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Engels an Karl Kautsky
in Zürich

London, 8. Nov. 84

Lieber Kautsky,

Zwischen Deinem letzten Brief und heute liegen die Wahlen – d. h. fünf Jahre. Ich komme also nur kurz darauf zurück.

Inl. L[iebknecht]s Brief – charakteristisch. Warum Du die „N[eue] Z[eit]“ nicht von London sollst ebensogut redigieren können wie von Zürich, ist unerfindlich. Warum Du in London für die deutsche Partei verloren sein sollst, ebenfalls. Indes ist dieser Brief kein Beweis, daß L[iebknecht] nicht nächstens – unter dem Einfluß andrer Umgebung und andrer Stimmung – ganz anders schreibt und denkt. Sein nur halber Erfolg in Offenbach – wie die Stichwahl ausgefallen, wissen wir hier noch nicht – gibt ihm vielleicht zu denken. Kostbar ist die Stelle über die „uneinnehmbare“ Position in Stukkert1. Wie der Unteroffizier der französischen Revolutionsarmee seiner barfußen Korporalschaft die Rede des Volksrepräsentanten erzählt: Le représentant a dit: Avec du fer et du pain on va jusqu'en Chine. Il n'a pas parlé de chaussures.2 Uneinnehmbar – wenn die Polizei nicht wäre!

Ich schreibe an Dietz, er soll mir Korrektur der Vorrede3 umgebrochen einsenden, einige Änderungen werden nötig sein. Bei einer solchen Geschichte kann man nicht zu vorsichtig in den Ausdrücken sein, wenn man nicht an einem etwas schiefen oder verdrehbaren Wort festgenagelt sein will.

Die Wahlen werden in ganz Europa und Amerika nachhallen. Das war aber auch ein Triumphtag. Die „Kölnische“4 gesteht uns 3/4 Million Stimmen zu und kriecht auf dem Bauch vor den 4000, die in Köln für Bebel gestimmt, um sie für die Stichwahl zu erbetteln. Die „Kölnische“ ist mir wichtiger als andre Blätter, weil der rheinische Bourgeois immer noch der entwickeltste Bourgeois Deutschlands ist und sie ihn reflektiert. Und da ist dieser komplette Umschwung, dieser plötzliche Respekt vor der neuen Macht um so bezeichnender.

Es ist aber auch famos. Zum erstenmal in der Geschichte steht eine solid geschlossene Arbeiterpartei als wirkliche politische Macht da, entwickelt und großgewachsen unter den härtesten Verfolgungen, unaufhaltsam einen Posten nach dem andern erobernd, frei von allem Philistertum im philiströsesten, von allem Chauvinismus im siegestrunkensten Land Europas – eine Macht, deren Dasein und Anschwellen den Regierungen und den alten herrschenden Klassen ebenso unbegreiflich und geheimnisvoll ist, wie das Anschwellen der christlichen Flut den Gewalten des untergehenden Römertums, die aber ebenso sicher und unaufhaltsam sich emporarbeitet, wie damals das Christentum, so sicher, daß die Gleichung ihrer wachsenden Geschwindigkeit und damit der Zeitpunkt ihres schließlichen Siegs sich schon jetzt mathematisch berechnen läßt. Das Sozialistengesetz hat ihr vorangeholfen, statt sie zu erdrücken, die Bismarcksche Sozialreform ist von ihr nur eines Fußtritts gewürdigt worden, und das letzte Mittel, sie momentan zu erdrücken – die Verleitung zu vorzeitigem Putsch –, würde nichts hervorrufen als unsterbliches Gelächter.

Sonderbar. Was uns am meisten voranhilft, ist grade die zurückgebliebne industrielle Lage Deutschlands. In England und Frankreich ist der Übergang zur großen Industrie so ziemlich vollendet. Die Verhältnisse, in denen sich das Proletariat befindet, sind schon stabil geworden; Ackerbaubezirke und Industriebezirke, große Industrie und Hausindustrie geschieden und soweit befestigt, wie es die moderne Industrie überhaupt zuläßt. Selbst die Schwankungen, die der zehnjährige Krisenzyklus mit sich bringt, sind gewohnheitsmäßige Bedingungen des Daseins geworden. Die während der Umwälzungsperiode der Industrie entstandnen politischen oder direkt sozialistischen Bewegungen – unreif, wie sie waren – sind gescheitert und haben eher Entmutigung hinterlassen als Aufmunterung; die bürgerliche kapitalistische Entwicklung hat sich stärker bewiesen als der revolutionäre Gegendruck; zu neuer Erhebung gegen die kapitalistische Produktion bedarf es eines neuen, gewaltigeren Anstoßes, etwa der Entthronung Englands von der bisherigen Weltmarktsherrschaft, oder einer besondern revolutionären Gelegenheit in Frankreich.

Dagegen in Deutschland datiert die große Industrie erst von 1848 und ist das größte Vermächtnis dieses Jahres. Die industrielle Umwälzung geht noch immer voran und unter den ungünstigsten Bedingungen. Die auf kleinen, freien oder gepachteten Grundbesitz gestützte Hausindustrie kämpft noch fortwährend an gegen die Maschinen und den Dampf; der untergehende Kleinbauer wirft sich auf Hausindustrie als letzten Rettungsanker; aber kaum industriell geworden, wird er schon wieder von Dampf und Maschine erdrückt. Der ländliche Nebenverdienst, die selbstgebaute Kartoffel wird das kräftigste Mittel zum Herabdrücken des Lohns für den Kapitalisten, der den ganzen normalen Mehrwert jetzt dem auswärtigen Kunden schenken kann als einziges Mittel, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben, und der seinen ganzen Profit macht durch Abzug am normalen Arbeitslohn. Daneben die direkte Umwälzung aller Lebensverhältnisse in den industriellen Zentren durch die mächtig fortschreitende Großindustrie. So wird ganz Deutschland – mit Ausnahme des verjunkerten Nordostens etwa – in die gesellschaftliche Revolution gerissen; der Kleinbauer in die Industrie gezogen, die patriarchalischsten Bezirke in die Bewegung geschleudert und damit viel gründlicher revolutioniert als England oder Frankreich. Diese gesellschaftliche Revolution, die schließlich auf Enteignung des kleinen Bauern und Handwerkers hinausläuft, vollzieht sich aber zu einer Zeit, wo es grade einem Deutschen, Marx, vergönnt war, die Resultate der englischen und französischen praktischen und theoretischen Entwicklungsgeschichte theoretisch zu verarbeiten, die ganze Natur und damit das geschichtliche Endschicksal der kapitalistischen Produktion klarzulegen; und damit dem deutschen Proletariat ein Programm zu geben, wie es die Engländer und Franzosen, seine Vorgänger, nie besessen. Gründlichere Umwälzung der Gesellschaft einerseits, größere Klarheit in den Köpfen andrerseits – das ist das Geheimnis des unaufhaltsamen Fortschritts der deutschen Arbeiterbewegung.

Ich wollte noch an Ede schreiben, aber es ist zu spät geworden – dazu Pumps mit der Kleinen gekommen, und da muß ich mit der spielen. Um 5 kommt Aveling und Tussy, und um 7 will Morris mit mir einen großen Rat halten. Also einstweilen muß Ede sich mit meinem Gruß begnügen.

Dein
F. E.