London, 9. Jan. 18841
Lieber Kautsky,
(Warum sollen wir uns noch gegenseitig mit dem „Herrn“ ennuyieren?) Die Nachricht wegen der Krönungsdekoration ist sehr charakteristisch und hat große Heiterkeit erregt, gleichzeitig ist dafür gesorgt, daß sie hier nicht vorzeitig in die Öffentlichkeit kommt, d. h. nicht ehe die Dekoration abgeliefert und bezahlt ist. Außer Schorl[emmer], Lenchen und Tussy weiß kein Mensch davon.
Besten Dank für Fr[ankel]s Adresse.
Das Ding von Deville ist, was die rein theoretischen Sachen angeht, der beste bis jetzt erschienene Auszug. Er hatte alles richtig verstanden und nur starke Nachlässigkeiten des Ausdrucks gebraucht, die ich im Manuskript entfernt habe. Dagegen ist der beschreibende Teil viel zu flüchtig gearbeitet, so daß er für Leute, die das Original nicht kennen, stellenweise total unverständlich ist. Dann hat er, was grade in einer populären Darstellung das Verständnis sehr erleichtert, das geschichtliche Auftreten der Manufaktur und großen Industrie als aufeinander folgender Geschichtsperioden viel zu sehr in den Hintergrund geschoben. (Man erfährt nicht einmal, daß die „Fabrikgesetzgebung“ gar nicht in Frankreich spielt, sondern nur in England!) Und endlich gibt er einen vollständigen Auszug des Gesamtinhalts inkl. der Sachen, die M[arx] der Vollständigkeit der wissenschaftlichen Entwicklung wegen hineinsetzen mußte, die aber für das Verständnis der Mehrwertstheorie und ihrer Folgen (und darauf allein kommt es für einen populären Auszug an) nicht nötig sind. So über die Anzahl der umlaufenden Geldstücke usw.
Dann aber auch nimmt er resümierende Sätze aus M[arx] wörtlich auf, nachdem er ihre Voraussetzungen nur unvollkommen gegeben. Dadurch werden diese Sätze oft ganz schief gestellt, so daß ich bei der Durchsicht sehr oft in den Fall kam, Sätze von M[arx] anfechten zu wollen, die im Original eine durch das Vorausgegangne klargelegte Beschränkung erfahren, bei D[eville] aber eine ganz absolut allgemeine und damit unrichtige Geltung erhalten. Das konnte ich nicht ändern, ohne das ganze Ms. umzuficken.
Was nun Ihre Übersetzung desselben betrifft, so zwingt meine Stellung zu Meißner mich, eine ganz neutrale Stellung einzunehmen. Sobald Sie mir definitiv schreiben, daß Sie die Sache ausführen werden, beabsichtige ich, nach Rücksprache mit Tussy, die ganz meiner Ansicht, folgendes: Ich schreibe an Meißner, daß jemand die Absicht habe, D[eville]s Ding (was ich Meißner zuschicken werde) deutsch herauszugeben, ich sähe darin nichts, was dem Verkauf des „Kapital“ schaden könne – eher nützen; auch könne ich es nicht hindern; denke er aber Schritte dagegen zu tun, so möge er es mich wissen lassen, ich würde das dann weiter mitteilen.
Abstrakt betrachtet, d. h. abgesehn von Meißner –, ist eine neue populäre und kurze (halb den Umfang von Deville) Darstellung der Mehrwertstheorie sehr nötig, und D[evilles] Arbeit, soweit sie theoretisch, weit besser als die andern. Wegfallen müßte: 1. die genaue Anlehnung an die einzelnen Kapitel und Unterabschnitte des „Kapital“, und 2. alles nicht zum Verständnis der Mehrwertstheorie Nötige. Dies schließt von vornherein Neubearbeitung des beschreibenden Teils, mit beträchtlicher Verkürzung, in sich. Dies wird auch den Bedenken Meißners die Spitze abbrechen, besonders wenn die Titel geändert, z. B.: Die unbezahlte Arbeit, und ihre Verwandlung in Kapital, oder so etwas.
Schlimmstenfalls könnte das Ding bei Dietz gedruckt und in der Schweiz herausgegeben werden, wie Bebels „Frau“.
Überlegen Sie sich also die Sache und schreiben Sie mir wieder darüber.
Die beiden Photographien2 für Sie und Motteler liegen bei.
Die Geschichte mit der fehlenden Nr. des „Soz[ialdemokrat]“ hat sich inzwischen aufgeklärt – es ist der größte Erfolg, den die Sozial-Demokratie bis jetzt erreicht hat, daß sie es fertigbrachte, 53 Wochen ins Jahr zu bringen – ein wahres Wunder! Nur so fort, dann leben wir alle um 2 Prozent länger.
Besten Gruß an Bernstein und Sie selbst von
Ihrem F. E.
Ich wollte Postanweisung für 1 Pfd. von Schorl[emmer] beilegen, es ist mir aber zu spät geworden – muß nächstens geschehn. Wann läuft mein und Tussys Abonnement ab? Letztere hatte ihren „S[ozialdemokrat]“ bis vorgestern auch nicht erhalten, sollte das vergessen sein? Bitte nachsehn zu lassen.