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Marx an Engels
in London

[Monte Carlo] 30. Mai 82

Dear Fred,

Seit der am 23. Mai stattgehabten Applikation (der 3ten in Monte Carlo) de vésicatoire1 hatte ich zwar vor heute spätere Rendezvous mit Dr. Kunemann, aber nur betreffs des „Bronchialitischen“. Quo-ad2 Pleurésie fand dagegen heute lange Schlußexamination; das épanchement3 ist „weg“; was bleibt, ist sog. trockne Pleurésie; es ist keine Feuchtigkeit mehr im Weg; aber es bleibt das Knistern von einem Fell über anderm, um die Sache falsch populär auszudrücken. Er glaubt es für nützlich, daß ich heute noch ein Vésicatoire zu guter Letzt appliziere, dann aber für ein paar wenige Tage nach Cannes emigriere und darauf nach Paris trollen könne.

Die Pleuresie, meint er, habe ich sie nur ganz zufällig mir zugezogen; ebensogut, bei meinem soliden, normalen Bau, hätte ich sie niemals, aber mit demselben Recht auch vor 40 Jahren erwischen lassen – zufällig! Los sie haben schwieriger wegen der Rezidivenchancen4.

Da ich in nackter Schönheit von vorn und von hinten zu paradieren, machte er mich aufmerksam, daß die linke Seite früher aufgeschwollen gegen die rechte infolge der Pleuresie gewesen; jetzt umgekehrt die linke Seite (es handelt sich um den schadhaften Platz) kontrahiert im Gegensatz zur rechten, und zwar das infolge meines traitement5. Um die letzten Reste, sozusagen die Gedächtnismarken der Pleuresie, ganz mir wegzuarbeiten, sei später durch einigen Aufenthalt auf Gebirgshöhe, wo die dünnere Luft herrscht, erreichbar. Die Lungen müßten durch solche Gymnastik, ihr durch Milieu aufgezwungne Gymnastik, wieder „berichtigt“. Ich konnte die Details um so minder folgen, als er das Französische häufig durch Elsasser Deutsches, wohl auch durch einiges Yankee-Englisch (die Details) mir näherzubringen suchte6. Doch war das klar, was Dr. Stephann mir den ersten Tag gesagt: Ihr Brustkasten bleibt, was er ist; nimmt also eine falsches Geweb den Platz der einen Lungenseite verengt, so muß die Lunge sich mit minder Raum genügen. Im Maß, wie dies Geweb entfernt, dehnt sich die Lunge wieder aus. Ich kam eben erst von Kunemann, also nahe 6 Uhr abends, was (6 Uhr) letzte Poststunde for to-day7. Morgen – von wegen der heute nacht mir schließlich applizierbaren vésicatoire – ist out of question8 Schreiben; übermorgen muß ich mich erholen, und so werdet Ihr vor 2ten oder 3ten Juni (da ich außerdem packen werden müsse) „schwörliche“ weitere Nachricht erhalten.

Mit besten Grüßen.

Old Mohr