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Marx an Engels
in London

[Algier] 8. April1 (Sonnabend) 82

Dear Fred,

Gestern 4 Uhr nachmittag Examination durch Dr. Stephann. Er war trotz der Wetterwechsel, die beständige Erkältung neu verursachen, sehr befriedigend; fand auf dem niedriggelegnen Ort (links, auf Brustseite) das épanchement2 fast ganz verschwunden; noch mehr Widerstand eines Orts (links, niedrigliegend) auf Rückseite. Dieser wurde von ihm speziell gestern vermöbelt durch Hauttätowierung mit dem Collodion cantharidal. Folgedessen sehr lebhafte Schmerzen, dank dieser „Malerei“ schlaflose Nacht (von 7. auf 8. April1), aber heut morgen auch most effective pumping of water3 der gebildeten Blasen. Ich zweifle daher nicht, daß auch dieser Punkt des Anstoßes jetzt baldigst nachgiebig. Mein assistant-doctor4, Mr. Casthelaz, hatte auf meinem grünen Wassermelonenfeld eine halbe Stunde zu wirtschaften; dann hatte ich im Bett zu liegen bis zum déjeuner 1/2 12; nach dem Verband geht nämlich noch nachträgliche tropfweise Wasserentziehung bequemst in jener Lage.

Stephann fand dagegen etwas Husten stärker (jedoch nur relativ, da der Husten auf sehr niedrigstes Niveau gesunken worden war) eine Folge abgeschmackten Wetters; während 4 Tage in dieser Woche Morgenstunden von mir zu Promenaden exploitierbar; seit gestern nachmittag hat Regen bis jetzt nicht aufgehört; während des Nachts und heutigen Tags the rain assumed the „caractère torrentiel“5; ein schwacher Versuch zur Feuerung des Essenssaals heut, aber diese Kamine scheinen in der Tat nicht zu diesem Zweck vorhanden, but only for show’s sake6.

Nach dem déjeuner aufs Ohr at 2 o’clock7, um einige Kompensation für letzte Nacht zu erwischen, aber des Teufels wegen Gerichtsferien diese Woche und nächste. So mein Plan vereitelt durch den übrigens sehr freundschaftlichen judge8 Fermé, ließ mich erst los about 5 Uhr p.m.9, wo die Dinnerzeit herannaht. U.a. erzählt mir Fermé, daß während seiner Friedensrichtercarrière (und dies „regulär“) Art Tortur zur Erpressung der Geständnisse von Arabern angewandt wird; natürlich das tut die „Polizei“ (wie die Engländer in Indien); der Richter is supposed to know nothing about all of it10. Andrerseits, erzählt er, wenn z.B. Moritat durch eine Araberbande verrichtet, meistens zum Zweck Raubs, richtig die wirklichen Missetäter nach einiger Zeit erwischt, gerichtet, geköpft werden, so genügt das der verletzten Kolonistenfamilie nicht zur Sühne. Sie verlangt mindestens into the bargain11 ein halbes Dutzend unschuldiger Araber ein bißche zu „keppe“. Hier aber widerstehn die französischen Richter und namentlich die cours d’appel12, während hier oder da ein einzelner vereinsamter Richter ausnahmsweis durch die Kolonisten mit Lebensgefahr bedroht wird, wenn er nicht provisorisch (seine Kompetenz geht nicht weiter) Dutzend unschuldiger Araber des Mords, Raubeinbruchs etc. wegen als verdächtig eingesperrt zu haben und in die Untersuchung einzuwickeln gestattet. Doch wissen wir, daß, wo ein europäischer Kolonist angesiedelt oder auch nur geschäftshalber unter den „unteren Racen“ verweilt, er im allgemeinen sich untastbarer betrachtet als der schöne Wilhelm I.13 Die Briten und die Holländer übertreffen die Franzosen jedoch an schamloser Arroganz, Prätention und grausamer Moloch-Sühne-Wut gegenüber den „unteren Racen“.

Pumps’ Family Mission ist vielversprechend, was man dagegen Hyndmans politische Mission von problematischer Natur betrachten darf. Daß Dein Brieflein14 ihn ennuviert15, dient dem Burschen um so mehr, da seine Frechheit mir gegenüber nur berechnete, ich selbst könne aus „Propaganda-Rücksichten“ ihn nicht öffentlich kompromittieren. Das wußte er in der Tat.

Der Kankanus16 Bodenstedt und der Friedrich Vischer-Rinne-Ästhetiker sind der Horaz und der Virgil des Wilhelms I.

Apropos! Die „Köln[ische] Zeitung“, Artikel über Skobelew, die Du mir geschickt, höchst interessant.

Heute (am Sonnabend) geht dieser Wisch nicht fort, weil nämlich überhaupt keine „Paquebots“17 nach Marseille am Montag, Mittwoch und Samstag; aber ausnahmsweis an Sonntagen verläßt Paquebot Algier um 1 Uhr mittags, und müssen Briefe zu diesem Zweck schon um 11 Uhr morgens (Sonntag) an Post abzuliefern; Hôtel Victoria, Algier, schickt sonntags schon morgens früh den messenger18 mit Briefen. Die übrigen Tage, wo Paquebot von Algier nach Marseille, reisen ab 5 1/2 Uhr nachmittags.

Ich wollte aber diese Zeilen noch morgen expediert haben, weil Dr. Stephanns letzte Examination so speziell günstig.
Beste Grüße an alle.

Dein
Mohr