127
Engels an Hermann Engels
in Engelskirchen

London, 11.Nov. 1884

Lieber Hermann,

Die traurigen Nachrichten über Emils1 Krankheit, die mir Dein Brief vom 25.Sept. brachte, kamen mir nicht ganz unerwartet. Er selbst hatte mir von Zeit zu Zeit über seinen Gesundheitsstand geschrieben und über die Notwendigkeit, in der er sei, den Winter im Süden zubringen zu müssen, auch Deine früheren Briefe enthielten manche Andeutungen, die mich besorgt machten. Wenn sich nun schließlich Tuberkeln eingestellt haben – in unserm Alter sonst nicht eben häufig –, so ist das allerdings ein sehr schlimmes Zeichen, ich hoffe aber, er wird trotzdem noch einige Zeit unter uns bleiben können und in einem Zustand, der ihm das Leben nicht ganz zur Last macht. Eine Freude hat er immer noch erlebt, wie ich neulich aus der Zeitung sah: die Eröffnung der Aggertalbahn, für die er so lange Jahre unaufhörlich gearbeitet hat. Ist auch diese kleine Nebenbahn keineswegs das, was er erstrebte, so ist sie doch besser als nichts und wird ein ganz andres Leben in das Tal und nach Engelskirchen bringen als bisher.

Ich hätte Dir früher geschrieben, aber da kam Hermanns2 Hochzeit dazwischen, wo ich nicht recht wußte, wo Du warst, und seitdem bin ich oft unterbrochen und sehr mit Arbeit überhäuft gewesen. Dazu bin ich selbst seit 18 Monaten stark an die Gebrechlichkeit des menschlichen Körpers in eigner Person erinnert worden. Was es eigentlich war, werde ich wohl nie erfahren, genug, die Sache scheint jetzt in Ordnung zu kommen und sich in einen bruchartigen Fehler zu verlaufen (wobei es nicht ein Stück Darm ist, was sich senkt, sondern Bauchwasser). Ich bin dabei an einen sehr tüchtigen Bandagisten gekommen, der von den sonst ziemlich seltenen Fällen dieser Art manchen behandelt und eine sehr praktische, gar nicht genierende Maschine dafür konstruiert hat; nach längerem Probieren bin ich jetzt damit so ziemlich in Ordnung und kann mich endlich wieder bewegen und, was mir fast ganz unmöglich war, am Pult arbeiten. Wenn die Sache so vorangeht, will ich froh sein; außer Erschlaffung der Muskel und Bänder, die nach so langem bewegungslosen Liegen auf dem Sofa natürlich ist, spüre ich jetzt nichts mehr und werde allgemach wieder der alte.

Hoffentlich geht es Euch allen sonst gut. Rudolf3 scheint auch wieder auf den Damm zu kommen. Er scheint in mancher Beziehung mehr von der Konstitution unsres Vaters geerbt zu haben, der auch bis in die Vierzig immer mit dem Magen zu tun hatte, dann aber ganz gesund wurde und wohl noch lebte, wenn nicht der Typhus ihn weggerafft hätte.

Bitte laß mich bald mal wieder hören, wie es Emil geht und Euch andern, und was Hedwig4 macht. Hermann wird wohl bald von seiner Hochzeitsreise zurückkommen.

Herzliche Grüße an alle Geschwister, Emma5, Deine Kinder und Dich selbst

Dein
Friedrich