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Marx an Jenny Longuet
in Argenteuil

[London] 7 Décembre 1881

Mein liebes, gutes Jennychen,
Du findest es sicher natürlich, daß ich in diesem Augenblick nicht zum „Schreiben“ gestimmt bin und daher erst jetzt diese wenigen Zeilen schicke. Da ich überhaupt das Krankenzimmer noch nicht verlassen, war das ärztliche Interdikt gegen meine Teilnahme an der Beerdigung unerbittlich. Auch fügte ich mich, da die teure Hingeschiedne noch einen Tag vor ihrem Tod ihrer Nurse1, bei Gelegenheit von Vernachlässigung von irgendwas Zeremoniellem, sagte: „We are no such external people!“2

Schorlemmer kam aus eignem Antrieb von Manchester.

Ich habe noch immer die Jodtätowierung auf Brust und Nacken etc. vorzunehmen, und diese produziert, bei regulärer Wiederholung, ziemlich lästiges, peinliches Hautbrennen. Diese Operation, nur noch vollzogen, um Rückfall während der Heilung (faktisch bis auf etwas Husten fertig) zu verhindern, leistet mir daher jetzt großen Dienst. Gegen Gemütsleiden gibt es nur ein wirksames Antidot, und das ist körperlicher Schmerz. Setze den Weltuntergang auf die eine Seite und einen Mann mit akutem Zahnschmerz auf die andre!

Ich bin jetzt außerordentlich glücklich bei der Erinnerung, daß ich trotz vieler Bedenklichkeiten die Reise nach Paris gewagt! Nicht nur die Zeit selbst, welche die Unvergeßliche mit Dir und den Kinderchen3 zugebracht – „kaum“ getrübt durch das Bild of a certain domestic bully et Mirabeau de la cuisine4 –, auch das Wiederdurchleben dieser Zeit während ihrer letzten Krankheitsperiode! Es ist ganz sicher, daß in dieser Periode Deine und der Kinder Gegenwart sie nicht so intensiv hätte zerstreuen können, wie die ideale Beschäftigung mit Euch!

Ihr Ruheplatz ist ziemlich nahe bei dem des lieben „Charles“5.

Ein Trost ist mir, daß rechtzeitig ihre Kraft zusammenbrach. Dank der außerordentlich seltenen Lage des Geschwulsts – so daß es beweglich, schiebbar – traten die wirklich charakteristischen unerträglichen Schmerzen erst in den allerletzten Tagen ein (und auch dann noch bändigbar durch Einspritzung von Morphin, was der Doktor absichtlich für die Katastrophe aufgespart, indem es bei längerer Anwendung auch alle Wirkung verliert). Wie Dr.Donkin mir vorhergesagt, nahm der Krankheitsverlauf den Charakter eines allmählichen Hinschwindens wie von Altersschwäche an. Auch während der letzten Stunden kein Todeskampf, allmähliches Entschlafen; ihre Augen voller, schöner, leuchtender als je!

Apropos. Engels – mir wie immer aufs Treuste zur Seite – hat Dir auf mein Ersuchen eine Nummer des „Irish World“ geschickt, worin die Nichtigkeitserklärung des Grundeigentums (privaten) seitens eines irischen Bischofs. Dies war eine der letzten news, die ich Deiner Mamma mitteilte, und sie meinte, Du könntest es vielleicht in a French paper6 zum Schrecken der französischen Klerikalen bringen. Jedenfalls beweist’s, daß diese Herrn aus allen Mundarten zu pfeifen verstehn.

(In der „Justice“ vom 2.Dez. 1881 hat ein gewisser Bursche namens B.Gendre7 unter dem Titel „Le catholicisme socialiste en Allemagne“ seinen Chauvinismus zu befriedigen versucht, indem er, Laveleye folgend, die Phantasiestatistik unsres Freundes R.Meyer (in dessen Buch „Emanzipationskampf des 4.Standes“) au sérieux8 nahm. Tatsache ist, daß die sog. katholischen Sozialisten seit Bestand des deutschen Reichs nur einmal einen Deputierten zum Reichstag gewählt, und daß dieser eine sofort nach seiner Wahl nur als „Mitglied des Zentrums“ figurierte“. Andrerseits, was den Zahlenbestand katholischer Arbeitervereine betrifft, hat unser R.Meyer Frankreich mit noch ungleich größerer Anzahl beglückt als Deutschland.)

Soeben erhalte ich die „Justicevom 7 Décembre und finde darin unter der Rubrik „Gazette du jour“ eine nekrologische Notiz, worin es u. a. heißt:

„On devine que son“ (il s’agit de votre mère) „mariage avec Karl Marx, fils d’un avocat de Trèves, ne se fit pas sans peine. Il y avait à vaincre bien des préjugés, le plus fort de tous était encore le préjugé de race. On sait que l’illustre socialiste est d’origine israélite.“9

Toute cette histoire is a simple invention; there was no préjugés à vaincre. I suppose, I am not mistaken in crediting Mr. Ch.Longuet’s inventive genius with this literary „enjolivement“. The same writer when speaking of the limitation of the working day and the factory acts, mentioned in another number of the „Justice“ – „Lassalle and Karl Marx“, the former having never printed or spoken a syllable on the matter in question. Longuet would greatly oblige me in never mentioning my name in his writings.10

The allusion to your Maman’s occasional anonymous correspondence (in fact in behalf of Irving) I find indiscreet. At the time she wrote to the „Gazette de Francfort“ (she never wrote to the „Journal de Francfort“ – as the „Justice“ calls it –, a simply reactionary, and philistine paper) the latter (the „Gazette“) was still on more or less friendly terms with the socialist party.11

As to the „von Westphalen“, they were not of Rhenish, but of Braunschweigischer Abkunft. The father of your mother’s father was the factotum of the berüchtigte Duke of Brunswick (during the „seven years’ war“). As such he was also overwhelmed with favours on the part of the British government and married a near relative of the Argyll’s. His papers relative to war and politics have been published by the Minister v. Westphalen. On the other hand, „par sa mère“, your mother descends from a small Prussian functionary and was actually born at Salzwedel in the Mark. All these things need not be known, but knowing nothing of them, one ought not pretend correcting d’autres „biographies“.12

And now, my dear child, send me a long description of the doings of Johnny et Co. I still regret that Henry was not left to us at the time he went on so well. He is a child who wants a whole family’s attendance being singly, exclusively concentrated upon him. As it is, with so many other little ones requesting your care, he is rather an impediment.
With many kisses to you and your „little men“

Your devoted father
K.M.13

I was rather disagreeably affected by Meissner’s communication, that a new third edition of the „Capital vol. I“ has become necessary. I wanted indeed to apply all my time – as soon as I should feel myself able again – exclusively to the finishing of the 2nd volume.
Please write a few words in my name to Reinhardt. I could not find his address. He was an acquaintance of Mama’s.14