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Engels an Johann Philipp Becker
in Genf

London, 22. Mai 1883

Lieber Alter,

Wie kannst Du Dir nur einbilden, ich wäre imstande, einem jungen Parteigenossen1 irgendwie literarischen Verdienst zuzuschustern? Ich stehe ja seit Jahren mit allen deutschen Verlegern, außer Meißner (des „Kapital" wegen), in absolut keiner Verbindung, und mit Zeitungen und Zeitschriften erst recht nicht. Was kann ich also tun? Selbst wenn der Mann umgekehrt aus dem Deutschen ins Französische oder Englische übersetzen könnte, wäre ich nicht imstande, ihm zu Beschäftigung zu verhelfen. Wende Dich doch lieber an Liebkn[echt], der hat ja die „Neue Zeit" und Verbindungen die Menge.

Das Haus von Marx haben wir noch bis nächsten März auf dem Halse, da braucht man sich also nicht zu übereilen mit Ausziehen und Zukunftsplänen. Es ist auch eine Heidenarbeit, diesen Nachlaß in Ordnung zu bringen. Was mich wundert, ist, daß M[arx] sogar aus der vor-48er Zeit fast alle Papiere, Briefe und Manuskripte gerettet hat, ein prächtiges Material für die Biographie, die ich natürlich schreiben werde und die u. a. auch die Geschichte der „N[euen] Rh[einischen] Ztg." und der Bewegung 48/49 am Niederrhein, die Geschichte der Londoner Lause-Flüchtlingschaft von 1849/52 und die der Internationale sein wird. Zunächst gilt es, den 2. Band des „Kapital" herauszugeben2, und das ist kein Spaß. Vom 2. Buch existieren 4–5 Bearbeitungen, von denen nur die erste vollendet, die späteren nur angefangen; das wird Arbeit kosten, bei einem Mann wie M[arx], der jedes Wort auf die Goldwaage legte. Aber es ist mir eine liebe Arbeit, ich bin doch wieder mit meinem alten Kameraden zusammen.

Die letzten Tage hab' ich Briefe sortiert, 1842–1862. Da ist mir die alte Zeit wieder einmal recht lebendig vor den Augen vorübergegangen und der viele Spaß, den wir an unsern Gegnern erlebt haben. Ich habe oft Tränen lachen müssen über diese alten Geschichten, den Humor haben sie uns doch nie vertreiben können. Dazwischen denn auch manches sehr Ernste.

Dies unter uns, laß ja nichts davon in die Presse kommen. Was zur Mitteilung reif ist, veröffentliche ich von Zeit zu Zeit im „Soz[ial]demo-kr[at]". Bernst[ein] macht sich sehr gut, er sucht zu lernen, hat Witz und offnen Kopf, kann Kritik vertragen und ist frei von allem kleinbürgerlichen Moralitätspredigen. Aber unsre Jungens in Deutschland sind auch wirklich Prachtkerle, seitdem das Sozialistengesetz sie von den „gebildeten" Herren befreit hat, die vor 1878 den Versuch machten, die Arbeiter von oben herab mit ihrer unwissenden Universitätskonfusion zu schulmeistern, wozu leider nur zu viele der „Führer" die Hand boten. Ganz ist dieser faule Kram noch nicht beseitigt, aber die Bewegung ist doch wieder ins entschieden revolutionäre Fahrwasser gekommen. Das ist eben das Famose bei unsern Jungens, daß die Massen weit besser sind als fast alle Führer; und jetzt, wo das Sozialistengesetz die Massen zwingt, die Bewegung selbst zu machen, und der Einfluß der Führer auf ein Minimum reduziert ist, jetzt ist sie besser als je.

Dein alter
F. Engels