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Engels an Eduard Bernstein
in Zürich

London, 10. Mai 1882

Lieber Herr Bernstein,

Ich benutze einen angebrochenen Nachmittag, um Ihnen zu schreiben. Was die Jungfrau Maria-Isis angeht, so ist das ein Detail, auf das ich mich schon des Raums wegen nicht einlassen konnte, der Marienkultus gehört wie aller Heiligenkultus schon einer weit späteren Periode an als der von mir betrachteten (einer Zeit, wo pfäffische Berechnung in den Heiligen dem polytheistischen Bauernvolk seine vielen Schutzgötter reproduzierte), und endlich wäre die Ableitung auch noch historisch zu erweisen, wozu Spezialstudien gehören. Ebenso mit der Gloria und dem Mondschein. Übrigens war der Isiskultus zur Kaiserzeit in Rom Teil der Staatsreligion.

Bimetallismus. Hauptsache ist, daß wir, namentlich nach den schauerlichen Renommistereien vieler „Führer“ über die ökonomische Überlegenheit unsrer Partei gegenüber den Bourgeois, und woran dieselben Herren total unschuldig sind, – daß wir uns da hüten müssen, uns solche ökonomischen Blößen zu geben, wie dieselben Herren sie ungeniert sich geben, sobald sie glauben, einer bestimmten Gattung Arbeiter damit zu schmeicheln, einen Wahlsieg oder sonstigen Vorteil zu erlangen. Weil also in Sachsen Silber gewonnen, glaubt man auf den Doppelwährungsschwindel sich einlassen zu dürfen! Um ein paar Wähler zu gewinnen, soll unsre Partei auf dem Gebiet, wo allerdings ihre Stärke sein soll, sich unsterblich blamieren!

Aber das sind unsre Herren Literaten. Ganz wie die Bourgeoisliteraten glauben sie, das Privilegium zu haben, nichts zu lernen und über alles zu räsonieren. Sie haben uns eine Literatur zusammengeschmiert, die an ökonomischer Unwissenheit, neugebackenem Utopismus und Arroganz ihresgleichen sucht, und die Bismarck uns einen kolossalen Gefallen tat zu verbieten.

Bei der Doppelwährung handelt es sich heute nicht so sehr um die Doppelwährung im allgemeinen, als um die spezielle Doppelwährung im Verhältnis: Gold zu Silber wie 151/2: 1. Dies also zu trennen.

Die Doppelwährung macht sich dadurch täglich unmöglicher, daß das Wertverhältnis von Gold und Silber, früher wenigstens annähernd konstant und nur langsam sich ändernd, jetzt täglichen und heftigen Schwankungen ausgesetzt ist, und zwar zunächst in der Richtung, daß Silber im Wert fällt infolge der kolossal steigenden Produktion, besonders in Nordamerika. Die Golderschöpfung ist eine Erfindung der Silberbarone. Aber die Ursache der Wertveränderung sei welche sie wolle, das Faktum bleibt, und damit haben wir es zunächst zu tun. Silber verliert täglich mehr die Fähigkeit, als Wertmesser zu dienen, Gold behält sie.

Das Wertverhältnis beider ist jetzt etwa 171/2: 1. Die Silberleute wollen aber das alte Verhältnis von 151/2: 1 der Welt wieder aufoktroyieren, und das ist ebenso unmöglich, wie Maschinengarn und Gewebe dauernd und allgemein auf dem Preise von Handgarn und Gewebe zu erhalten. Der Münzstempel bestimmt nicht den Wert der Münze, er garantiert dem Empfänger nur Gewicht und Gehalt, er kann nie auf 151/2 % Silber den Wert von 171/2 übertragen.

Alles dies ist im „Kapital“, Kapitel Geld (III. Kap. S.72–120), so klar und erschöpfend behandelt, daß darüber gar nichts mehr zu sagen ist. Für Material in bezug auf die neueren Schwankungen vgl. Soetbeer: „Edelmetall – Produktion und Werthverhältnis etc.“ (Gotha, Perthes 1879.) S[oetbeer] ist erste Autorität auf diesem Gebiet und Vater der deutschen Münzreform – er hat die „Mark“ von 1/3 Taler schon vor 1840 gepredigt.

Also: Wenn Silber zu 151/2 % = 1 % Gold geprägt wird, so fließt es in die Staatskassen zurück, jeder sucht’s loszuwerden. Das haben die Vereinigten Staaten mit ihrem auf den alten Gehalt ausgeprägten Silberdollar, der nur 90 c. wert ist, erfahren und ebenso Bismarck, als er die eingezognen, durch Gold ersetzten Silbertaler mit Gewalt wieder in Zirkulation setzen wollte.

Herr Bankpräsident Dechend bildet sich ein, durch Doppelwährung die Schulden Deutschlands ans Ausland in schlechtem Silber statt in vollwertigem Gold abzahlen und so jede Goldkrise vermeiden zu können, was allerdings für die Reichsbank sehr kommod wäre, wenn es nur ginge. Was aber dabei einzig herauskommt, ist, daß Herr D[echend] selbst beweist, daß er total unfähig ist, Bankpräsident zu sein und viel mehr auf die Schulbank gehört als auf die Reichsbank.

Der preußische Junker wäre allerdings ebenfalls glücklich, wenn er seine in Silber à 151/2: 1 kontrahierten Hypothekenschulden in Silber à 171/2: 1 zurückzahlen oder verzinsen könnte. Und da dies im Inland sich abzuwickeln hätte, so wäre eine solche Prellerei der Gläubiger durch die Schuldner allerdings durchführbar, wenn – der Adel nur Leute fände, die ihm Silber à 171/2: 1 pumpen, damit er zu 151/2: 1 abzahlen könnte. Denn seine eignen Mittel erlauben ihm ja die Abzahlung nicht. Aber er müßte sein Silber ja auch zu 151/2 nehmen, und so bliebe alles beim alten für ihn.

Was die deutsche Silberproduktion betrifft, so nimmt die Gewinnung aus deutschem Erz jedes Jahr eine geringere Stellung ein neben der (rheinischen) Gewinnung aus südamerikanischem Erz. 1876 Gesamtproduktion in Deutschland ca. 280 000 %, davon aus südamerikanischem Erz 58 000, seitdem noch stark gesteigert.

Daß Herabdrückung des Silbers zur Scheidemünze den Silberwert noch mehr drücken muß, ist klar, der Verbrauch des Silbers zu andern Zwecken ist minim1 gegen den als Geld und nimmt darum nicht rasch zu, weil Demonetisation mehr Silber auf den Markt wirft.

Daß England je Doppelwährung einführt, daran ist nicht zu denken. Kein Land, das Goldwährung hat, kann jetzt auf die Dauer wieder Doppelwährung einführen. Allgemeine Doppelwährung ist ohnehin schon eine allgemeine Unmöglichkeit; wenn alle Menschen sich einigten, daß Silber heute wieder 151/2: 1 gelten soll, so können sie das Faktum nicht ändern, daß es nur 171/2: 1 wert ist, und dagegen ist absolut nichts zu machen. Man könnte ebensogut den Beschluß fassen, 2 × 2 sollen fünf sein.

Bamberger hat uns in unsrer ersten Exilzeit sehr viel Dienste geleistet, er war ein sehr anständiger und bereitwilliger Mann, Sekretär beim Karl von Braunschweig2. Nachher haben wir ihn aus dem Gesicht verloren.

Besten Gruß.

Ihr
F. E.