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Marx an Engels
in London

[Algier] 31. März 82

Dear Fred,

28. März: Verdrießlicher Regencharakter dieses Tags in ersten Morgenstunden – schloß hiermit die kurze Epistel an Tussy. Nachdem sie bereits expediert, entwickelte sich aber ein Sturm, zum erstenmal gut aufgeführt; nicht nur Windgeheul, Regenguß, Donner, sondern unaufhörlich Blitzen into the bargain1. Dies dauerte tief in die Nacht hinein, wie gewöhnlich zugleich tiefes Sinken der Temperatur. Interessant die Farbenteilung der Wogen in der fast Ellipsesektion bildenden schönen Bucht: schneeweiß die Brandung, umgürtet von dem aus Blau ins Grün verwandelten Seewasser.

29. März (Mittwoch): Verdrießlicher Landregen, nicht minder verdrießlich die stöhnenden Windstöße; kaltnasse Temperatur.

Diesen Tag kurz vor Dejeuner (findet statt a quarter past2 11 oder aber halb zwölf) kam Dr. Stephann zum besondren Zweck, die von ihm signalisierten und zur Attacke sich selbst vorbehaltnen niedrigsten Plätze auf Rücken und Brust der Tätowierung zu „widmen". Vorher, wie bei jeder Visite, gründliche Examination; für den bei weitem größten Teil der linken Seite viel besser status3; die untersten besagten Plätze noch nur dumpfes Geräusch statt Helmholtz' musikalischen Ton gebend, können nur nach und nach wieder in Ordnung gebracht (und das schlechte Wetter hindert rascheren Prozeß). Stephann erklärte mir heute zum erstenmal – offenbar, weil er mich sofern repariert glaubt, um rücksichtslos zu sprechen können –, daß ich bereits bei Ankunft in Algier eine Rechute4 ernstlichster Art mitbrachte. Nur durch die vésicatoires das épanchement zu kontrahieren5. Es ging besser, als er vorhersehn konnte. Jedoch werde ich für Jahre mich sehr vorsichtig behandeln. Er werde mir eine schriftliche Konsultation – zur Zeit bei Verlassen Algiers – mitgeben, namentlich auch für meinen Londoner Arzt6. Bei Leuten von meinem Alter müsse das Experiment von rechutes keineswegs oft zu repetieren7. Einige Stunden nach dem Dejeuner begann das Tableau8 auf meiner Haut grimmernst zu lebendig; jemand, wie fühlt, seine Epidermis zu kurz geworden und wolle er selbst aus ihr herausplatzen; die ganze Nacht durch peinvoll; kratzen war mir aufs absolute verboten.

30. März: Um 8 Uhr morgens mein assistant-doctor, my helpmate9, – stellt sich vor meinem Bett ein. Fand sich, daß infolge spontaner Bewegungen hatten die Blasen generally10 geplatzt; eine wahre Überschwemmung, die Leintuch, Flanell, Hemd getränkt, hatte sich im Lauf der Nacht entwickelt. Die Tatuierung11 hatte also gehörige Wirkung auf die Angriffspunkte hervorgebracht. Mein liebenswürdiger help verband mich dann sogleich, so daß nicht nur Reibung mit dem Flanell verhindert, sondern auch das Aufsaugen von Wasser noch nachträglich bequem vorangehe. Heute (31. März) morgen fand Mr. Casthelaz, daß die suction12 schließlich sich beende und die Trocknung fast fertig. In diesem Fall werde ich dann so eine zweite Tatuierung innerhalb einer Woche (vom 29. März beginnend) wahrscheinlich untergehn können. Tant mieux.13

30. März (gestern) wurde Wetter warm und angenehm um 12 Uhr vormittags, wo ich daher auf der Galerie promenierte; später schlief ich einiges, zum Ersatz für die Nachtunruhe, wie ich heute dies auch tun werde, da namentlich das strenge Vermeiden von Kratzen in der Nacht hält wach, wenn selbst, wie in der Nacht von 30. auf 31., keine Pein.

Wetter heute (31. März) zweifelhaft; jedenfalls noch nicht geregnet; wird vielleicht wie gestern relativ „gut" um die Zeit von 12 Uhr vormittag, die sich herannaht.

Hiermit nichts Weiteres zu Gesundheitsbulletin hinzufügen; im ganzen alles befriedigend.

Habe heute von Tussychen erhalten.

Apropos, vor einiger Zeit hat sie mir einliegenden Brief geschickt; ich kann die Unterschrift nicht entziffern; das wird Dir gelingen. Jedenfalls eine sonderbare Erscheinung, ein Quedlinburger Rechtsanwalt mit eigner Weltanschauung! Nur eins mir unklar: Hat der Mann das von ihm mir bestimmte Exemplar seines „Buchs" in Maitland Park eingetroffen, oder aber will er vorher genau meine Adresse, um sein Buch sicher angelange? Im ersten Fall soll Tussy ihm Empfang seines Buchs anzuzeigen, im 2. Fall ihm meine „sichre" Adresse senden.

Mon cher14, Du wie andre family members15, werden die Irrtümer in meiner Orthographie, Konstruktion, falscher Grammatik ihnen auffallen; fällt mir immer auf – bei meiner noch sehr großen Zerstreutheit – erst post festum. Shows you16, daß an sana mens in sano corpore17 noch etwas zu klappern. By the by18 Reparatur wird sich wohl machen.

Eben tocsin pour déjeuner19, und danach muß dieses Brieflein bereit sein für den Boten nach Algier. Also Gruß und für alle.

Dein
Mohr