20
Engels an Laura Lafargue
in Paris

London, 2. Juni 83

Meine liebe Laura,

Anbei einen Scheck über £ 10 für Paul wie gewünscht. Seinem Brief nach zu urteilen, scheint er trotz seiner Lage ziemlich guter Dinge zu sein, aber das grincement des clefs et des verrous1 muß sicher schrecklich sein. Was ist schon relative Freiheit tagsüber, wenn man nachts in Einzelhaft gesteckt wird, und wie sollte er da singen:

Singet nicht in Trauertönen
Von der Einsamkeit der Nacht,
Denn sie ist, o holde Schönen,
Zur Geselligkeit gemacht.2

Da Paul seine Deutschkenntnisse im Gefängnis vertiefen will, kannst Du ihm das zum Übersetzen geben.

Inzwischen dürften sich die beiden heroischen Märtyrer3 ganz gut eingelebt haben, und meinst Du nicht, daß Du, sagen wir, nächsten Donnerstag oder Freitag herüberkommen könntest? Es ist nämlich so, daß ich heute abend Jollymeier erwarte, der wohl bis Montag in acht Tagen, den 11. Juni, hierbleiben können wird, und der Dich so gerne sehen möchte. Außerdem redet Tussy sehr viel von Deinem Kommen und scheint sehnlichst zu wünschen, Dich hier zu haben und mit Dir darüber zu sprechen, was mit den Sachen im Hause usw. usw. geschehen soll; die alleinige Verantwortung scheint sie sehr zu bedrücken. So wird also Deine Reise in gewissem Sinne geschäftlich sein. Wenn Du kommen willst und sofort schreibst, werde ich Dir umgehend das Geld schicken; ich hätte es schon heute dem Scheck beilegen können, aber auf meinem Konto ist Ebbe, und nächste Woche muß wieder Geld hereinkommen.

Unter Mohrs Papieren habe ich einen ganzen Berg Ms. gefunden, unser gemeinsames Werk von vor 18484. Einige davon werde ich bald veröffentlichen.

Darunter ist eins, das ich Dir vorlesen werde, wenn Du hier bist, Du wirst Dich wälzen vor Lachen. Als ich es Nim und Tussy vorlas, sagte Nim: jetzt weiß ich auch, warum Sie zwei damals in Brüssel des Nachts so gelacht haben, daß kein Mensch im Hause davor schlafen konnte5. Wir waren damals freche Teufel, Heines Poesie ist kindliche Unschuld gegen unsere Prosa.

Es besteht Aussicht, eine Übersetzung des „Kapitals“6 bei Kegan Paul & Co. zur Veröffentlichung zu bringen, die die geeignetsten Leute dafür wären. Tussy wird sie am Montag7 aufsuchen; wenn dabei irgend etwas Nützliches herauskommt, werden wir noch einmal zusammen hingehen. S. Moore wird übersetzen, und ich mache die Revision. Es sind noch andere Leute dabei, aber wenn wir die Sache arrangieren können, werden sie bald aus dem Feld geschlagen sein. S. Moore war in der Pfingstwoche hier, und soweit es ihn betrifft, haben wir die Angelegenheit mit ihm geregelt. Er ist bei weitem der geeignetste Mann, zwar etwas schwerfällig, aber das läßt sich ändern. Er ist uns als unser Rechtsberater unerhört nützlich gewesen. Übrigens muß ich noch mit der ersten Post an ihn wegen einer Rechtsangelegenheit schreiben.

Pumps und ihren beiden Babys geht es sehr gut, der Junge ist schrecklich groß und dick, fast ebenso groß wie seine Schwester! so sagt wenigstens die stolze Mama. Wenn Du nächsten Sonntag hier bist (morgen in einer Woche), wird es eine große Maitrank8-Bowle geben; er ist jetzt gerade in voller Blüte, ich meine den Waldmeister9; wir hatten zwei Bowlen am Sonntag und in der Woche zwei bei Tussy, und es ist noch viel Moselwein übriggeblieben!

Wenn Du sagst, daß Du kommst, dann schreibe ich noch am gleichen Tag nach Dublin wegen einer Kiste des besten und superbesten Claret, den wir uns dann still zu zweit zu Gemüte führen werden.

An Paul in ein oder zwei Tagen einige Zeilen. Bis dahin in Zuneigung

Dein
F. Engels

Aus dem Englischen.