London, 15. März 83
11.45 abends
Lieber Sorge,
Dein Telegramm kam heute abend an. Herzlichen Dank.
Dir über M[arx]'s Befinden regelmäßig zu berichten war unmöglich wegen der ewigen Wechselfälle. Hier in kurzem die Hauptsache.
Kurz vor dem Tode seiner Frau bekam er, Oktober 81, eine Pleurisy. Davon hergestellt, wurde er im Febr. 82 nach Algier geschickt, hatte kaltes, nasses Reisewetter, und kam mit einer neuen Pleurisy dort an. Das infame Wetter dauerte fort; als er eben kuriert, wurde er, der herannahenden Sommerhitze wegen, nach Monte Carlo (Monaco) geschickt. Kam wieder mit einer gelinderen Pleurisy an. Wieder infames Wetter. Endlich kuriert, ging er nach Argenteuil bei Paris zu seiner Tochter, Frau Longuet. Dort benutzte er gegen die alteingewurzelte Bronchitis die benachbarten Schwefelquellen von Enghien. Auch da blieb das Wetter ganz abscheulich, doch half die Kur. Dann auf 6 Wochen nach Vevey, von wo er scheinbar fast gesund im September herkam. Man hatte ihm den Aufenthalt an der Südküste von England für den Winter erlaubt. Und er selbst war das tatlose Wanderleben so satt, daß neues Exil nach dem europäischen Süden ihm wahrscheinlich moralisch ebensoviel geschadet wie physisch genützt hätte. Als die Londoner Nebelzeit hereinbrach, schickte man ihn nach der Insel Wight. Dort regnete es in einem fort; neue Erkältung. Um Neujahr wollten Schorlemmer und ich ihn besuchen, da kamen Berichte, die Tussys Hinreise sofort nötig machten. Gleich darauf Jennys Tod – da kam er her mit einer neuen Bronchitis. Nach allem Vorhergegangnen und bei seinem Alter war das gefährlich. Eine Menge Komplikationen kamen hinzu, namentlich ein Lungengeschwür und enorm rascher Kräfteverlust. Trotzdem verlief die Gesamt-krankheit günstig, und vorigen Freitag noch machte uns der ihn en chef behandelnde Arzt1, einer der ersten jüngeren Ärzte Londons und ihm
speziell von Ray Lankester empfohlen, die brillantesten Hoffnungen. Aber wenn man nur einmal Lungengewebe unter dem Mikroskop untersucht hat, so weiß man, wie groß die Gefahr, daß bei Lungenvereiterungen einmal eine Blutgefäßwand durchbrochen wird. Und deswegen hatte ich seit 6 Wochen jeden Morgen, wenn ich um die Ecke kam, Todesangst, die Vorhänge möchten heruntergelassen sein. Gestern mittag 2.30, seine beste Tagesbesuchszeit, kam ich hin – das Haus in Tränen, es scheine zu Ende zu gehn. Ich erkundigte mich, suchte der Sache auf den Grund zu kommen, zu trösten. Eine kleine Blutung, aber ein plötzliches Zusammensinken war eingetreten. Unser braves altes Lenchen, das ihn gepflegt, wie keine Mutter ihr Kind pflegt, ging herauf, kam herunter: er sei halb im Schlaf, ich möge mitkommen. Als wir eintraten, lag er da, schlafend, aber um nicht mehr aufzuwachen. Puls und Atem waren fort. In den zwei Minuten war er ruhig und schmerzlos entschlummert.
Alle mit Naturnotwendigkeit eintretenden Ereignisse tragen ihren Trost in sich, sie mögen noch so furchtbar sein. So auch hier. Die Doktorenkunst hätte ihm vielleicht noch auf einige Jahre eine vegetierende Existenz sichern können, das Leben eines hilflosen, von den Ärzten zum Triumph ihrer Künste nicht plötzlich, sondern zollweise absterbenden Wesens. Das aber hätte unser Marx nie ausgehalten. Zu leben, mit den vielen unvollendeten Arbeiten vor sich, mit dem Tantalusgelüst, sie zu vollenden und der Unmöglichkeit, es zu tun – das wäre ihm tausendmal bitterer gewesen, als der sanfte Tod, der ihn ereilt. „Der Tod ist kein Unglück für den, der stirbt, sondern für den, der überlebt", pflegte er mit Epikur zu sagen. Und diesen gewaltigen genialen Mann als Ruine fortvegetieren zu sehn, zum größeren Ruhm der Medizin und zum Spott für die Philister, die er in seiner Vollkraft so oft zusammengeschmettert – nein, tausendmal besser wie es ist, tausendmal besser, wir tragen ihn übermorgen in das Grab, wo seine Frau schläft.
Und nach dem, was vorangegangen, und was selbst die Doktoren nicht so gut kennen wie ich, war meiner Ansicht nach nur diese Wahl.
Dem sei wie ihm wolle. Die Menschheit ist um einen Kopf kürzer gemacht, und zwar um den bedeutendsten Kopf, den sie heutzutage hatte. Die Bewegung des Proletariats geht ihren Gang weiter, aber der Zentralpunkt ist dahin, zu dem Franzosen, Russen, Amerikaner, Deutsche in entscheidenden Augenblicken sich von selbst wandten, um jedesmal den klaren unwidersprechlichen Rat zu erhalten, den nur das Genie und die vollendete Sachkenntnis geben konnte. Die Lokalgrößen und die kleinen Talente, wo nicht die Schwindler, bekommen freie Hand. Der endliche Sieg bleibt
sicher, aber die Umwege, die temporären und lokalen Verirrungen – schon so unvermeidlich – werden jetzt ganz anders anwachsen. Nun – wir müssen's durchfressen, wozu anders sind wir da? Und die Courage verlieren wir darum noch lange nicht.
Dein
F. Engels