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Engels an Eduard Bernstein
in Zürich

London, 12. Juni 83

Lieber Bernstein,

Es ist halb zwölf nachts, und ich habe eben die Revision des 2. Bogens der 3. Aufl. des „Kapitals“ gelesen (keine kleine Arbeit) und befördert, und so will ich den Rest des Abends benutzen, einen Brief an Sie wenigstens anzufangen.

Die Interna betreffend, las ich im Protokoll schon ziemlich zwischen den Zeilen und hatte auch bald nachher von B[ebel] kurze Aufklärung erhalten. Ich hatte schon vor längerer Zeit an B[ebel] geschrieben: der Bruch mit den Schlappschwänzen vom rechten Flügel müsse schließlich kommen, aber es sei, nach meiner Ansicht, nicht unser Interesse, ihn zu forcieren, ehe wir wieder imstande sind, mit den Massen direkt zu verkehren; d. h., nicht, solange das Sozialistengesetz besteht. Zwingen sie uns, dann hat man dafür zu sorgen, daß sie sich gegen die Parteidisziplin auflehnen, nicht wir, und dann haben wir auch jetzt schon gewonnenes Spiel. Und dahin wären sie zu bringen, wenn sie nicht Ruhe halten wollen. Was Liebknecht angeht, so wird er alles aufbieten, die Krisis zu vertagen, aber wenn sie kommt und er einsieht, daß sie nicht mehr aufzuschieben ist, wird er auf dem richtigen Fleck sein.

Ich muß mich kurz fassen, ich habe zu tun:

1. den Nachlaß zu ordnen, wobei ich fast alles selbst zu tun habe, die alten Sachen kennt niemand außer mir, und es ist ein kolossaler Haufen und in schöner Unordnung. Manches fehlt noch, viele Pakete und Kisten noch gar nicht geöffnet!

2. die 3. Auflage besorgen, mit diversen Änderungen und einigen Zusätzen aus der französischen Ausgabe. Dabei Revision lesen.

3. die sich bietende Aussicht auf Herausgabe einer englischen Übersetzung1 ausbeuten – ich war heute deswegen bei einem hiesigen großen Verleger2 – und dann die Übersetzung selbst revidieren (Moore, der sie machen wird, ist ausgezeichnet, 26jähriger Freund von uns, aber schwerfällig).

4. die 3–4 Rezensionen vom Anfang des II. Bandes kollationieren und für den Druck präparieren, dabei den ganzen 2. Band ins reine schreiben.

5. von Zeit zu Zeit eine Woche mit Schorlemmer kneipen, der gestern wieder nach Manchester – er bringt sich immer Arbeit mit, aber o jerum! Voilà la vie!3

Der Esel in der „Vossischen“ (man hat mir das Ding viermal zugeschickt) scheint allerdings im braven Deutschland viel Kummer über den kummervollen Marx angerichtet zu haben. Vielleicht, wenn ich einmal recht lustig bin, geb’ ich ihm einen Tritt. Wenn diese Ochsen Gelegenheit hätten, den Briefwechsel zwischen dem Mohr und mir zu lesen, es würde ihnen Hören und Sehn vergehn. Heines Poesie ist Kinderei gegen unsre freche lachende Prosa. Wütend konnte der Mohr werden, aber Trübsal blasen – jamais4! Ich habe mich gewälzt, als ich die alten Sachen wieder las. Dieser übrigens auch historisch denkwürdige Briefwechsel wird, soweit es in meiner Macht steht, in die richtigen Hände kommen. Leider hab’ ich nur von Marx die Briefe seit 1849, diese aber auch vollständig.

Inl. ein Stück des Originalentwurfs zum Schluß des „Kommunistischen Manifests“, das Sie als Andenken behalten wollen. Die obersten 2 Zeilen sind Diktat, geschrieben von Frau Marx.

Das inl. Gedicht von Weerth hätte ich Ihnen noch rechtzeitig für das Feuilleton geschickt, wenn Sie es nicht so eingerichtet hätten, daß Ihr Brief um 12 Stunden zu spät kam –, so mußte ich warten, ob Sie das Feuilleton tel quel5 abdruckten. Sie können es ja sonst unterbringen. Weerths Sachen sind schon aus Gegensatz gegen den feierlichen Freiligrath alle ironisch und humoristisch. Von „Ernscht“ ist da nie die Rede.

