London, 22.Nov. 82
Lieber Mohr,
Meinen Brief von gestern mit cheque für £ 30 wirst Du erhalten haben.
Hartmann1 war Sonntag abend hier im tollsten Erfinderrausch. Seine Zelle sei seit Freitag in Tätigkeit, treibe ein Galvanometer mit starkem Widerstand, der anfangs über 50°, jetzt stetig 46° zeige. Nicht bloß drei, nein sechs Monate bis ein Jahr würde sie ohne Nachhilfe gleichmäßig arbeiten. Zeigen wollte er sie aber den Käufern nicht wegen der noch nicht patentierten Verbesserungen daran. Da sollte ich denn wieder einschreiten. Ich lehnte entschieden ab, ließ die – ganz einfache und ohne Schwierigkeit zu erledigende Sache – durch Percy2 abmachen (was geschehn) und riet ihm, in Zukunft seinen englischen Käufern den Artikel zu liefern, den er ihnen verkauft habe, nicht aber einen andern bessern oder schlechtern. Ob's helfen wird, fraglich. Der Kerl arbeitet fanatisch; Arbeit und Fanatismus reiben ihn auf, er schläft nur von 3–5 morgens und sieht sehr schlecht aus, dafür aber sind seine Kleider um so besser, er kommt jedesmal in einem andern Anzug. Unter den patentierten neuen Verbesserungen ist auch folgende: Um die Ätzkalilauge KOH der Zelle vor der Kohlensäure der Luft zu bewahren und ihre Verwandlung in Kaliumkarbonat zu verhindern, goß er Öl auf die Lösung und konnte, wie Percy erzählt, gar nicht begreifen, daß dies den Zweck nicht erfüllte, vielmehr Fett und Alkali zusammen etwas bildeten, was wie Seife aussah und in der Tat Seife war!
Ich habe neulich second hand3 endlich die vollständigen „Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit" gebunden erhalten, und rate, aus wessen verklopfter Bibliothek? – Dr. Strousberg! Da habe ich denn eine Stelle in Plutarchs „Marius" gefunden, die, zu Cäsar und Tacitus gehalten, den ganzen Agrarzusammenhang klarmacht. Die Cimbern „seien ausgewandert, aber nicht wie mit einem Stoße, noch in ununterbrochenem Zuge, sondern Jahr für Jahr wären sie in der guten Jahreszeit immer vorwärts gerückt, und hätten so in langer Zeit das Festland unter Kampf und Krieg durchzogen". Diese Stelle, zu dem jährlichen Ackerwechsel der Sueven gehalten, wie 70 Jahre später ihn Cäsar beschreibt, gibt den Modus der germanischen Einwanderung an: wo man den Winter verbracht, wurde im Frühjahr gesät und nach der Ernte weitergezogen, bis der Winter Halt gebot. Daß sie in der Regel im Sommer Acker bauten (wo nicht Raub das ersetzte), wohl unzweifelhaft bei Leuten, die Ackerbau mit aus Asien brachten. Bei den Cimbern sehn wir noch den Wanderprozeß, bei Cäsar sein Ende, seitdem der Rhein unüberschreitbare Grenze. Beides zusammen erklärt auch, warum bei C[äsar] „privati ac separati agri apud eos nihil est"4; auf der Wanderschaft war nur geschlechterweise organisierter Gemeinbau möglich, Vermessung von Einzeläckern wäre absurd gewesen. Der Fortschritt resp. Rückschritt zum Einzelanbau bei gemeinsamem Eigentum dann bei Tacitus.
Tussy hat mir diverse Zeitungen für Dich übergeben lassen, wozu ich eine „Égalité" füge. Die Frechheit der „Égalité" scheint dem Parquet5 wirklich zu imponieren, die Adressen sind noch immer von Lafargues Hand.
Besten Gruß.
Dein
F. E.