London, 28.Nov.1882
Lieber Herr Bernstein,
Vorab meinen besten Dank für die Notizen über verstaatlichte Eisenbahnen. Das genügt vollkommen. Von Bebel habe ich die Unfall- und Krankenversicherungsgesetzentwürfe von 1882 erhalten, bedarf aber notwendig auch derjenigen von 1881, der ersten Formulierung, in der Bismarck grade dem Flügelschlag seiner für den armen Mann begeisterten Seele freien Raum gibt; in der zweiten haben ihm die Bourgeoisa bstimmungen die Flügel schon bedeutend gestutzt, und es ist nicht mehr der ganze Bismarck.
Die „Arbeiterstimme“ bekam M[arx] früher, hat aber wahrscheinlich sein Abonnement nicht erneuert, so kommt sie nicht mehr.
Vollmars Artikel ist mit Ausnahme einiger Nebendinge der reine Malon zweiter Hand. Die Geschichte der französischen Arbeiterbewegung seit 1871 wird hier total gefälscht, und das dürfte doch so nicht passieren. Z.B. im 2ten Artikel Guesde vorgeworfen, er habe sich nicht an die paar kleinen Cliquen (aus denen später der „Prol[étaire]“ hervorging oder aber reine Cooperateurs, gegen die er grade zu Felde zog) angeschlossen! Als ob die Leute des späteren „Prol[étaire]“ überhaupt einen „Nichtarbeiter“ zugelassen hätten! Die Hauptfälschung ist aber die, die Deville in der „Egalité“ vom 19.Nov. („Il y a cinq ans“, Geschichte der „Egalité“) richtig darstellt: der Kampf auf den Kongressen um das „kollektivistische“ Programm, und der Sieg dieses Programms 1879 auf dem Marseiller Kongress. Das ist bei Vollmar total unterdrückt. Ich kann nicht annehmen, daß V[ollmar] eine solche Fälschung absichtlich begangen hat, aber fast ebenso schwer zu erklären ist, wie er davon nichts wissen, und seine ganze Kenntnis der französischen Arbeiterbewegungsgeschichte sich auf das beschränken soll, was Malon für gut fand, ihm zu erzählen.
Die Auslassung des Marseiller Kongresses unterdrückt also die wichtige Tatsache, daß die französische Arbeiterpartei das kollektivistische Programm seit 3 Jahren akzeptiert hatte und somit Malons Abfall davon ein entschiedner Rückschritt ist. Da es nun nötig, daß unsre Leute in Deutschland diese Geschichte der französischen Bewegung erzählt erhalten, nicht wie sie sich nach Malons heutigen Bedürfnissen hätte zutragen sollen, sondern wie sie sich wirklich zugetragen hat, so sollte dies unbedingt berichtigt werden. Meiner Ansicht nach geschähe das am einfachsten in Anknüpfung an Devilles obigen Artikel, grade weil er so ganz unpolemisch ist. Haben Sie ihn nicht mehr, so kann ich ihn Ihnen auf Postkarte hin sofort zuschicken.
Malon soll sich übrigens in acht nehmen. Wenn wir einmal seine faits et gestes1 so detailliert, aber richtiger, darstellen wollten, wie er die Guesdes durch Vollmar schildern läßt, so würde es ihm schlimm gehn. Wir haben noch alle Dokumente, in denen er am 18.März 71 den Aufstand verleugnete und sich erst post festum anschloß, als die Sache besser ging, als er erwartet.
Was nun die Stärke der beiden Fraktionen angeht, so habe ich mir darüber von Laf[argue] Bericht erstatten lassen. Die Roanner haben in Paris 15 Gruppen, mit deren Hilfe sie die „Ég[alite]“ nun einen Monat gehalten haben, was jedenfalls sehr für die Qualität der Leute spricht. In der Provinz sind sie, nach Laf[argue], sehr stark. Die Fédération du Nord ist der Sache nach mit ihnen, sie wollen nicht prendre part aux querelles des Parisiens2, aber sie halten das alte kollektivistische Programm aufrecht, das auch an der Spitze ihres „Forçat“ steht; die Roanner halten ihren nächsten Kongreß in Roubaix, wohin alle Delegierten des Nordens gehn werden, und sind fortwährend im intimsten Verkehr mit der Fédération du Nord. Das andre Provinzial-Arbeiterblatt, „L’Exploité de Nantes“, hat ebenfalls das alte Programm nebst den Considérants3 an der Spitze des Blatts abgedruckt, druckt die Artikel der „Égalité“ ab, und Deville ist Mitarbeiter. So daß die beiden einzigen Arbeiterorgane der Provinz auf ihrer Seite. „En province“4, abgesehn vom Norden, „partout où il y a un groupement ouvrier, à Reims, Epinay, Lyon, dans tout le bassin houillier de l’Allier, à Bordeaux, Angoulême, Rochefort, nous battons les Possibilistes qui n’ont de force qu’en Bretagne et à Marseille – et encore“5.
Daß Malon für die breite Bettelsuppe seiner Considérants ohne Programm ein großes Publikum hat, ist kein Wunder. Wenn man eine Partei ohne Programm stiftet, wo jeder mitmachen kann, so ist das aber auch keine Partei mehr. Die alten Sektierer, auf die Malon-Vollmar so zärtliche Rücksicht nimmt, haben ihre Impotenz jahrelang bewiesen, man läßt sie am besten ruhig absterben. Die Chambres Syndicales6 – ja, wenn man jede Strikegesellschaft, die nur, wie die englischen Tradesunions, für hohen Lohn und kurze Arbeitszeit kämpft, sonst aber auf die Bewegung pfeift – wenn man die alle zur Arbeiterpartei zählt, so bildet man in Wirklichkeit eine Partei zur Aufrechterhaltung der Lohnarbeit, nicht zu ihrer Abschaffung. Und wie mir M[arx] sagt7, sind die meisten dieser Pariser Chambres Syndicales noch farbloser als selbst die englischen Tradesunions. Solchen Leuten zu Gefallen jedes Parteiprogramm abschaffen, ist nicht der Weg, sie vorwärts zu treiben. Und ist das je vorgekommen, eine Partei ohne Programm, eine Partei, deren verwasc hene Considérants (ganz im Sinne des Kommunisten Miquel abgefaßt, der auch in 500 Jahren an die Möglichkeit des Kommunismus glaubt) darauf konkludieren, daß jede Gruppe ihr eignes Privatprogramm fabriziert!
