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Engels an Laura Lafargue
in Paris

London, 13. Dez. 1883

Meine liebe Laura,

Eigentlich wollte ich Dir erst dann schreiben, wenn ich Dir hätte mitteilen können, daß ich wieder „auf den Beinen bin“. Heute sind es acht Wochen, daß ich mich zur guten (oder vielmehr schlechten) Ruhe legte, und trotzdem ich mich wesentlich besser fühle und nur noch vorsichtshalber das Bett hüte, bin ich doch noch weit davon entfernt, meine Beine so benutzen zu können, wie es sein müßte. Diese armseligen „unteren Extremitäten“, um mich schicklich auszudrücken, sind jämmerlich zusammengeschrumpft, und – was genauso schlimm – „hinten“ ist an ihnen kaum noch etwas dran. Am schlimmsten aber ist, daß ich mich nur richtig wohl fühle, wenn ich flach auf dem Rücken liege; und in dieser unbequemen Lage zu schreiben, wird schnell zur Qual; Du mußt daher meine kurzen und seltenen Briefe entschuldigen.

Pauls Artikel im „Progress“ habe ich mit großem Vergnügen gelesen, er trifft mehr als einen Nagel auf den Kopf. Hoffen wir, daß „Blé“ bald nach der Zeit des étrennes1 herauskommt und ihm bald der Roman folgt, auf den ich so begierig bin. Paul in Balzacs Pantoffeln, das wird gut! Übrigens habe ich, während ich zu Bett lag, kaum etwas anderes als Balzac gelesen und den alten Prachtkerl von Herzen genossen. Dort ist die Geschichte Frankreichs 1815 bis 1848 viel besser als bei all den Vaulabelles, Capefigues, Louis Blancs und tutti quanti. Und welche Kühnheit! Welch revolutionäre Dialektik in seiner poesievollen Gerechtigkeit!

Aber leider fallen wir ja immer wieder von den blühenden Gefilden der Romantik auf das düstere Krankenlager der Wirklichkeit zurück. Es verspricht ein trauriges Weihnachtsfest zu werden! Bestenfalls gestattet man mir, es im ersten Stock zu verbringen, und befiehlt mir, mein Schlafzimmer aufzusuchen, wenn es gerade anfängt, gemütlich zu werden! Und keinen Tropfen, oder höchstens löffelweise, als Medizin! Aber da kann man nichts machen.

Percy ist jetzt Partner von Garman & Rosher, Chartered Accountants, Walbrook House, E. C. Ich hoffe, er wird Glück haben. Sein Vater hat endlich das Notwendige herausgerückt und ihn etabliert, wenn auch mit der mürrischsten Miene und in der denkbar unfreundlichsten Art.

Tussy hat wieder Neuralgie, sie wird uns heute abend besuchen, aber erst später, wenn dieser Brief schon weg ist. Die Jutas (er, sie und Willa) sind vorige Woche hier angekommen, da wird Tussy allerhand zu tun haben.

Die 3. Aufl. des „Kapitals“ ist jetzt vollständig ausgedruckt und wird sehr bald herauskommen; sowie wir Exemplare erhalten, schicken wir Dir eins.

Pumps und Percy waren letzte Woche in Manchester; sie sagen, Jollymeier sei noch nicht wieder ganz gesund. Wenn wir alle wieder auf den Beinen sind, müssen wir die Zechereien vom letzten Sommer fortsetzen, und Du mußt dann auch Paul mitbringen, falls er nicht so unklug ist, sich wieder einsperren zu lassen. Bis dahin mille saluts an ihn und auch an Dich.

In Zuneigung Dein
F. Engels

Aus dem Englischen.