London, 13. Sept. 84
Lieber Ede,
Seit 14 Tagen (beinah) wieder hier. Eisengarten, der während meiner Abwesenheit den fertigen Teil des Ms. II. Teil1 ins reine schreiben sollte, hat bei der Hitze teils gebummelt, teils so schön, aber so langsam und so wenig geschrieben, daß ich nicht wagen darf, das Fertige an Meißner zu schicken, weil ich nicht rasch genug nachliefern könnte. So wird aus der raschen Veröffentlichung zunächst nichts; was M[eißner] nun machen wird, weiß ich nicht. Mir ist’s teilweise doch lieb so, ich bin um so sicherer, daß nichts übers Knie gebrochen zu werden braucht.
Was Du von Übersetzung meiner Broschüre2 sagst, ist sehr schön und gut. Aber wie übersetzt Lafargue? Er fragt weder seine Frau noch das Wörterbuch; er macht alles allein, dekretiert: dies deutsche Wort heißt auf französisch so, und schickt mir dann das Ms. ein, stolz auf sein Meisterstück. Grad so gut mach ich’s selber. Er will natürlich gleich dran – doch nous verrons ce que nous verrons3. Was eine englische angeht, so hat A[veling] genug zu tun vorderhand und wollte auch meine „Entwicklung“ übersetzen. Aber zahlende Verleger? Und ohne Zahlung kann er bei seiner Lage nicht mehr arbeiten als schon geschieht. Auch hat das keine solche Eile. Vorab müssen wir das „Kapital“4 englisch haben, und das wird noch Mühe und Arbeit genug kosten.
Sehr amüsiert hat mich die Abfertigung von Bahr und Fabian, ditto von Freund Gumbel wegen der Börsensteuer (diesen erkenne ich jedesmal, ob er Heilbronner Philister verteidigt, mit denen er biedermännisch stammkneipt, oder sonst was). An Bahr und Fabian habt Ihr zwei schöne Exempel der deutschen „Wissenschaft“, und es macht mir immer Freude, die recht derb abgeführt zu sehn. Man schlägt den Bahr und meint den Geiser.
Besonders gefreut hat mich aber auch die Manier Deines Zuschlagens, das Hervorheben der wesentlichen Punkte und die Schneid.
Jetzt muß ich unterbrechen, ich kann immer noch nur kurze Zeit am Pult sitzen. Ich habe kalte Bäder an der See genommen, die haben mir mehr geschadet als genützt. Also bis morgen.
14. Sept. Ms. „Misère“ hab’ ich vorige Woche, 4. Sept., an Dich rekommandiert geschickt, nebst Anmerkungen, Du hast’s wohl erhalten. Bei Vergleichung meiner Änderungen mit dem Original werdet Ihr finden, daß doch verschiedne Wendungen nicht richtig aufgefaßt waren (bei einigen hab’ ich Glossen gemacht), das ist aber unvermeidlich, wenn man nicht länger im Land selbst gelebt.
Dem Künstler, ich hab’ seinen Namen vergessen und seinen Brief verlegt, der Marx farbendrucken will, hab’ ich endlich eine Kopie meiner vergrößerten Photographie besorgen können.5 Ich schicke sie an Dich, morgen oder übermorgen.
Da es sich bei den diesmaligen Wahlen um einen großen Effekt handelt, so müssen wir uns alle anstrengen, und so lege ich Dir für den Wahlfonds eine Anweisung für £ 25 bei.
Sorge schickt mir Gronlund, „The Cooperative Commonwealth“ – die Darstellung der Theorie nach M[arx] ziemlich flach, aber dem Philister faßbar; Hauptzweck scheint, seine Zukunftskonstruktion, die mir zum Lesen zu langweilig, als echten German Socialism ausgeben zu können. Marx wird nicht zitiert, sondern nur gesagt: such noble Jews as Marx and Lassalle!6 Au weih!
„To-Day“ wird unter Hyndman immer schlechter. Um es interessanter zu machen, wird alles mögliche genommen: die Redaktion schreibt mir, in der Oktobernummer käme eine Kritik des „Kapital“! und fordert mich auf zu antworten – was ich mit Dank ablehnte. Also aus einem sozialistischen Organ ein Organ, worin Krethi und Plethi Sozialismus diskutiert, pro und kontra.
Ich schicke Dir eine „Kölnische“, woraus Du sehn kannst, wie selbst die humane zivilisatorische Association Internationale des Stanley-Leopold von Belgien in Afrika operiert. Was mögen da erst die Portugiesen und Franzosen machen – und erst unsre Prügel- und Erschieß-Preußen, wenn die anfangen! Übrigens hat Bismarck mit dem Kolonialschwindel einen famosen Wahlcoup gemacht. Darauf fällt der Philister hinein, ohne Gnade und massenhaft. Es wird ihm wohl wieder gelingen, eine Doppelmajorität zur gefälligen Auswahl zu bekommen: Konservative + Nationalliberale, oder wenn letztere doch mal wieder mucken sollten, Konservative + Zentrum. Uns macht das nichts aus.
Wenn ich noch Zeit bekomme, lege ich ein paar Zeilen an K. K[autsky] bei.
Dein
F. E.
15. Sept. Keine Zeit, K. K[autsky] muß etwas warten.