Nun aber, was hat Malon von den Chambres Syndicales? Sie zahlen keine Beiträge, sie schicken keine Delegierten in den Föderalrat, sie waren nominell bei der Union fédérative vor der Spaltung und sind nominell dabeigeblieben, sie sind, wie L[afargue] sagt, „complétement platoniques“8. Sie sind da zum Figurieren. Wie es mit M[alon]s andern Gruppen steht, darüber Laf[argue]: „Dans le XVII arrondissement nos amis ont organisé, après le congrès, un groupe qui immédiatement s’est trouvé composé de 29 membres. Pour nous faire pièce, les possibilistes ont subdivisé leur groupe qui, à ce que l’on me dit, ne se composait que d’une 20e de membres, en cinq sousgroupes réunis par un comité fédéral du quartier. Le tour est joli, mais ne trompe que les indifférents et ceux qui sont éloignés.“9 Ganz so machten es die Bakunisten. Nach L[afargue] sind die Possibilisten dagegen wirklich stark nur in Montmartre, und da auch gut organisiert.
Mit dem richtigen Programm momentan in der Minorität zu sein – quoad10 Organisation – ist immer noch besser, als ohne Programm einen großen, aber dabei fast nominellen Scheinanhang zu haben. Wir sind unser ganzes Leben in der Minorität gewesen und haben uns sehr wohl dabei befunden. Und die geringere Stärke (falls sie wirklich vorliegt, was mir noch lange nicht klar – die Possibilisten wagten nicht, in die conférence contradictoire der Roanner11 über die beiden Kongresse zu kommen), die geringere Stärke an Organisationen in Paris würde doppelt und dreifach aufgewogen durch den journalistischen Einfluß.
Wie also Ihre Pariser Korrespondenten in den St.-Étiennern „die wirkliche Arbeiterpartei“ sehn können, ist mir unbegreiflich. Die Leute sind erstens gar keine Partei, am allerwenigsten Arbeiterpartei, ebensowenig wie die hiesigen Arbeiter. Sie sind aber im Keim, was die hiesigen voll entwickelt sind: der Schwanz der radikalen Bourgeoispartei. Das einzige, was sie zusammenhält, ist der bürgerliche Radikalismus, Arbeiterprogramm haben sie ja keins. Und die Arbeiterführer, die sich dazu hergeben, ein solches Arbeiterstimmvieh für die Radikalen zu fabrizieren, begehn in meinen Augen direkten Verrat.
Zum Spaß habe ich auch wegen Ihrer Bemerkungen über Godard angefragt. Dieser Godard, „qui se dit anarchiste comme son maître Maret, écrit dans un journal opportuniste de Toulouse“12. Einem solchen Menschen eine sog. Berichtigung zu refüsieren, ist auch nach andern als Pariser Preßgewohnheiten ganz in der Ordnung.
Dagegen haben unsre Freunde wieder eine ganz kolossale Eselei begangen, indem sie sich durch rrrevolutionäres Dicktun Verfolgungen zuzogen, ehe das Blatt gesichert. Guesde ist verhaftet, wie Sie wissen, und Laf[argue] wird wohl folgen. Wenn die zwei sitzen, sind die aktivsten – nicht nur Schreiber, sondern auch Treiber beseitigt. Deville ist faul, Massard an seiner Stelle als secrétaire de la rédaction13 ganz gut, aber, um ein Blatt unter Schwierigkeiten zu halten, kaum die Leute. Von andern 3 spreche ich nicht. Brissac und Bouis, alte Communards, eher Ballast, und Picard ein ordinärer Journalist.
Übrigens lassen Sie sich doch nicht aufreden, G[uesde] und L[afargue] wollten alle Organisationen „unbedingt ihrer Direktive unterwerfen“. Das ist das ewige Stichwort aller bakunistischen Taktik, und auch sonst in Frankreich anstelle andrer Argumente stets gebräuchlich.
Behandlung des Auslandes in der „Ég[alité]“! Ja, wenn Sie die Unordnung und den Stand der deutschen Sprachkenntnisse auf dem Büro kannten! Wenn Laf[argue] auf freien Füßen bleibt, tun Sie am besten, immer an ihn zu schreiben, er besorgt die Sachen wenigstens. Sonst wüßte ich keinen Rat.
Wenn Sie das Resumé der Broschüre benutzen wollen, so ist das mir ganz recht. Die Schlußnote erfolgt jetzt bald. Die Schmidt-Affäre ist sehr schön. Der Pollaky hat seit längerer Zeit ein Privatpolizeibüro in London: Im Adreßbuch steht unter Inquiry Officer (es sind ihrer 18 aufgezählt) Pollaky, Ignatius Paul, 13 Paddington Green, W. (gar nicht weit von mir), Correspondent to „Foreign Police Gazette“.
Hoffentlich kommt mein Glückwunsch zum 7.Tausend schon wieder zu spät. Dagegen bin ich heute 62 Jahr alt geworden.
Besten Gruß.
Ihr
F. E.