Cannes, 5 Juin 82
Dear Fred,
On 30th May letzte (pro Monte Carlo) Rückenbrandmarkung; am 31st May hielten die Nachoperationen mich in Hausarrest; am 3ten Juni ward ich von Kunemann emanzipiert und reiste selben Tag ab. Er riet mir, unter allen Umständen ein paar Tage in Cannes zu weilen, da dies schon die „Trocknung“ der mir geschlagnen Wunden erheischten.
So habe ich ganzen Monat in diesem repaire1 der vornehmen Müßiggänger oder adventurers2 vegetiert. Natur herrlich, sonst ein ödes Nest; es ist „monumental“, weil es nur aus Hôtels besteht; hier keine plebejische „Masse“, außer dem Lumpenproletariat zugehörigen garçons d’hôtels, de café etc. und domestiques3. Das alte Raubnest auf vorspringendem Fels, von 3 Seiten der Seebucht umschlossen, i. e. Monaco, wenigstens altbrüchige, mittelaltrige Sorte von italienischem Städtlein; andrerseits Condamine, meist unten am Meer, zwischen „Stadt“ Monaco und der maison de jeu4 (i. e. Monte Carlo), erbaut und rasch sich vergrößernd. Monaco, in the strict sense5, ist die „Politik“, der „Staat“, die „Regierung“; Condamine ist die ordinaire „kleinbürgerliche“ Gesellschaft; aber Monte Carlo ist „the pleasure“, and, thanks to the banque de jeu, the financial basis of the whole trinity6. Sonderbar, daß diese Grimaldi sich konsequent geworden; früher lebten sie von Piraterie, und einer von ihnen7 f. i.8 schrieb dem Lorenzo dei Medici, ihr Boden sei beengt, außerdem unfruchtbar; Natur weise sie deshalb auf Seeraub hin; Lorenzo sei daher wohl so großmütig, ihnen ein jährliches „Präsent“ zu garantieren, da sie nicht „wagen“, Jagd auf florentinische Schiffe zu machen. Lorenzo zahlte ihnen, consequently, geringes Jahrggehalt. – Nach Sieg der Holy Alliance9 über Napoleon10 machte Talleyrand, der den Erzlump, den Extyrann von Monaco11, unter den Emigrés12 sich zum Zeitvertreib als einen der Genossen erwählt, – also Talleyrand machte sich den Jux, ihn, den Vater „Florestans“13, zu „restaurieren“ „au nom du principe de la légitimité“14. Diese 2 Restaurierten – der von Hessen-Kassel15 und der von Monaco – dies couple16 verdient zu figurieren in neuer Ausgabe des Plutarch; zugleich welcher Kontrast zwischen dem Genuesen (vor allem auf finanziellen Raub ausgehend) und dem deutschen „Patriarchen“.
Unser Dr. Kunemann hat doch stillen Gram, daß, bereits als des Serenissimus funktionierender Leibarzt des jetzigen (stockblinden) Charles III., er (Kun[emann]) seiner liberalen Prinzipien von wegen anstößig ward und einem Engländer (Dr. Pickering) Platz räumen mußte. The survival of the best – i. e. als Duodeztyrannenleins Leibarzt – to a Britisher, of course, warranted by the nature of the beast! And that is the worst; this same Dr. Pickering, before being called by natural selection, he had dangerously fallen ill at Monaco, was treated and cured by Dr. Kunemann.17 Solch kummervolle Verhängnisdramen gibt’s in dieser Welt viele!
Sonderbarerweise hat dies heiße Wetter meinen Bronchialhusten eher verschlimmert als verbessert. Natürlich um so mehr „Vorwände“ zur Verkältung! Im übrigen ist Kunemann (und der Mann ist ein ausgezeichneter Arzt, kennt englische, deutsche, wie französische medizinische Literatur, Spezialist mit Bezug auf Lungen- und Brustkrankheiten) nicht Deiner Ansicht wegen Rückreise nach Paris. Ich solle es nicht in Unterbrechungen machen. Das Wetter sei nun heiß, nicht nur bei Tag, sondern auch warm bei Nacht. Daß jetzt Hauptanlässe zur Verkältung auf den Eisenbahnstationen; je öfter ich die Reise unterbrechen würde, desto öftere Möglichkeiten zu rechutes18. Dahingegen solle ich zu Cannes für die Reise 2 Flaschen guten alten Bordeaux mitholen. Er, wie Dr. Stephann, basiert auf der Base: der Magen müsse Grundlage bei Behandlung wie der Pleuresie als Bronchitis etc. zu behandeln; gut und viel essen; auch wenn es gegen den Mann, es sich „angewöhnen“; „Gutes“ „trinken“ und sich zerstreuen durch Fahren etc., wenn man nicht viel gehn, steigen etc. dürfe; möglichst wenig denken etc.
So dieser „Anleitung“ folgend, bin ich auf dem besten Weg zum „Idiotismus“, obgleich mit alldem den Bronchialkatarrh nicht los.
Der alte Garibaldi hat mir zum Trost an Bronchite „verewigt“. Natürlich, at a certain age19, ist es durchaus indifferent, woran man „launched into eternity“20.
Ich bin hier seit 3. Juni21 und reise heut abend fort. In Nizza und diesmal auch, wo es ausnahmsweis, zu Cannes starker Wind (obgleich warmer) und Staubwirbel. Einen gewissen Philisterhumor hat auch Natur (in der Art schon in dem „Alten Testament“ die Fütterung der Schlange mit Dreck als von Darwins Würmern Dreckdiet humoristische Antizipation). So geht ein solcher Naturalwitz durch die ganze Lokalpresse der Riviera. Nämlich am 24. Mai war ein entsetzlich Orage22 namentlich zu Mentone; der Blitz schlug ein dicht auprès de la gare23 (von Mentone) ein und schlug einem daneben wandelnden Philister die Sohle eines Schuhs weg, ließ aber den sonstigen übrigen Philister intakt.
Mit besten Grüßen an alle.
Old Mohr
Ich werde erst nach einigen Tagen meine Anwesenheit in Paris Freunden wissen [lassen]. Möglichst weniger „Umgang mit den Menschen“ mir noch notwendig. An Dr. Dourlen finde ich guten Arzt, um zu konsultieren.