London, 30. März 1881
Lieber Bebel,
Viereck (von dem incl. eine Postkarte) wünscht, ich soll Euch über das Bostoner Meeting berichten; aber wie gewöhnlich bei kombinierten Operationen kam auch hier eine Störung nach der andern; 1. schrieb Harney eine Woche später, 2. vergaß er, den Zeitungsbericht beizulegen, den ich erst gestern erhielt. Diesen gab ich heute an Kautsky, der hier ist, damit er ihn für den „S[ozialdemokrat]“ verarbeitet.
Das Meeting in Boston war brillant, trotz schlechter Ankündigung 1500 Leute, 1/3 Deutsche. Zuerst sprach Swinton, ein amerikanischer Kommunist, der uns vorigen Sommer hier besuchte und Eigentümer einer großen N[ew] Y[orker] Zeitung1 ist. Dann Fritzsche. Endlich Wendell Phillips, der große Anti-Sklaverei-Mann, der mehr als irgend jemand, John Brown ausgenommen, für die Abschaffung der Sklaverei und die Durchführung des Kriegs getan und der der erste Redner Amerikas, vielleicht der Welt ist. Er trug den Deutschen den Dank ab, den er ihnen dafür schuldete, daß 1861 in allen großen Städten die deutschen Turner ihn vor dem amerikanischen Mob mit ihren Leibern gedeckt und St. Louis der Union erhalten hatten. Wie er sprach, nur eine Probe: „So weit, wie ich vom Kampfplatz ab bin, erlaube ich mir nicht, die Kampfweise zu kritisieren. Ich schaue auf Rußland, 4000 Meilen entfernt, und sehe, welch ein Alp auf dem Volk dort lastet. Ich hoffe nur, daß sich jemand findet, der ihn von den Schultern des Volks wegnimmt. Und wenn das nur der Dolch kann, dann, sage ich: Willkommen der Dolch! Ist hier ein Amerikaner, der das mißbilligt? Wenn das, dann sehe er (auf ein Wandgemälde zeigend) sich Joe Warren an, der bei Bunkers Hill starb.“ Das war am 7. März, am 13. fiel die Bombe, was der Dolch nicht konnte.
Nach dem heutigen „Standard“ soll Most wegen des Attentatsartikels von der englischen Regierung verfolgt werden! Wenn die russische Gesandtschaft und Gladstone platterdings den albernen Hans zum großen Mann machen wollen, dann ist ihnen nicht zu helfen. Es ist dabei noch lange nicht sicher, daß M[ost] verurteilt wird. Die sittliche Entrüstung der großen Blätter über die Bombe war großenteils Anstandssache, der der Bourgeois schandenhalber hier sich nie entzieht. Die komischen Blätter, die die Stimmung weit treuer widerspiegeln, haben den Fall ganz anders gefaßt, und bis es zur Schlußverhandlung kommt, kann sich dabei noch manches ändern, so daß das erforderliche einstimmige Verdikt von 12 Geschwornen noch lange nicht sicher ist.
Um zu unsern amerikanischen Freunden zurückzukehren, so ist das Eintreten von Wendell Phillips (bewirkt durch einen jungen amerikanischen Journalisten Willard Brown, der voriges Jahr hier viel bei Marx verkehrte und der überhaupt bei der amerikanischen Presse alles für sie getan und die nötige Reklame für sie gemacht) von der höchsten Bedeutung. Der Erfolg übertrifft überhaupt meine Erwartungen und zeigt, daß auch bei den Deutschen, selbst Bürgern, in Amerika die Bismärckerei sehr in Verfall gekommen. Viereck’s2 Hoffnungen von einer zweiten Reise mit L[iebknecht] dürften sich aber schwerlich realisieren, so rasch darf man nicht zweimal kommen. Auch dürfte das große Petersburger Ereignis und seine unvermeidlichen Folgen eine solche, die doch erst im nächsten Jahr zulässig, überflüssig machen. Alex[ander] III. muß, er mag wollen oder nicht, durch irgendeinen entscheidenden Schritt den Stein ins Rollen bringen, bis dahin kann aber noch eine kurze Zeit schwerer Verfolgung kommen, und die Schweiz wird wohl bald zu Massenausweisungen schreiten. Inzwischen versimpelt der alte Wilhelm3 immer mehr, wenn er nicht abkratzt, Bismarck wird täglich toller und scheint mit Gewalt den preußischen rasenden Roland spielen zu wollen, die bürgerlichen Parteien gehen täglich mehr aus dem Leim, die Steuerwut der Regierung tut den Rest. Selbst wenn wir alle die Hände in den Schoß legten, die Ereignisse würden uns mit Gewalt in den Vordergrund schieben und den Sieg vorbereiten. Es ist ein wahrer Genuß, so eine lang vorhergesehne revolutionäre Weltlage der allgemeinen Krisis entgegenreifen, die blinden Gegner unsre Arbeit für uns tun, die Gesetzmäßigkeit der dem Weltkrach zutreibenden Entwicklung in und durch die allgemeine Verwirrung sich durchsetzen zu sehn.
Gruß von M[arx] und Deinem
F. E.