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Engels an August Bebel
in Borsdorf bei Leipzig

4, Cavendish Place, Eastbourne
30.Aug. 83

Lieber Bebel,

Ich benutze einen Moment Ruhe, um Dir zu schreiben. In London die vielen Arbeiten, hier die vielen Störungen (3 Erwachsene und 2 kleine Kinder in einem Zimmer!) und dazu Korrektur1, Revision einer englischen Probeübersetzung und einer französischen Popularisierung des „Kapital“, da schreib einer Briefe!

Von der 3.Aufl., die starke Zusätze enthält, hab’ ich bis Bogen 21 korrigiert, bis Ende d. J. wird das Ding erschienen sein. Sobald ich zurück, geht’s ernstlich an den 2.Band, und das wird eine Heidenarbeit. Neben vollständig ausgearbeiteten Stücken andres rein skizziert, alles Brouillon2, mit Ausnahme etwa von 2 Kapiteln. Die Belegzitate ungeordnet, haufenweise zusammengeworfen, bloß für spätere Auswahl gesammelt. Dabei die platterdings nur mir lesbare – und das mit Mühe – Handschrift. Du fragst, wie es kam, daß grade mir geheimgehalten wurde, wie weit das Ding fertig war? Sehr einfach: hätte ich das gewußt, ich hätte ihm bei Tag und Nacht keine Ruh gelassen, bis es ganz fertig und gedruckt war. Und das wußte M[arx] besser als jeder andre; er wußte daneben, daß das Ms. im schlimmsten, jetzt eingetretnen Fall, von mir in seinem Geist herausgegeben werden konnte, was er auch Tussy sagte.

Was die Photographie3 angeht, so ist der Kopf ganz vorzüglich. Die Haltung ist gezwungen wie in allen seinen Photographien, er war ein schlechter „Sitzer“. Etwas Provozierendes finde ich nicht darin, doch ist mir wegen der Steifheit der Haltung auch das kleine lieber als das große.

Die Hamburger Wahl hat auch im Ausland große Sensation gemacht. Unsre Leute halten sich aber auch mehr als musterhaft. Solche Zähigkeit, Ausdauer, Elastizität, Schlagfertigkeit und solcher siegsgewisse Humor im Kampf mit den kleinen und großen Miseren der deutschen Gegenwart ist unerhört in der neueren deutschen Geschichte. Besonders prächtig hebt sich das hervor gegenüber der Korruption, Schlaffheit und allgemeinen Verkommenheit aller übrigen Klassen der deutschen Gesellschaft. In dem Maß, wie sie ihre Unfähigkeit zur Herrschaft beweisen, im selben Maß tritt der Herrscherberuf des deutschen Proletariats, seine Fähigkeit, den ganzen alten Dreck umzuwälzen, glänzend hervor.

Bismarcks „kalte Wasserstrahlen nach Paris“ werden selbst den französischen Bourgeois lächerlich. Sogar ein so dummes Blatt wie der „Soir“ hat entdeckt, daß es sich nur um neue Geldbewilligung für Soldaten (diesmal Feldartillerie) im Reichstag handelt. Was seine Allianzen angeht (er ist bis auf Serbien, Rumänien und nun gar Spanien heruntergekommen), so sind das alles Kartenhäuser, die ein Windstoß umbläst. Hat er Glück, so braucht er sie nicht, und hat er Pech, so lassen sie ihn mit dem Hintern im Dreck sitzen. Je größer ein Schurke, desto mehr glaubt er an die Ehrlichkeit der andern und geht daran zuletzt zugrunde. Soweit wird’s mit B[ismarck] in der auswärtigen Politik schwerlich kommen, denn die Franzosen tun ihm den Gefallen nicht, anzubinden. Nur der Herr Zar4 könnte aus Verzweiflung so etwas versuchen und dabei kaputtgehn. Hoffentlich geht er aber schon früher zu Hause kaputt.

Das Manifest der demokratischen Föderation in London ist erlassen von etwa 20–30 kleinen Vereinen, die seit mindestens 20 Jahren unter verschiednen Namen (immer dieselben Leute) sich immer wieder aufs neue mit immer demselben Mangel an Erfolg wichtig zu machen suchen. Wichtig ist nur, daß sie jetzt endlich genötigt sind, unsre Theorie, die ihnen während der Internationale als von außen oktroyiert erschien, offen als die ihrige proklamieren müssen; und daß in der letzten Zeit eine Menge junger Köpfe aus der Bourgeoisie auftauchen, die, zur Schande der englischen Arbeiter muß es gesagt werden, die Sachen besser begreifen und leidenschaftlicher ergreifen als die Arbeiter. Denn selbst in der demokratischen Föderation akzeptieren die Arbeiter das neue Programm meist nur widerwillig und äußerlich. Der Chef der demokratischen Föderation, Hyndman, ist ein Exkonservativer und arg chauvinistischer, aber nicht dummer Streber, der sich gegen Marx (bei dem er durch R.Meyer eingeführt) ziemlich schofel5 benommen und deswegen von uns persönlich links lieggelassen wurde. Laß Dir um alles in der Welt nicht aufbinden, es sei hier eine wirklich proletarische Bewegung los. Ich weiß, Liebknecht will das sich selbst und aller Welt weismachen, es ist aber nicht der Fall. Die jetzt tätigen Elemente können wichtig werden, seitdem sie unser theoretisches Programm akzeptiert und damit eine Basis erworben; aber nur dann, wenn hier eine spontane Bewegung unter den Arbeitern ausbricht und es ihnen gelingt, sich ihrer zu bemächtigen. Bis dahin bleiben sie einzelne Köpfe, hinter denen ein Sammelsurium konfuser Sekten, Reste der großen Bewegung der 40er Jahre, steht, und nichts mehr. Und eine wirklich allgemeine Arbeiterbewegung kommt hier – von Unerwartetem abgesehn – nur zustande, wenn den Arbeitern fühlbar wird, daß Englands Weltmonopol gebrochen. Die Teilnahme an der Beherrschung des Weltmarkts war und ist die ökonomische Grundlage der politischen Nullität der englischen Arbeiter. Schwanz der Bourgeois in der ökonomischen Ausbeutung dieses Monopols, aber immer doch an den Vorteilen derselben beteiligt, sind sie naturgemäß politisch Schwanz der „großen liberalen Partei“, die sie andrerseits im kleinen hofiert, Trades Unions und Strikes als berechtigte Faktoren anerkennt, den Kampf um unbeschränkten Arbeitstag aufgegeben und der Masse der bessergestellten Arbeiter das Stimmrecht gegeben hat. Bricht aber Amerika und die vereinigte Konkurrenz der übrigen Industrieländer erst ein gehöriges Loch in dies Monopol (und in Eisen ist das stark am Kommen, in Baumwolle leider noch nicht), so wirst Du hier etwas erleben.

Ich ließ Dir durch L[iebknecht] sagen6, falls Du zwischen jetzt und 12.Sept. etwa in die Nähe von Darmstadt kämst, es Schorlemmer, der dort ist, wissen zu lassen, damit er Dich irgendwo in der Gegend aufsuchen könne. Jetzt wird’s wohl zu spät sein. Grüße Liebknecht.

Dein
F. E.