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Engels an Achille Loria
in Mantua
(Entwurf)

[London, Ende April 1883]

Prof. Achille Loria.
Sehr geehrter Herr,

Ich habe Ihr Schriftchen über Karl Marx erhalten. Es steht Ihnen frei, seine Lehren Ihrer allerschärfsten Kritik zu unterwerfen und sie sogar mißzuverstehen; es steht Ihnen frei, eine Biographie von Marx zu entwerfen, die ein reines Phantasiestück ist. Was Ihnen aber nicht freisteht und was ich nie irgendwem erlauben werde, das ist, den Charakter meines toten Freundes zu verleumden.

Schon in einem früheren Werk hatten Sie sich herausgenommen, Marx anzuklagen, er habe absichtlich falsch zitiert. Als Marx dies gelesen, verglich er seine und Ihre Zitate mit den Originalen und sagte mir, seine Zitate seien richtig, und wenn hier jemand absichtlich falsch zitiere, so seien Sie es. Und wenn ich sehe, wie Sie jetzt Marx zitieren, wie Sie die Schamlosigkeit haben, Marx von Profit sprechen zu lassen, da, wo er von Mehrwert1 spricht – wo er sich doch wiederholt gegen den Irrtum verwahrt, daß beides dasselbe sei – (was übrigens Herr Moore und ich selbst Ihnen bereits hier in London mündlich auseinandersetzten), so weiß ich, wem ich zu glauben habe und wo absichtlich falsch zitiert wird.

Aber das ist nur eine Lappalie, verglichen mit Ihrer „festen und tiefen Überzeugung..., daß sie alle“ (die Lehren von Marx) „beherrscht sind von einem bewußten Sophisma“, S. 510; daß Marx „sich nicht aufhalten ließ durch falsche Schlüsse, wohl wissend, daß sie falsch waren“; daß „er oftmals ein Sophist war, der auf Kosten der Wahrheit bei der Negation der bestehenden Gesellschaft ankommen wollte“, und daß, wie Lamartine sagt, „il jouait avec les mensonges et les vérités comme les enfants avec les osselets“2. In Italien, das ein Land antiker Zivilisation ist, kann das vielleicht für ein Kompliment gelten. Auch unter den Kathedersozialisten gilt so etwas möglicherweise für ein großes Lob, da ja diese braven Professoren ihre zahllosen Systeme nie anders hätten zuwege bringen können, als „auf Kosten der Wahrheit“. Wir revolutionäre Kommunisten sehen die Sache anders an. Wir betrachten solche Behauptungen als infamierende Anklagen, und da wir wissen, daß sie erlogen sind, schleudern wir sie zurück auf ihren Urheber, der, selbst und allein, sich infamiert hat durch solche Erfindungen.

Mir scheint, es sei Ihre Pflicht gewesen, dem Publikum mitzuteilen, worin denn dieses berühmte „bewußte Sophisma“ eigentlich besteht, das alle Lehren von Marx beherrscht. Aber ich suche es vergebens! Nagott!3

Welche Zwergseele gehört dazu, sich einzubilden, ein Mann wie Marx habe „seinen Gegnern immer“ mit einem zweiten Bande „gedroht“, den zu schreiben „ihm auch nicht für einen Augenblick einfiel“; daß dieser zweite Band nichts sei als „ein pfiffiges Auskunftsmittel von Marx, womit er wissenschaftlichen Argumenten aus dem Wege ging“. Dieser zweite Band liegt vor und wird in kurzem veröffentlicht, und dann werden Sie vielleicht auch endlich den Unterschied zwischen Mehrwert4 und Profit begreifen lernen.

Ich habe die Ehre, Sie zu grüßen mit allen den Gefühlen, die Sie verdienen.

F. E.

Eine deutsche Übersetzung dieses Briefes wird in der nächsten Nummer des Züricher „Sozialdemokrat“ erscheinen.

Aus dem Italienischen.