London, 19. Februar 1881
Werter Herr,
In aller Eile diese wenigen Zeilen als Antwort auf Ihren freundlichen Brief.
Seit meiner Rückkehr von Ramsgate war meine Gesundheit im allgemeinen besser, doch das abscheuliche Wetter, das wir schon seit Monaten haben, hat mich mit dauerndem Schnupfen und Husten gesegnet, die den Schlaf stören usw. Aber das Schlimmste ist, daß der Zustand meiner Frau täglich gefährlicher wird, obwohl ich mich an die berühmtesten Ärzte Londons gewandt habe; außerdem habe ich eine Menge häuslicher Sorgen, auf die einzugehen langweilig wäre. Anderseits hatte und habe ich mich durch eine ungeheure Menge von Blue Books, die mir aus verschiedenen Ländern, hauptsächlich aus den Vereinigten Staaten, zugeschickt worden sind, durchzuarbeiten, so daß meine Arbeitszeit für die gestellte Aufgabe kaum ausreicht, zumal mir alle Nachtarbeit von meinen ärztlichen Beratern auf Jahre hinaus strengstens untersagt worden ist. So kommt es auch, daß ich furchtbar viel Briefschulden habe. In meiner Familie geht augenblicklich alles drunter und drüber, da meine älteste Tochter, Frau Longuet, mit ihren Kindern von London nach Paris übersiedelt, wo ihr Mann (seit der Amnestie; in der Zwischenzeit war er Professor am King's College in London) Mitherausgeber der „Justice" geworden ist (er inspirierte Clemenceaus halbsozialistische Rede in Marseille). Sie werden begreifen, wie schmerzvoll diese Trennung – bei dem jetzigen Zustand meiner Frau – ist. Für sie, wie für mich, waren unsere Enkelkinder, drei kleine Buben, unerschöpfliche Quellen der Lebensfreude.
Nun zunächst zum beiliegenden Manuskript. Sein Verfasser, Herr Lafargue, ist der Gatte meiner zweiten Tochter und einer meiner direkten Schüler. Er bat mich, in Erfahrung zu bringen, ob er durch Ihre Vermittlung Mitarbeiter einer Petersburger Revue, der „Отечественныя записки" oder des „Слово" werden könne (ich glaube, das sind die einzigen, bei denen er ankommen kann). Wenn ja, sind Sie ermächtigt, alles, was dem Petersburger Breitengrad nicht entspricht, zu ändern oder fortzulassen. Was seinen „Namen" betrifft, so genügen die Anfangsbuchstaben. Auf jeden Fall wird es Sie interessieren, das Manuskript zu lesen.
Ich habe mit dem größten Interesse Ihren Artikel gelesen, der im besten Sinne des Wortes „originell" ist. Daher auch der Boykott. Wenn man mit seinem Denken die ausgefahrenen Geleise verläßt, kann man immer gewiß sein, zunächst „boykottiert" zu werden; das ist die einzige Verteidigungswaffe, die die routiniers in ihrer ersten Verwirrung zu handhaben wissen. Ich bin in Deutschland viele Jahre lang „boykottiert" worden und werde es in England immer noch, mit der kleinen Variation, daß von Zeit zu Zeit etwas derart Absurdes und Eselhaftes vom Stapel gelassen wird, daß ich erröten müßte, öffentlich davon Notiz zu nehmen. Aber versuchen Sie es nur weiter! Das Nächste, was meiner Meinung nach zu tun wäre, ist, sich die erstaunlich zunehmende Verschuldung der Gutsherren, der Repräsentanten der Oberklasse in der Landwirtschaft, vorzunehmen und zu zeigen, wie sie sich unter der Kontrolle der „neuen Stützen der Gesellschaft" in der Retorte „kristallisieren".
