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Engels an Eduard Bernstein
in Zürich

London, 2. Febr. 1881

Lieber Herr Bernstein,

Inl. ein Brief an Kautsky1, zur gefl. Beförderung, ich weiß nicht, ob die mir gegebne Wiener Adresse noch gut ist.

Die 5 Nrn. des „S[ozialdemokrat]“ seit dem Jahreswechsel bekunden einen bedeutenden Fortschritt. Der melancholische Verzweiflungston des „geschlagenen Mannes“, die ihn ergänzende hochtrabende Biedermännischkeit, die fortwährend mit Mostschen Revolutionsphrasen abwechselnde spießbürgerliche Zahmheit, endlich die ewige Beschäftigung mit Most haben aufgehört. Der Ton ist flott und zielbewußt geworden, das Blatt wird nicht mehr abwiegelnd, wenn es so bleibt, sondern den Leuten in Deutschland zur Ermutigung dienen. Da Sie die „N[eue] Rh[einische] Ztg.“ haben, werden Sie gut tun, zuweilen darin zu lesen. Es war grade die Verachtung und der Spott, mit dem wir die Gegner behandelten, die uns in den 6 Monaten bis zum Belagerungszustand fast 6000 Abonnenten einbrachte, und obwohl wir im Nov. wieder von vorn anfingen, hatten wir Mai 49 wieder die volle Zahl und darüber. Die „Köln[ische] Ztg.“ hat jetzt eingestanden, daß sie damals nur 9000 hatte.

Da es Ihnen an Feuilleton zu mangeln scheint, könnten Sie einmal das Gedicht aus Nr. 44 von 1848 abdrucken: „Heute morgen fuhr ich nach Düsseldorf“; etwa mit dem Titel: Ein Sozialistenfresser von 1848. (Feuilleton der „Neuen Rhein. Ztg.“ vom 14. Juli 1848) und drunter den Verfasser: Georg Weerth (gestorben in Havanna 1856). Also nur so voran!

Ihr
F. E.

„Du sollst nicht stehlen“ und die Apologie der Hinrichtung L[udwigs] XVI. sehr gut.


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Marx an Vera Iwanowna Sassulitsch
in Genf

8. März 1881
41, Maitland Park Road
London, N.W.

Liebe Bürgerin,
Eine Nervenkrankheit, die mich seit zehn Jahren periodisch befällt, hat mich gehindert, früher auf Ihren Brief vom 16. Februar zu antworten. Ich bedaure, Ihnen keine bündige, für die Öffentlichkeit bestimmte Auskunft über die Frage geben zu können, die Sie an mich zu stellen mir die Ehre erwiesen haben. Vor Monaten habe ich bereits dem St. Petersburger Komitee eine Arbeit über denselben Gegenstand versprochen. Dennoch hoffe ich, daß einige Zeilen genügen werden, um Sie von jedem Zweifel über das Mißverständnis hinsichtlich meiner sogenannten Theorie zu befreien.

Bei der Analyse der Entstehung der kapitalistischen Produktion sage ich:

„Dem kapitalistischen System liegt also die radikale Trennung des Produzenten von den Produktionsmitteln zugrunde ... Die Grundlage dieser ganzen Entwicklung ist die Expropriation der Ackerbauern. Sie ist auf radikale Weise erst in England durchgeführt ... Aber alle anderen Länder Westeuropas durchlaufen die gleiche Bewegung.“ („Le Capital“, édit. française, p. 315.)

Die „historische Unvermeidlichkeit“ dieser Bewegung ist also ausdrücklich auf die Länder Westeuropas beschränkt. Der Grund dieser Beschränkung wird in folgendem Passus des Kapitels XXXII angeführt:

„Das Privateigentum, das auf persönlicher Arbeit gegründet ist ..., wird verdrängt durch das kapitalistische Privateigentum, das auf der Ausbeutung der Arbeit andrer, auf Lohnarbeit gegründet ist.“ (l. c., p. 341.)

Bei dieser Bewegung im Westen handelt es sich um die Verwandlung einer Form des Privateigentums in eine andere Form des Privateigentums. Bei den russischen Bauern würde man im Gegenteil ihr Gemeineigentum in Privateigentum umwandeln.

Die im „Kapital“ gegebene Analyse enthält also keinerlei Beweise – weder für noch gegen die Lebensfähigkeit der Dorfgemeinde, aber das Spezialstudium, das ich darüber getrieben und wofür ich mir Material aus Originalquellen beschafft habe, hat mich davon überzeugt, daß diese Dorfgemeinde der Stützpunkt der sozialen Wiedergeburt Rußlands ist; damit sie aber in diesem Sinne wirken kann, müßte man zuerst die zerstörenden Einflüsse, die von allen Seiten auf sie einstürmen, beseitigen und ihr sodann die normalen Bedingungen einer natürlichen Entwicklung sichern.
Ich habe die Ehre, liebe Bürgerin,

Ihr sehr ergebener
Karl Marx

Aus dem Französischen.