Was die Abschaffung des Sozialistengesetzes angeht, so sehn die Leute in Deutschland immer nur das Allernächste. Indem Alex[ander] III. Rußland in Moskau mit seiner Proklamation ebenso enttäuscht wie Fr[iedrich] W[ilhelm] IV. 1840 die Preußen (und die Sachen sind da viel brennender), hat er mehr dafür getan, als all die Geiser, Blos und Konsorten mit ihrem Gejammer je fertigbringen. Werden ihm eines schönen Morgens die Knochen kaputtgeschossen, und das passiert ihm doch sicher, so ist das ganze innere régime Bismarck keine 2 Pfennige wert. Dann pfeift’s auf einem andern Loch. Selbst wenn der alte Wilhelm bloß – ich meine nicht den W. Blos6 – stirbt, gibt’s notwendige Änderungen. Die Leute von heute haben nie erlebt und können sich gar nicht vorstellen, wozu ein altgewordener Kronprinz7 in einer inzwischen revolutionär gewordenen Situation fähig ist. Und noch dazu ein so schwankender, willenloser Narr wie „unser Fritz“. Ja, es ist sogar nicht ausgeschlossen, daß die verrückte französische Regierung nicht in solchen Krakeel mit aller Welt kommt, um in Paris etwas Gewaltsames hervorzurufen. Tunis, Ägypten, Madagaskar, Tonking, und jetzt wollen sie sogar den Engländern einige von nicht 50 Menschen bewohnte Felseninseln an der normännischen Küste bestreiten. Ich will nur hoffen, daß in Paris nichts losgeht, denn die Dummheit, die da in den Massen herrscht, wird bloß hier in London noch übertroffen.

Und dabei arbeitet der biedre Bismarck für uns wie sechs Kamele. Seine neuste Theorie, daß die Reichsverfassung nichts sei als ein Vertrag der Regierungen, den sie täglich durch einen andern ersetzen könnten, ohne den Reichstag zu fragen, ist ja ein gefundenes Fressen für uns. Das soll er nur probieren. Dabei das offenbare Hinarbeiten auf den Konflikt, seine dummen, schnoddrigen Bödiker & Co. im Reichstag – alles das ist Wasser auf unsre Mühle. Allerdings hört dabei die meist nur für die Deklamation (oder aber für eine wirklich revolutionäre Lage) passende Phrase von der „einen reaktionären Masse“ auf. Denn darin besteht ja grade der für uns arbeitende historische Witz, daß die verschiednen Elemente dieser feudalen und Bürgermasse sich zu unsrem Vorteil aneinander abarbeiten, krakeelen, auffressen, also grade das Gegenteil einer einförmigen Masse bilden, von denen der Knote sich einbildet, er sei damit fertig, wenn er sie alle „reaktionär“ nennt. Im Gegenteil. Alle diese diversen Lumpenhunde müssen sich erst gegenseitig kaputtmachen, total ruinieren und blamieren und uns dadurch den Boden bereiten, daß sie ihre Unfähigkeit, eine Sorte nach der andern, beweisen. Das war einer der größten Fehler von Lassalle, daß er das bißchen Dialektik, das er aus Hegel gelernt, in der Agitation durchaus vergaß. Da sah er immer nur eine Seite, grade wie Liebknecht, und da dieser aus Gründen zufällig die richtige sah, war er dem großen Lassalle schließlich doch überlegen.

