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Jenny Longuet an Charles Longuet
in Paris

[London] 1. Okt. 80

Mein lieber Charles,
Ich wurde gestern gut belohnt für einen ohne Murren ertragenen höchst langweiligen Abend – die Abende werden jetzt so lang und kühl – durch das Eintreffen Deines Artikels. Er bereitete mir viel Vergnügen, denn er ist geistreich geschrieben, und ich freue mich bei dem Gedanken, daß er Liebknecht große Genugtuung geben wird. Liebknecht ist ein großer Enthusiast hinsichtlich des revolutionären Frankreichs – in dieser Hinsicht wirklich ein so großer Optimist, daß er während des Deutsch-Französischen Krieges usw. sogar jedes Vermögen, Trochu und Co. zu beurteilen, verlor –, daher wird das Lob, das Du ihm in der „Justice“ zollst, für seine Ohren die lieblichste Musik sein und ihn für einen Augenblick die Sorgen vergessen lassen, die so schwer auf ihm lasten. Er scheint mir durch die beiden letzten Jahre ganz zusammengebrochen zu sein. Mit Tränen in den Augen erzählte er mir von den Kämpfen, die er und seine Familie durchgemacht haben und die ihnen noch bevorstehen. Er müsse sich von allen seinen Söhnen trennen, wenn er nicht wolle, daß sie zu Krüppeln geschossen werden; sie müßten nach Amerika emigrieren. „Meine glücklichste Zeit“, sagte er, „war die in England verbrachte.“ Dabei war er hier weiß Gott nicht auf Rosen gebettet! „Ich denke oft mit Bedauern daran zurück. Aber es war mein Schicksal, das mich nach Deutschland zurücktrieb, das mich seitdem immerzu angetrieben hat und mein Leben bis ans Ende gestalten wird. Als ich von der Amnestie hörte, dachte ich zuerst an Euch alle – ich sah Euch bereits hoffnungslos und ruhelos hin und hergeworfen in einem kleinen Schiff auf dem wilden Ozean von Paris. Aber was sein muß, muß sein.“ Wozu ich Amen sagte. Es gibt eine Vorsehung (oder vielmehr ein Schicksal), die unser Leben lenkt, wie wir es auch immer planen mögen! – Ich bin ganz Deiner Ansicht, daß die Männer der Kommune niemals vergessen sollten, wie mutig die deutschen Sozialisten für die Sache der Besiegten gekämpft haben, und daß Du daher mit diesem Artikel eine Dankesschuld abträgst, und ich glaube jetzt, wenn Bebel und Liebknecht weniger Sympathie für die Nihilisten Rußlands gezeigt haben, so deshalb, weil sie allesamt falsche Vorstellungen von der Sache hatten und ihnen das Mißgeschick passierte, einer Menge russischer Schwindler, die sich selbst Nihilisten nannten, zu begegnen, von denen der Kontinent wimmelt.

Glücklicherweise sind Liebknecht jetzt durch Papa und Hartmann die Augen geöffnet worden, sie haben bei ihm ein tiefes Interesse geweckt und ihm die Bedeutung der russischen Bewegung und die unvergleichliche Größe der wahren nihilistischen Helden gezeigt. Die soi-disant1 Nihilisten, die den Kontinent unsicher machen, sind, wie Hartmann sagte, alles Burschen, die Rußland aus dem einzigen Grunde verlassen haben, weil sie nicht arbeiten wollen und anderswo Mittel und Wege zu finden hoffen, ohne Arbeit zu leben. Viele von ihnen sind keine Flüchtlinge.

Verzeih diesen endlosen Brief, in dem ich noch nicht einmal Zeit gefunden habe, das zu erwähnen, was Dir vor allem am Herzen liegt. Ich ziehe ihn bewußt in die Länge, bis ich das willkommene Klopfen des Postboten höre und einen Brief von Dir erhalte oder einen Artikel lese, den Du geschrieben hast. Erst seit Du fort bist, mein lieber Charles, fühle ich, wie teuer Du mir bist und wie einsam mein Leben ohne Dich wäre! Mir war heute morgen und gestern nicht ganz wohl, ich hatte schreckliche Anfälle von Übelkeit – aber wenn sie vorüber sind, fühle ich mich wieder ganz wohl. Meine Befürchtungen werden nur zu wahr werden!!! – Die Kinder blühen wie die Rosen, und ich kann sehen, wie Harry2 täglich kräftiger wird. Er beginnt jetzt erstaunlicherweise alles, was Wolf3 tut, zu lieben und interessant zu finden, er folgt ihm von einem Raum in den andern und ruft nach ihm, wenn er nicht da ist. Der kleine Edgar ist ein sehr sonniges und gewecktes Kind, in seiner entzückenden Heiterkeit erinnert er mich ständig an unseren armen kleinen Caro4, und ich zittere, daß diesem süßen Kinde etwas zustoßen könnte. Du hast mich beunruhigt durch die Mitteilung von Deiner Neuralgie, ich hoffe, Tussys Stärkungsmittel hat sie weggezaubert.

Deine
Jenny

Wie kommt es, daß ich nur ein Exemplar der „Justice“ bekomme, wenn sie Artikel von Dir enthält? Vergiß nicht, zwei zu schicken.

Aus dem Englischen.