[London] 15. Dez. 1881
Lieber Sorge,
Nach den Mitteilungen, die Dir Dein Sohn1 von hier mündlich überbracht, warst Du sicher vorbereitet auf die Nachricht vom Tod meiner teuren, unvergeßlichen Lebensgefährtin (am 2. Dezember). Ich selbst war noch nicht hinlänglich hergestellt, ihr die letzte Ehre zu beweisen. Ich habe in der Tat bis jetzt Hausarrest, soll aber nächste Woche nach Ventnor (Isle of Wight).
Ich komme aus der letzten Krankheit doppelt verkrüppelt heraus, moralisch durch den Verlust meiner Frau, physisch dadurch, daß eine Verdickung der Pleura und größere Reizbarkeit der Luftröhrenäste geblieben.
Einige Zeit werde ich leider total verlieren müssen mit Gesundheitsherstellungsmanoeuvres.
Eine neue Auflage der deutschen Ausgabe des „Kapitals“ ist nötig geworden. Kömmt mir sehr ungelegen.
Euer Henry George entlarvt sich immer mehr als Humbug.
Ich hoffe, Sorge jun. ist wohlerhalten eingetroffen: grüß ihn von mir.
Dein
K. Marx
Die Engländer fangen an, in der letzten Zeit sich mehr mit dem „Kapital“ etc. zu beschäftigen. So in der letzten Oktober- (oder November-, I am not quite sure2) Nummer des „Contemporary“ ein Artikel von John Rae über German Socialism. (Sehr unzulänglich, voller Irrtümer, aber „fair“, wie einer meiner English friends3 mir vorgestern sagte.) Und warum fair?4 Weil John Rae nicht unterstellt, daß ich in den vierzig Jahren der Verbreitung meiner gefährlichen Theorien mich von „schlechten“ Motiven leiten ließ. „Seine Großmut muß ich loben!“5 Die Fairness, sich zumindest hinreichend mit dem Gegenstand seiner Kritik bekannt zu machen, scheint den Schreiberlingen des britischen Philistertums etwas völlig Unbekanntes zu sein.
Zuvor, Anfang Juni, wurde von einem gewissen Hyndman (der mir seine Bekanntschaft vorher in meinem Hause aufgedrängt hatte) ein kleines Buch veröffentlicht: „England for all“. Es gibt vor, ein Exposé des Programms der „Democratic Federation“ zu sein – einer vor kurzem gegründeten Assoziation verschiedener englischer und schottischer radikaler Gesellschaften, halb bürgerlich, halb prolétaires. Die Kapitel über Arbeit und Kapital sind nur wörtliche Auszüge oder Umschreibungen aus dem „Kapital“, aber der Kerl gibt weder das Buch noch seinen Verfasser an; um sich jedoch gegen jede Bloßstellung zu decken, bemerkt er am Ende seines Vorworts: „Für die Ideen und einen großen Teil des stofflichen Inhalts der Kapitel II und III bin ich dem Werk eines großen Denkers und schöpferischen Schriftstellers verpflichtet usw. usw.“ An meine Adresse gerichtet, schrieb der Kerl alberne Entschuldigungsbriefe, z. B., daß „sich die Engländer nicht gern von Ausländern belehren lassen“, daß „mein Name so verhaßt sei etc.“6 Bei alldem macht sein kleines Buch – soweit es vom „Kapital“ stibitzt – gute Propaganda, obwohl der Mann ein „schwacher“ Mensch ist und sehr weit davon entfernt, die nötige Geduld aufzubringen – die erste Voraussetzung, um überhaupt etwas zu lernen –, um eine Sache gründlich zu studieren. Alle diese reizenden middle-class Schreiber sind – sofern sie nicht Spezialisten sind – begierig, unmittelbar aus jedem neuen Gedanken, der ihnen von einem günstigen Wind zugetragen wird, Geld oder Namen oder politisches Kapital zu schlagen. Viele Abende hat dieser Kerl mir gestohlen, um mich auszunehmen und so auf die leichteste Art zu lernen. Schließlich erschien am letzten 1. Dezember in der Monatsrevue „Modern Thought“ (ich werde Dir davon ein Exemplar schicken) ein Artikel: „Leaders of Modern Thought: Nr. XXIII – Karl Marx. By Ernest Belfort Bax.“
Das ist nun die erste englische Publikation dieser Art, die von wirklicher Begeisterung für die neuen Ideen durchdrungen ist und sich dem britischen Philistertum kühn entgegenstellt. Das schließt zwar nicht aus, daß die vom Verfasser über mich gemachten biographischen Angaben zum größten Teil falsch sind usw. In der Darlegung meiner ökonomischen Grundgedanken und in seinen Übersetzungen (d. h. der Zitate aus dem „Kapital“) ist vieles falsch und verworren; aber bei alledem hat das Erscheinen dieses Artikels, in großen Lettern auf Plakaten an den Mauern des Londoner Westend angekündigt, großes Aufsehen erregt. Das Wichtigste für mich dabei war, daß ich besagte Nummer von „Modern Thought“ bereits am 30. November erhielt, so daß meiner lieben Frau die letzten Tage ihres Lebens aufgeheitert wurden. Du weißt ja, welch leidenschaftliches Interesse sie an allen solchen Dingen genommen hat.