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Marx an Pjotr Lawrowitsch Lawrow
in Paris

23. Jan. 1882
41, Maitland Park Road, London, N. W.

Lieber Freund,

Einliegend einige Zeilen zur russischen Ausgabe des „Kommunistischen Manifests"; da dieselben ins Russische zu übersetzen sind, sind sie nicht so stilisiert, wie es nötig wäre für deren Veröffentlichung in the German vernacular1.

Ich bin erst seit einigen Tagen wieder in London. Infolge der von mir überstandenen Pleuritis und Bronchitis verblieb nämlich ein chronischer Bronchialkatarrh, den mein Arzt2 zu beseitigen hoffte durch meine Spedition nach Ventnor (Isle of Wight), ein Ort, gewöhnlich selbst im Winter warm. Diesmal jedoch – während meines 3wöchentlichen Aufenthalts daselbst – überzog Ventnor kaltnasses, nebelhaft-graues Wetter, während gerade gleichzeitig in London fast Sommerwetter eintrat, das bei meiner Rückkehr jedoch verschwand.

Es wird jetzt bezweckt, mich irgendwo nach dem Süden zu senden, vielleicht nach Algier. Die Wahl ist schwer, weil Italien mir unzugänglich ist (in Mailand ward ein Mann verhaftet wegen Namensähnlichkeit mit mir); ich kann nicht einmal per steamer3 von hier nach Gibraltar, weil ich keinen Paß habe, und dort verlangen selbst die Engländer Paß.

Trotz aller ärztlichen Bedrängnis und der mir nächststehenden Personen würde ich auf solche zeitverschwenderische Operation keineswegs eingehen, wenn diese verfluchte „englische" Krankheit einem nicht das Gehirn angriffe. Außerdem würde ein Rückfall, selbst wenn ich davon käme, noch mehr Zeit kosten. – Mit alledem will ich erst noch etwas hier experimentieren.4

Ich sende Ihnen eine Nummer von „Modern Thought" mit einem Artikel über mich; ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß die biographische Notiz des Autors völlig falsch ist. Meine Tochter – Ihre Korrespondentin Eleanor, die Sie grüßen läßt – hat es übernommen, in dem Ihnen übersandten Exemplar die englisch falsch zitierten Stellen aus dem „Kapital" zu berichtigen. Aber wie schlecht auch Herr Bax – ich höre, daß er ein ganz junger Mann ist – übersetzen mag, er ist auf jeden Fall der erste englische Kritiker, der ein echtes Interesse für den modernen Sozialismus zeigt. Er hat so etwas Aufrichtiges in der Sprache und einen Ton echter Überzeugung, die einem auffallen. Ein gewisser John Rae – ich glaube, er ist Dozent für Politische Ökonomie an irgendeiner englischen Universität – hat vor einigen Monaten in der „Contemporary Review" einen Artikel über das gleiche Thema veröffentlicht, sehr oberflächlich (obgleich er vorgibt, viele meiner Schriften zu zitieren, die er augenscheinlich niemals gesehen hat), und voll jenes Anspruches auf Überlegenheit, von der der echte Brite dank einer besonderen Gabe dummer Borniertheit erfüllt ist. Dabei ist er sehr bemüht, großzügigerweise anzunehmen, daß ich aus Überzeugung und nicht aus eigennützigen Motiven seit fast 40 Jahren die Arbeiterklasse durch falsche Lehren irregeführt habe! Im allgemeinen beginnen die Leute hier, nach etwas Kenntnissen des Sozialismus, Nihilismus und so fort zu verlangen. Irland und die Vereinigten Staaten einerseits, andererseits der bevorstehende Kampf zwischen Pächtern und Grundbesitzern, zwischen Landarbeitern und Pächtern, zwischen Kapitalismus und Grundbesitz; einige Symptome der Wiederbelebung unter der Arbeiterklasse in der Industrie, wie z. B. bei einigen kürzlich stattgefundenen Nachwahlen für das Unterhaus, wo die offiziellen Kandidaten der Arbeiter (besonders der Renegat der Internationale, der elende Howell) von den anerkannten Führern der Trades Unions vorgeschlagen und von Herrn Gladstone, „dem Volks-William", öffentlich empfohlen, von den Arbeitern verächtlich abgelehnt wurden; die in London entstehenden demonstrativ radikalen Klubs, die sich größtenteils aus Arbeitern, englischen und irischen vermischt, zusammensetzen, die absolut gegen die „Große Liberale Partei", den offiziellen Trades-Unionismus und den Volks-William sind usw. usw. – alles dies veranlaßt den britischen Philister gegenwärtig dazu, einiges über den Sozialismus erfahren zu wollen. Leider beuten die Zeitschriften, Magazine, Zeitungen usw. diese „Nachfrage" aus, indem sie den Lesern das Geschmiere käuflicher, ignoranter und liebedienerischer penny-a-liners (selbst angenommen, sie wären shilling-a-liners) „offerieren".

Da erscheint eine „Wochenschrift" namens „The Radical", voll lobenswerter Aspirationen, kühn in der Sprache (die Kühnheit liegt in der sans-gêne5, nicht in der Kraft), welche versucht, das Lügengewebe der britischen Presse zu zerreißen, aber trotz alledem zeigt sie eine schwache Leistung. Was der Zeitung fehlt, sind aufgeweckte Redakteure. Vor vielen Monaten haben diese Leute an mich geschrieben. Ich war damals in Eastbourne mit meiner lieben Frau, dann in Paris usw., so daß sie mit mir bis jetzt noch keine Unterredung hatten. Ich halte es für nutzlos. Je mehr ich von ihrer Zeitung gelesen habe, um so mehr bin ich überzeugt, daß sie unverbesserlich ist.

Meine Tochter erinnert mich, daß es höchste Zeit ist, diesen Brief zu beenden, da nur noch Minuten für Aufgeben des Briefes verblieben sind.

Salut.

Karl Marx