London, 16.Febr. 83
Meine liebe Laura,
Ich beginne diesen Brief – 4 Uhr nachmittags – ungewiß, wann ich ihn werde beenden können, die ständigen Unterbrechungen, denen ich neuerdings ausgesetzt bin, lassen mir keine ruhige Stunde, außer nachts, und dann wage ich nicht, viel zu schreiben, da das meine Augen angreift.
Dein Salas y Gomez ist im ganzen ein Meisterstück. Darin ist dieselbe Herbheit der Sprache wie im Original – eine Herbheit, wie wir sie in jungem, gutem Rotwein lieben, gesunde Herbigkeit1, und die Chamissos Terzinen näher an Dantes herankommen läßt, als die irgendeines anderen Dichters. Ich habe Zeile für Zeile mit dem Original verglichen und bin über die Treue der Wiedergabe erstaunt. Dennoch wünschte ich, daß Du versuchst, einige Stellen zu ändern, um sie perfekt zu machen. Das Ende, sagst Du selbst, trägt Spuren der Eile, und das stimmt tatsächlich. Nun zu Einzelheiten.
Einführung. Terzine 3. Thus towered it2 – sie konnte nicht „tower“, da sie nur von der Mastspitze aus entdeckt werden konnte. – From the Ruric3: unmöglich, da Chamisso selbst an Bord des Rurik war.
Terzine 5, denke ich, verlangt Umgestaltung. Den Versuch zu wagen4 bezieht sich nur auf das Wagnis, die Boote sicher durch die Brandung zu bekommen, die von den Korallenriffen, welche in diesen Breiten alle Inseln umgeben, verursacht wird.
Terzine 7, 3. eine Silbe zu kurz, our5 kann nicht als zweisilbig angewandt werden.
Terzine 15. Die Übersetzung: albeit… that might obliterate6 gibt zu Irrtümern Anlaß. Das Original sagt klar, daß die eigenen Schritte des Mannes die Schrift verwischt haben.
Terzine 117, this cold rock8 geht keinesfalls, solange als er ihm die Füße durch seine Sohlen hindurch verbrennt.9
1. Schiefertafel. Terzine 1. „Ich sah bereits im Geiste"10 kann nicht im Anfang unterdrückt werden. Der Leser muß nach der Übersetzung glauben, der Mann wäre bereits im vollen Besitz all dieser eingebildeten Schätze, und erst am Ende, Terzine 911, ist ein Hinweis12, und dieser ist nach der vorangegangenen Auslassung nicht stark genug, um zum Ausdruck zu bringen, daß alles das ein bloßes Traumgebilde war. Der Charakter des verwegenen Seefahrers auf der Suche nach Reichtümern bildet die Grundlage der ganzen Dichtung und müßte daher vom Beginn der Geschichte an deutlich gezeigt werden.
Terzine 4, 1: and for myself too were content and gain13 ist nicht ohne Bezugnahme auf das Original zu verstehen.
Terzine 9, 3: the cabins14 ergibt im Vers eine Silbe zuviel und ist nicht wortgetreu. Der untre Raum15 ist in der Seemannssprache der hold, und das ist überdies einsilbig.
2. Schiefertafel. Darin ist kein Mangel zu finden außer einem, und das ist ein Abschreibefehler. Terzine 16, 1: For they (have) sighted me16; das have ist ausgelassen.
3. Schiefertafel, Terzine 7. „Worser far"17 ziehe ich vor, aber werden es die Spießbürger ebenfalls? Und bist Du willens, so spießbürgerlich zu sein, und „worse by far"18 zu sagen?
Terzine 15–20. Deine eigenen Variationen beweisen, daß Du mit Deiner Arbeit nicht ganz zufrieden bist. Ich glaube bestimmt, daß hier ein neuer Versuch von Nutzen wäre. Der Schluß ist wieder sehr gut.