Das einzige Pech an der jetzigen deutschen Bourgeoisbewegung ist grade, daß die Leute nur „eine reaktionäre Masse“ bilden, und das muß aufhören. Wir können nicht vorankommen, bis wenigstens ein Teil der Bourgeoisie auf die Seite einer wirklichen Bewegung gedrängt wird – sei es durch innere oder äußere Ereignisse. Deshalb haben wir jetzt genug vom bisherigen Regime Bismarck, deshalb kann er uns nur nützen durch einen Konflikt oder durch Abdankung, und deshalb wird es auch Zeit, daß das Sozialistengesetz auf halb oder ganz revolutionärem Weg beseitigt wird. Die sämtlichen Debatten, ob man den „Kleinen“ allein los wird oder das ganze Gesetz oder ob das gewöhnliche Strafgesetz verschärft wird, kommen mir vor wie Debatten über die Jungfrauschaft Mariä in partu und post partum8. Was entscheidet, sind die großen politischen Verhältnisse des In- und Auslandes; und diese ändern sich, bleiben nicht wie heute. In Deutschland dagegen wird der Fall untersucht nur unter der Voraussetzung, daß die heutigen deutschen Zustände ewig sind. Und dem parallel geht die an die eine reaktionäre Masse anknüpfende Vorstellung: daß, wenn die jetzigen Zustände umgewälzt werden, so kommen wir ans Ruder. Das ist Unsinn. Eine Revolution ist ein langwieriger Prozeß, vgl. 1642–46 und 1789–93; und damit die Verhältnisse reif werden für uns und wir für sie, müssen alle Zwischenparteien der Reihe nach zur Macht kommen und sich zuschanden machen. Und dann kommen wir – und werden vielleicht auch noch einmal momentan gehauen. Obwohl ich das bei normalem Verlauf der Sache nicht für gut möglich halte.

Heute habe ich abgeschickt an „Volksbuchhandlung, Hottingen-Zürich“, in unbezahlter Fracht per Continental Parcels Express (Korrespondent der deutschen und Schweizer Paketpost) ein Paket mit den bestellten Photographien9, Rechnung incl. Von dem Geld behalten Sie die £ 1.7 da auf Konto zu meinen Gunsten, gegen fr. 4 für eingesandte pr. Schnäpse, Abonnements etc. (wenn beim Remittieren des Rests es bequemer sein sollte, etwas mehr oder weniger zuzuziehn, dann natürlich all right). Es bleiben jetzt noch hier 500 Cartes und 280 Cabinets, wer zuerst bestellt, wird zuerst bedient. Doch haben Sie außer Dietz bis jetzt keinen Konkurrenten. Was mir alles zugeschoben wird, können Sie daraus sehn, daß ich Kontrolle und Neupackung der Photographien für Sie und Dietz heute in jedem Detail eigenhändig besorgen mußte, ebenso Besorgung aufs Büro (2½ englische Meilen von hier). Da soll dann gearbeitet werden!

Der Borde ist ein uns seit Jahren bekannter Esel, bei M[arx] liegen an 100 seiner ihm zugesandten Hefte uneröffnet. Envoyez-le au diable.10

Nach der Schweiz komm’ ich nicht, bis kontinentale Routen sicherer. War es doch nicht gewiß, ob M[arx] diesen Sommer hätte ungeschoren nach oder durch Frankreich reisen können. Einmal ausgewiesen, ist man fertig, falls man nicht sich zu Schritten bequemt, die ich nicht tun kann. Das kenn’ ich.

Übrigens ennujieren Sie mich mit den internis keineswegs. Einer im Ausland kann nie genug erfahren über die Details solcher inneren Kämpfe der trotz alledem leitenden europäischen Arbeiterpartei. Und Freund L[iebknecht] hält mir das ja alles aus Prinzip geheim, seine Berichte sind alle rosenrot, morgenrot, himmelblau und hoffnungsgrün.

Für die Jahreskehr der Junischlacht von 48 schicke ich Ihnen den Artikel der „N[euen] Rh[einischen] Ztg.“ von Marx11, der allein in der ganzen europäischen Presse für die Insurgenten Partei ergriff, als sie gefallen.

Besten Gruß.

Ihr
F. E.

13. Juni 83

Glauben Sie, daß es an der Zeit, eine grenzenlos freche Arbeit von M[arx] und mir von 1847, worin die jetzt auch im Reichstag sitzenden „wahren Sozialisten“ verarbeitet werden, im Feuilleton des „S[ozialdemokrat]“ zu drucken? Das Frechste, was je in deutscher Sprache geschrieben.