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Engels an Johann Philipp Becker
in Genf

London, 20. Juni 84

Lieber Alter,

Hiermit zeige ich Dir an, daß ich heute eine Postanweisung für fünf Pfund für Dich herausgenommen habe, und hoffe, Du wirst bei Ankunft dieses, das eine Post später geht, schon Empfangsanzeige von der Post haben. Ich hatte schon längere Zeit auf den Moment gelauert, wo ich das Betreffende flüssigmachen könnte und freue mich, daß er jetzt eingetroffen.

Einen langen Brief kann ich Dir aber leider nicht schreiben, da das viele Sitzen am Pult in meinem speziellen Zustand mir schädlich und deshalb verboten ist. Ich habe mich damit leider wieder etwas wackelig gemacht; ich habe sehr viel arbeiten müssen; aber Ruhe in liegender Stellung, die ich seit ein paar Tagen wieder stark betreibe, wird das bald wieder in Ordnung bringen. Ich diktiere jetzt den 2ten Band des „Kapitals“ und komme soweit rasch damit voran, es ist aber eine Heidenarbeit und wird viel Zeit und stellenweise Kopfbrechen erfordern. Glücklicherweise ist mein Kopf in ganz guter Ordnung und vollständig arbeitsfähig, wie Dir ein wohl bald im Druck erscheinendes Büchel über den „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ hoffentlich beweisen wird. Bis Ende dieses Jahrs, denke ich, erscheint auch das zweite Buch des „Kapitals“, das dritte im folgenden Jahr.

Pfingsten war ich 8 Tage bei Borkheim, er liegt noch da mit seiner Halbseitenlähmung, steht dreimal tags zu Mahlzeiten und etwas Schreiben auf, schreibt seine Biographie, ist so lustig und wohlgemut, wie es bei der Lage ein Wunder ist, langweilt sich aber doch stellenweise arg. Dazu kann er nichts sehr Anstrengendes lesen, hat das freilich früher auch nicht getan. Ich schicke ihm ab und zu Bücher und dergleichen. Er erkundigte sich sehr nach Dir, wir haben viel von Dir und alten Zeiten überhaupt gesprochen.

Unter den Papieren von Marx habe ich einige militärische Marschjournale und dgl. über deutsche Kolonnen in der Schweiz gefunden, die wohl zu den von Dir erwähnten Papieren gehören. Vielleicht findet sich noch mehr. Es ist alles hier in Sicherheit, aber noch in vollständiger Unordnung. Vorderhand muß ich die sämtlichen Briefschaften etc. in eine große Kiste verschließen, bis ich Zeit bekomme zum Sortieren und Ordnen. Es ist jetzt absolut nötig, daß die Schlußbände vom „Kapital“ in einem druckbaren Text und in einer leserlichen Handschrift hergestellt werden. Beides kann nur ich von allen Lebenden. Sollte ich vorher abkratzen, so wäre es jedem andern unmöglich, die Sachen zu entziffern, die Marx selbst oft nicht mehr lesen konnte, wohl aber seine Frau und ich. Die Briefe dagegen sind so geschrieben, daß auch andre sie lesen können.

In drei bis vier Monaten werden wir Wahlen in Deutschland haben. Ich habe die besten Hoffnungen. Unter den Führern ist mancher Schlappes, aber auf die Massen bau’ ich felsenfest.

Dein alter
F. Engels