser Frage, öffnete der Vulgärökonomie die Tore.
Meine Spaziergänge mit Dir haben mir sehr gut getan – ich dehne sie täglich weiter aus, und meine Muskeln werden wieder straffer.
Herzliche Grüße an Paul. Alles Gute von Nim!
In Zuneigung
F. E.
Arme alte Mutter Heß! „Wir waben, wir waben!“14 Ich hoffe, sie hat endlich, was sie braucht.
Ehe ich schließe, möchte ich Dich noch bitten, mir einen Gefallen zu tun. Paul hat von mir: 1. Darwins „Origin of Species“. 2. Thierry: „Histoire du Tiers État“. 3. Paquet: „Institutions provinciales et communales de la France“. 4. Buonarroti’s „Conspiracy of Babeuf“. Weiter: Jenny hatte von mir 1. „Die Edda“, poetische und prosaische15 und 2. „Beowulf“, beides in Simrocks neuhochdeutscher Übertragung. Die beiden letzten Bücher und Darwin brauche ich dringend. Könntest Du sie, wenn sie aufzufinden sind, zusammenpacken (Thierry und Paquet brauche ich auch, und Buonarroti ist jetzt nicht zu haben) und mir als Paket schicken? Die Vertreter des Continental Parcels Express (agence Continentale) sind E. d’Odiardi, 18, rue Bergère und P. Bigeault, 23, rue de Dunkerque, gegenüber dem Gare du Nord. Die Fracht bezahle nicht, denn so kommt es sicherer an; und, denke dran, ich brauche sie nicht so eilig, daß Du nun sofort kopfüber nach Argenteuil fahren sollst, um die Bücher zusammenzusuchen.
Clemenceau scheint moralisch herunterzukommen, während er politisch aufsteigt – das ist in der französischen Bourgeois-Politik wohl unvermeidlich. Sein Besuch bei Gladstone und der Unsinn, den er dort gesagt hat, sind ein Symptom dafür; das andere Symptom ist sein Schweigen in der Kammer zur Sozialistenhetze16 und zu den grausamen Urteilen von Lyon, Montluçon usw.
Was Pauls Wunsch anlangt, eine irische Zeitung zu bekommen, so ist keine zu empfehlen. Nebenbei gesagt, wenn die „Égalité“ jede Gewalttat, mag sie noch so stupid sein, als exécution bezeichnet, so genügen die Havas-Telegramme durchaus. Für die anderen Dinge reichen die irischen Korrespondenzen der „Daily News“.
Wenn Paul darauf achtet, daß die „Égalité“ regelmäßig an den „Soz[ial]dem[okrat]“ nach Zürich abgeht, dann wird er diese Zeitung pünktlich dafür erhalten, aber ich werde Bernstein bitten, sie an Deine Adresse zu schicken, damit Du sie bekommst und nicht Leute, die sie nicht verstehen.
Herzliche Grüße an Paul.
In herzlicher Zuneigung
F. E.
Aus dem Englischen.