Ich bin sehr gespannt auf Ihre Polemik mit dem „Слово". Sobald ich mehr Ruhe habe, werde ich ausführlicher auf Ihre Esquisse1 eingehen. Einer Bemerkung kann ich mich gegenwärtig jedoch nicht enthalten. Da der Boden erschöpft ist und die Substanzen, deren er bedarf – durch künstliche, vegetabilische und animalische Düngung – nicht erhält, wird er weiter mit der wechselnden Gunst der Witterung, also unter Umständen, die von menschlicher Beeinflussung unabhängig sind, Ernten sehr verschiedenen Umfangs hervorbringen, obschon sich, wenn man eine ganze Periode, etwa die von 1870–1880, überblickt, der stagnierende Charakter der Produktion in schlagender Weise zeigt. Unter solchen Voraussetzungen bahnen günstige klimatische Bedingungen wegen des schnellen Verbrauchs und der Freisetzung des im Boden noch enthaltenen mineralischen Düngers einem Hungerjahr den Weg, während vice versa2 ein Hungerjahr und noch mehr eine Reihe schlechter Jahre die im Boden steckenden Mineralien sich wieder ansammeln und bei Wiedereintritt günstiger klimatischer Bedingungen ihre Wirkung ausüben läßt. Ein solcher Prozeß geht natürlich überall vor sich, aber anderswo wird er durch das modifizierende Eingreifen des Landwirts reguliert. Doch da, wo der Mensch – aus Mangel an Mitteln – aufgehört hat, eine „Macht" zu sein, wird dieser Prozeß zum einzigen regulierenden Faktor.
So hatten wir 1870 eine ausgezeichnete Ernte in Ihrem Lande, aber dieses Jahr war ein Gipfelpunkt, ihm folgte unmittelbar ein sehr schlechtes; das Jahr 1871, die Mißernte, muß als Anfang eines neuen kleinen Zyklus betrachtet werden, der im Jahre 1874 zu einem neuen Gipfelpunkt gelangte; ihm folgte direkt das Hungerjahr 1875. Dann begann die Aufwärtsentwicklung wieder und endete mit dem noch schlimmeren Hungerjahr 1880. Zieht man das Fazit der ganzen Periode, so ergibt sich, daß die durchschnittliche Jahresproduktion gleichgeblieben ist und daß die wechselnden Ergebnisse, wenn man die einzelnen Jahre und kleineren Zyklen vergleicht, allein durch natürliche Faktoren zustande kamen.
Wie ich Ihnen vor einiger Zeit schrieb3, war die Tatsache, daß die große industrielle und kommerzielle Krise, die England durchgemacht hat, vorüberging, ohne in einem Börsenkrach in London zu kulminieren, eine Ausnahmeerscheinung, die einzig dem französischen Geld zuzuschreiben ist. Dies wird jetzt sogar von englischen routiniers eingesehen und anerkannt. So schreibt der „Statist" (29. Jan. 1881): „Der Geldmarkt war nur durch einen Zufall während des vergangenen Jahres so ruhig. Die Bank von Frankreich hat im Frühherbst ihren Vorrat an Barrengold von £ 30 Millionen auf £ 22 Millionen sinken lassen… Im vergangenen Herbst sind wir zweifellos dem Krach nur mit Müh und Not entgangen." (!)
„Der Geldmarkt war nur durch einen Zufall während des vergangenen Jahres so ruhig. Die Bank von Frankreich hat im Frühherbst ihren Vorrat an Barrengold von £ 30 Millionen auf £ 22 Millionen sinken lassen… Im vergangenen Herbst sind wir zweifellos dem Krach nur mit Müh und Not entgangen." (!)
Das englische Eisenbahnsystem bewegt sich auf derselben abschüssigen Ebene wie das europäische Staatsschuldenwesen. Die herrschenden Magnaten unter den Direktoren der verschiedenen Eisenbahngesellschaften nehmen nicht nur in wachsendem Ausmaß neue Anleihen auf, um ihr Streckennetz zu erweitern, d. h. das „Territorium", wo sie als absolute Monarchen regieren, sondern sie vergrößern auch ihr Netz, um neue Vorwände für die Aufnahme neuer Anleihen zu haben, die es ihnen ermöglichen, die den Besitzern von Obligationen, Vorzugsaktien usw. geschuldeten Zinsen zu zahlen und von Zeit zu Zeit auch den stark mißbrauchten Inhabern einfacher Aktien einen Bissen in Form etwas erhöhter Dividenden hinzuwerfen. Diese famose Methode muß eines Tages in einer jämmerlichen Katastrophe enden.
