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Engels an Johann Philipp Becker
in Genf

122, Regent's Park Road, N. W.
London, 14. Febr. 84

Lieber Alter,

Von wegen meiner Gesundheit brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen, die Sache war langwierig, aber ganz ungefährlich, und zieht sich immer mehr zurück.

Der Laura hab' ich die Zeilen von wegen des Neujahrswunsches abschriftlich mitgeteilt.

Auch habe ich soeben wieder eine Postanweisung für Dich für fünf Pfund herausgenommen, damit Du Alter Dich selbst und Deine Frau etwas pflegen kannst. Ich hoffe, der verhältnismäßig milde Winter und die heranrückende bessere Jahreszeit werden Euch beide wieder auf die Beine bringen.

Ich habe einige von Dir herrührende Sachen gefunden, kann aber noch nicht sagen, ob es alles ist, es ist noch ein ganzer großer Korb Briefe etc. durchzusehn. Sobald ich damit im reinen bin, schick' ich Dir alles, was sich vorgefunden.

Was nun Deinen Plan angeht, so sind vor allem die in Deutschland jetzt herrschenden Verhältnisse zu berücksichtigen. Ich habe darüber von Zeit zu Zeit direkte Mitteilungen aus Deutschland selbst, und danach ist die Polizeiwillkür unbeschränkt und die Regierung entschlossen, jeder öffentlichen Agitation von seiten unsrer Partei ein Ende zu machen, unter was für Namen und Vorwand auch immer diese Agitation auftritt. Es genügt, daß die Sache von den Sozialdemokraten ausgeht, so wird jede Versammlung aufgelöst, jeder Versuch, in der Presse aufzutreten, erstickt, und in den Belagerungszustandsorten jeder Beteiligte ausgewiesen. Die Erfahrung der letzten sechs Jahre kann uns darüber keinen Zweifel lassen.

Da ist es nun meine Ansicht, daß über die Angemessenheit, den Zeitpunkt und den Gegenstand einer neu zu versuchenden Massenagitation wir im Ausland absolut außerstand sind zu entscheiden, und daß dies einzig den Leuten in Deutschland überlassen werden muß, die den Druck durchzumachen haben und die am besten wissen, was möglich und was unmöglich ist. Wenn Du Dich also an Bebel oder Liebknecht wendest, und die dort die Sache beraten, so würde ich der Ansicht sein, daß sie auf Ja oder Nein entscheiden, und wir uns dem fügen.

Übrigens steht es mit der Agitation in Deutschland gar nicht so schlecht, wenn auch die Bourgeoispresse das meiste unterdrückt und nur von Zeit zu Zeit ein unwillkürliches Angstgestöhn losläßt, daß die Partei Boden reißend gewinnt, statt ihn zu verlieren. Die Polizei hat unsern Leuten ein ganz famoses Feld eröffnet: den allgegenwärtigen und ununterbrochnen Kampf mit der Polizei selbst. Der wird überall und immer geführt, mit großem Erfolg und, was das Beste ist, mit großem Humor. Die Polizei wird besiegt und – ausgelacht obendrein. Und diesen Kampf halte ich unter den Umständen für den nützlichsten. Er erhält bei unsren Jungen vor allen Dingen frisch die Verachtung gegen den Feind. Schlechtere Truppen kann man gar nicht gegen uns ins Feld schicken, als die der deutschen Polizei; selbst wo sie übermächtig ist, erleidet sie eine moralische Niederlage, und die Siegesgewißheit unsrer Jungen wächst von Tag zu Tag. Dieser Kampf bringt es fertig, daß, sobald der Druck endlich nachläßt (und das geschieht am Tag, wo der Tanz in Rußland losgeht), wir nicht mehr nach Hunderttausenden zählen, sondern nach Millionen. Unter den sog. Führern ist viel faules Zeug, aber in unsre Massen hab' ich unbedingtes Vertrauen, und was ihnen an revolutionärer Tradition fehlte, das bringt ihnen der kleine Krieg mit der Polizei mehr und mehr bei. Und Du magst sagen, was Du willst, noch nie haben wir ein Proletariat gesehn, was in so kurzer Zeit gelernt hat, kollektiv zu agieren und gemeinsam zu marschieren. Darum, wenn auch nichts auf der Oberfläche erscheint, können wir, glaub' ich, dem Augenblick ganz ruhig entgegensehn, wo Appell geblasen wird, Du wirst sehn, wie sie antreten!

Brudergruß Dein alter
F. Engels