Wie üblich sind der Anfang, wenn man noch nicht recht im Zug19 ist, und das Ende, wenn man der Sache ein wenig überdrüssig wird, die schwachen Stellen, aber ich glaube, nachdem Du es eine Weile beiseite gelegt hast, wirst Du wieder mit frischer Kraft daran gehen können und daraus das machen, was Du wirklich zu schaffen vermagst.
Mohr will es auch lesen, aber noch nicht jetzt. Neuerdings hat er sehr schlechte, schlaflose Nächte gehabt, die ihm seinen geistigen Appetit genommen haben, so daß er anfing, Verlagskataloge statt Romane zu lesen. Die vorletzte Nacht war jedoch gut, und er war gestern ein völlig anderer Mann; noch ein gutes Symptom: seine Füße, die bisher abends eiskalt waren und nur durch heiße Senfbäder erwärmt werden konnten, waren in den letzten beiden Nächten ganz warm, und es waren keine Bäder notwendig. Die chronische Kehlkopf- und Bronchialentzündung geht langsam zurück, aber das Schlucken ist noch schmerzhaft und die Stimme sehr heiser. Ich werde heute abend weiterschreiben, nachdem ich ihn besucht habe. Sein Appetit war gestern sehr gut, Nim20 übertrifft sich selbst im Erfinden neuer, für ihn angemessener Gerichte.
17. Febr. Es war 1 Uhr, als ich gestern abend von Maitland Park zurückkam, daher konnte ich diesen Brief nicht beenden. Mohr verhielt sich so ziemlich wie üblich, aber er hat die Kataloge beiseite getan und ist zu Frédéric Soulié zurückgekehrt, jedenfalls ein gutes Zeichen. Was sagst Du dazu, daß er täglich eine Pinte Milch trinkt, er, der es nicht ertragen konnte, wenn Milch auf dem Tisch stand! Jedenfalls tut sie ihm gut. Außer Rum dann und wann (besonders in der Milch) nimmt er in vier Tagen etwa eine Flasche Brandy zu sich.
Das Schlimmste ist, daß sein Fall so kompliziert ist, denn während die dringendsten Dinge, die Atmungsorgane, gepflegt werden müssen, und ab und zu ein Schlafmittel gegeben werden muß, müssen die anderen Dinge vernachlässigt werden, zum Beispiel sein Magen, der, wie Du weißt, keins der besten Verdauungsorgane ist. Aber dennoch ist sein Appetit ganz zufriedenstellend, und wir tun unser Möglichstes, um ihm vor allem solche Nahrung zu reichen, die in geringer Menge viel Nährstoff enthält.
Ich glaube, unsere Freunde haben es mit der neuen „Égalité" gar zu eilig gehabt. Was soll aus der Zeitung werden, wenn Paul und Guesde in Moulins „verdonnert" werden, und das ist nach allem nicht ganz ausgeschlossen? Guesdes Eröffnungsartikel ist keineswegs, was er sein sollte. Was er über Richter sagt, die durch allgemeines Wahlrecht gewählt werden, läßt sich auch auf das allgemeine Wahlrecht insgesamt, auf die Republik, auf jede politische Institution anwenden. Wenn Messieurs les français21 nicht wissen, wie sie dieses allgemeine Wahlrecht ausnutzen sollen, tant pis pour eux22. Gebt unseren Leuten in Deutschland das Recht, die Richter zu wählen, und sie werden bei den Wahlen in allen großen Städten gewinnen und Berlin zu einem zu heißen Pflaster für den alten Wilhelm23 und Bismarck machen, falls diese nicht zu einem coup d'état Zuflucht nehmen. Aber weiß zu sagen, weil mein Gegner schwarz sagt, heißt einfach subir la loi de son adversaire, et une politique de bébés24. Ich fürchte, Guesdes alte anarchistische Aufschneidereien kommen wieder recht schnell zum Vorschein, und auf diese Weise wird er sich verrennen. Pauls deux embêtés25 sind köstlich. Da ist er gerade in seinem Element.
Aus dem Englischen.