In den Vereinigten Staaten sind die Eisenbahnkönige zum Mittelpunkt des Angriffs nicht nur wie früher seitens der Farmer und anderer industrieller „entrepreneurs"4 des Westens geworden, sondern auch seitens der großen Repräsentanten des Handels – der New-Yorker Handelskammer.
Der Eisenbahnkönig und Finanzschwindler Gould, dieser Riesenkrake, entgegnete den New-Yorker Handelsmagnaten: jetzt attackiert ihr die Eisenbahngesellschaften, weil ihr glaubt, sie seien in Anbetracht ihrer augenblicklichen Unbeliebtheit am leichtesten verwundbar; aber nehmt euch in acht! Nach den Eisenbahnen wird jede Art von corporation (bedeutet im Yankee-Dialekt Aktiengesellschaft), später alle Arten assoziierten Kapitals und schließlich das Kapital schlechthin an die Reihe kommen; so ebnet ihr dem Kommunismus den Weg, dessen Tendenzen sich schon immer mehr im Volk verbreiten. Herr Gould „a le flair bon"5.
In Indien harren der britischen Regierung ernste Komplikationen, wenn nicht gar ein allgemeiner Aufruhr. Was die Engländer jährlich an Renten, an Dividenden für Eisenbahnen, die für die Hindus nutzlos sind, an Pensionen für Militärs und Zivilbeamte erhalten, was sie für afghanische und andere Kriege usw. usw. aus dem Land ziehen, was sie ohne jede Gegenleistung bekommen und ganz abgesehen von dem, was sie sich alljährlich innerhalb Indiens aneignen – ich spreche also nur von dem Wert der Waren, die Indien umsonst jedes Jahr nach England schicken muß – all das macht schon mehr als das gesamte Einkommen der 60 Millionen indischen landwirtschaftlichen und industriellen Arbeiter aus! Das ist ein Prozeß des Ausblutens, der sich rächen muß! Die Hungerjahre jagen einander und in einem Ausmaß, wie man es in Europa bisher nicht für möglich hielt! Jetzt ist eine ernsthafte Verschwörung im Gange, zu der Hindus und Moslems sich zusammengetan haben; die britische Regierung ist unterrichtet, daß sich etwas „zusammenbraut", aber diese Hohlköpfe (ich meine die Regierungsleute), die durch ihre eigene parlamentarische Rede- und Denkweise verdummt sind, wollen noch nicht einmal klarsehen und das ganze Ausmaß der drohenden Gefahr erfassen! Anderen etwas vormachen und sich dabei selbst etwas vormachen – das ist die parlamentarische Weisheit in der Nußschale. Tant mieux!6
Können Sie mir sagen, ob Prof. Lankesters „Chapter on deterioration" (ich fand es in Ihrem Artikel zitiert) ins Russische übersetzt ist? Er ist ein Freund von mir.
Vorigen Monat hatten wir hier russischen Besuch, darunter Prof. Sieber (jetzt in Zürich) und Herrn Kablukow (Moskau). Sie haben den ganzen Tag über im Britischen Museum gearbeitet.
Keine Nachricht von unserem „gemeinsamen" Freund7?
Apropos. Jansons letzte statistische Arbeit – ein Vergleich Rußlands mit Europa – hat viel Aufsehen erregt. Ich würde sie gern sehen.
Mit den besten Wünschen
Ihr sehr ergebener
Karl Marx
Sollte Lafargues Artikel in Petersburg keine „Heimat" finden, dann seien Sie so gut, ihn mir zurückzuschicken.
Aus dem Englischen.