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Engels an Laura Lafargue
in Paris

London, 18.April 1884

Meine liebe Laura,

Besten Dank für Deine Nachricht über die Kinder1, die uns alle sehr erfreut hat. Hoffen wir, daß sich die neue Regelung wenigstens für einige Zeit und ohne zu viele Reibereien bewährt, obwohl sie2, nach allem, was Du erzählt hast, Manns genug zu sein scheint, reichlich davon aufkommen zu lassen.

Was unsere „Sozialisten“-Gruppe hier angeht, so bin ich auch der Meinung, und sagte es bereits, daß Bax und Aveling die einzigen sind, um die es sich zu kümmern lohnt, sie haben wenigstens den guten Willen zu lernen, wenn auch manches zerfahren ist. Aber das schlimmste ist, daß diese kleine Clique von Leuten, die sich öffentlich „gegenseitig bewundern“ und sich auch mehr oder minder im geheimen „gegenseitig verleumden“ (besonders Hyndman), durch ihr boshaftes Geschwätz zu einem regelrechten Ärgernis wird. Zuerst erfahren wir von S.Moore, er hätte in Manchester gehört, Hyndman sei damit beschäftigt, das „Kapital“ zu übersetzen. Uns ist es bisher noch nicht gelungen, dieses Mysterium zu enträtseln, aber es wird sich wahrscheinlich als canard3 erweisen. Und nun, bevor wir das überhaupt geklärt haben, verbreiten diese beiden Wichtigtuer4 in Paris das Gerücht, daß Aveling daran sitze! Kurz gesagt, die Geschichte ist die: Aveling, der den deutschen Text studiert, hat einige Seiten für sich, zum eigenen Gebrauch, übersetzt. Zur gleichen Zeit, da Hyndman als möglicher Mitbewerber dafür genannt wurde, erklärte Sam, daß er mit seiner Übersetzung sehr langsam vorankäme und über etwas Hilfe froh wäre. So kam die Rede auf Aveling; ich sah mir seine Arbeit an und fand sie völlig unbrauchbar. Er war jedoch sehr erpicht darauf, und so wurde vorige Woche, als er Sam Moore hier traf, vereinbart, daß er es mit dem Kapitel „Der Arbeitstag“5 versuchen solle, da dieses hauptsächlich beschreibend und relativ frei von schwierigen theoretischen Passagen ist, denen A[veling] vorläufig absolut nicht gewachsen ist, das heißt, solange er nicht das ganze Buch durchgearbeitet und verstanden hat. Gleichzeitig aber sagte ich Sam, daß ich dabei eine Bedingung stelle: daß man Dir vorschlägt, mitzuarbeiten, worüber Sam sehr froh war, und deshalb möchte ich Dich bitten, Deine Wahl zu treffen. Die Sache steht gegenwärtig folgendermaßen:

Sam macht jetzt den 1.Abschnitt von Anfang an; wir sind Teile des 1.Kapitels durchgegangen, und es ist sehr gut, obwohl wir es noch einmal durchsehen werden. Er will ihn zu Ende machen, d. h. bis zu Seite 127 (2.Ausgabe), und die schwierigsten Teile (S.22–44) werden wir beide unabhängig voneinander machen und dann vergleichen. – Von Seite 128 bis 221 (2.Abschnitt und 3.Abschnitt, Kapitel 5, 6 und 7) sind fertig. Kapitel 8 wollen wir Aveling versuchen lassen. Alles andere steht Dir zur Auswahl frei. Ich glaube nicht, daß Du den nächsten, den 4.Abschnitt, Kooperation, Teilung der Arbeit, ... Maschinerie usw. auf den S.318–529 gern übernehmen möchtest, da dies ziemlich speziell ist, ebenso der 6.Abschnitt: der Arbeitslohn. Der 7., die Akkumulation, würde Dir vermutlich am besten zusagen. Aber entscheide selbst. Bei den Fachausdrücken, für die es schwer sein wird, das englische Äquivalent in Paris zu finden, könntest Du Platz lassen, wir könnten sie hier oder in Manchester ausfindig machen und einsetzen. Da alle Teile der Übersetzung durch meine Hände gehen, kann ich die Begriffe leicht vereinheitlichen (d. h. im ganzen Buch die gleichen Fachausdrücke verwenden). Wenn Du unseren Vorschlag annimmst, was ich hoffe, und Dir einen Abschnitt aussuchst, werden wir wenigstens zum Teil Mohrs Wunsch erfüllt und Deinen Namen und Deine Arbeit mit dieser Übersetzung verbunden haben, die – wie ich mich täglich immer mehr überzeuge – eine absolute Notwendigkeit ist, wenn man nicht will, daß der gegenwärtigen Bewegung hier an ihrer eigenen Hohlheit die Luft ausgeht, wie einem Ballon, der ein Loch hat; und wir werden auch die Veröffentlichung etwas beschleunigen können. Tussy hat es übernommen, alle Zitate aus den Blaubüchern herauszusuchen und die Stellen in der Originalfassung herzustellen, um eine Rückübersetzung und Fehler auszuschalten, die dabei unvermeidlich wären. Auch wird sie Kegan Paul so bald wie möglich aufsuchen, vielleicht heute (wegen der Osterfeiertage konnten wir in dieser Richtung nichts unternehmen), und für mich eine Unterredung mit ihm vereinbaren, bei der wir dann hoffentlich die geschäftlichen Angelegenheiten regeln können; wir werden dann auch schon wissen, ob an der Geschichte mit Hyndman etwas Wahres ist.

Wenn Du also ja sagst, so wird wenigstens etwas Gutes bei dem Geschwätz von Bax und Joynes herausgekommen sein; denn offen gesagt, ich habe kein großes Vertrauen zu Avelings gegenwärtigen Versuchen.
Von Mohrs Photographien gibt es ungefähr 450 kleine (cartes) zu sh. 24/– per 100 und 250 große (cabinets) zu sh. 50/– per 100. Wenn Du willst, schicke ich Dir einen ganzen Packen davon, sobald ich Zeit habe, ihn fertigzumachen. Augenblicklich habe ich immer noch einen Haufen Bücher zu packen. Sam ist Mittwoch abgefahren, Schorlemmer bleibt noch bis Montag hier. Er läßt Dir eine Million herzlichste Grüße bestellen.
Das Exemplar der 3.Auflage6 habe ich am 5.April per Einschreiben direkt an Danielson geschickt, und es wäre mir angenehm, wenn Paul das in seinem nächsten Brief an ihn erwähnte. Lop[atin] hatte mich gebeten, es zu schicken und mir die Adresse gegeben.
Jetzt muß ich noch an Paul schreiben. Ich verbleibe also, bis zum nächsten Mal,

in herzlicher Zuneigung Dein
F. Engels

Aus dem Englischen.