4
Jenny Marx an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken

[London, 20. oder 21. Januar 1877]
41, Maitland Park Road, Haverstock Hill

Mein teurer Freund!

Lange, lange Zeit habe ich kein Zeichen des Lebens und der Erinnerung von mir gegeben; ich schwieg selbst, als ein neuer, furchtbarer Schlag des Schicksals Sie traf und Sie wohl mit Recht Worte der Sympathie von Ihren Freunden erwarteten. Seien Sie überzeugt, daß ich nicht verstummte aus Mangel an Teilnahme, ich schrieb nicht, weil mir förmlich der Atem ausging bei der Trauerkunde und ich an den großen Schmerz nicht herantreten wollte mit all den Gemeinplätzen der Teilnahme und der tröstenden Zusprache. Ich weiß nur zu gut, wie schwer es wird und wie lange es dauert, ehe man nach solchen Verlusten sein eignes Gleichgewicht wiederfindet; da kommt dann das Leben mit seinen kleinen Freuden und seinen großen Sorgen, mit all seinen kleinen tagtäglichen Plackereien und kleinlichen Quälereien zu unsrer Hülfe, und der größere Schmerz wird vom stündlichen kleinen Leid übertäubt und, ohne daß wir’s merken, mildert sich das heftige Weh; nicht daß die Wunde jemals ausheilte, namentlich nicht im Mutterherzen, aber nach und nach erwacht wieder im Gemüt neue Empfänglichkeit und selbst neue Empfindlichkeit für neues Leid und neue Freude, und so lebt man weiter und weiter mit dem wunden und doch stets hoffenden Herzen, bis es zuletzt ganz stillesteht und ewiger Friede da ist.

Uns ist es im großen und ganzen (Wolken gibt’s immer und überall) ziemlich gut ergangen. Mein Mann und Tussy (die jüngste) waren gezwungen, dieses Jahr wieder nach Karlsbad zu gehen, das ihnen früher so wohlgetan hatte. Die Kur bekam auch dieses Mal meinem Mann vortrefflich. Leider erkältete er sich aber gleich bei der Heimkehr in unser feuchtes Nebelland so sehr, daß er bis zu diesem Moment einen höchst fatalen, fast chronisch gewordenen Schnupfen und Husten nicht losgeworden ist. Selbst eine kleine Operation, das Verkürzen des schlaff gewordenen und verlängerten sogenannten Zäpfchens im Halse, das beständige Verschleimung verursachte, scheint bisher nicht viel geholfen zu haben. Tussy erkrankte ernstlich in Karlsbad und kehrte blaß und abgezehrt heim. Sie hat sich jetzt wieder erholt und ist mit verschiedenen Übersetzungen vom Deutschen oder vom Französischen ins Englische beschäftigt. Als ein Mitglied der Shakespeare-Gesellschaft übersetzte sie eine Broschüre von Professor Delius in Bonn über das epische Element in Shakespeare zu der größten Zufriedenheit aller, und Professor Delius schrieb ihr den schmeichelhaftesten Brief, sich und der Gesellschaft zu einem solchen „fellow worker“1 gratulierend. Dieser success2 wird ihr einigen Eingang in literarische Kreise und Blätter verschaffen, so daß sie vielleicht hier bezahlte Arbeit finden wird, die sie vom lästigen und für ihre Gesundheit zu anstrengenden Stundengeben befreien wird. Lissagaray, mit welchem sie verlobt ist, hat sein Buch über die Kommune in Brüssel herausgegeben. Es ist wirklich recht gut ausgefallen, scheint sich gut zu verkaufen und wird in diesem Augenblick ins Deutsche und Englische übertragen. Mein Mann selbst ist in diesem Moment deeply in the Eastern question und highly elated3 über das feste, ehrenhafte Auftreten der Söhne Mahomets gegenüber all den christlichen Humbugs4 und heuchlerischen atrocity mongers5. (Nach den heutigen Telegrammen scheinen die Russen {die Zivilisateure nach Gladstone, Bright und all den Freemen and Stillmen and Merrymen6} ernstlich auszukneifen.)

Ebensosehr als diese große politische Frage beschäftigt ihn der Sieg der Sozialisten in Deutschland; nicht daß sie grade so viel mehr „Mann“ ins Parlament schicken werden, aber die Stimmen, die sie allüberall, selbst in den Berliner Geheimratsvierteln erhalten haben, sind wahrhaft überwältigend groß und scheinen Streber und Gründer und Schinder ganz außer Fassung zu bringen.

Longuet erkrankte im Frühjahr am Nervenfieber, von welchem er sich nur langsam erholt und das noch jetzt große Aufregung und Reizbarkeit zurückgelassen hat. Er kocht, schreit und argumentiert wie früher, aber zu seiner Ehre muß ich ihm nachsagen, daß er seine Stunden im King’s College regelmäßig und zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten gegeben hat. Jenny hatte am 10ten Mai wieder einen kleinen Knaben7, der anfangs sehr schwächlich, klein und elend aussah. Jetzt ist er mit seinem einen Zähnchen zu einem fetten, derben, prächtigen Jungen herangefüttert, der die Freude der ganzen Familie ist. Wenn er in carriage and four8, d. h. im ehelichen Perambulator9 vorgefahren kommt, stürzt alles ihm jubelnd entgegen, um ihn zuerst in Empfang zu nehmen, old granny10 an der Spitze. Jenny leidet nach wie vorher an Asthma und beständigem Husten, was sie aber nicht daran hindert, ihren schweren Schul- und Hauspflichten redlichst nachzukommen, und das ihr embonpoint11 nicht mindert, sowie die blühende Frische ihrer rosigen Wangen. Lafargue und Laura wohnen auch ganz in unsrer Nähe. Leider ist es bisher mit ihrem Geschäft, dem Druck nach dem procédé12 Gillot, nicht besonders gegangen. Die Konkurrenz mit dem großen Kapital ist stets und überall im Wege. Lafargue hat wahre Niggerarbeit dagegen in die Bresche geschickt. Ebenso hat Laura wunderbare Energie, Mut und äußersten Fleiß in allen Branchen in und außer dem Hause gezeigt. „Schuster bleib bei deinem Leisten“, könnte man auch Lafargue zurufen. Es ist ein Jammer, daß er dem alten Vater Äskulap untreu geworden. Indessen scheint sich doch in der letzten Zeit mehr Aussicht auf Erfolg zu zeigen. Größere Bestellungen gehn [ein] und Lafargue, dem stets der Himmel voller Geigen hängt, hofft jetzt auf einen großen „Job“. Laura hat sich körperlich wieder vollständig erholt, sieht frisch und blühend und so jung aus, daß jeder sie mit „Miss“ tituliert, der nicht weiß, daß sie schon 9 Jahre verheiratet ist.

Unserm Freunde Engels geht es wie immer gut. Er ist stets gesund, frisch, lustig und guter Dinge und sein Bier (namentlich wenn’s Wiener ist) mundet ihm köstlich. Von andern Bekannten weiß ich Ihnen wenig mitzuteilen, weil wir wenige mehr sehen, namentlich keine Franzosen mehr, keine Le Moussus, keine Serralliers, vor allem keine Blanquisten. We had enough of them.13 Wróblewski steht mit dem türkischen Minister in Verbindung, um sogleich beim Ausbruch des Krieges nach der Türkei zu gehn. Er hätte viel gescheuter getan, längst hinzugehn, da seine Existenz durch Elend und Wunden eine sehr harte ist. Sollte es nicht zum Kriege kommen, wird er hier ganz untergehn, namentlich nach der furchtbaren Aufregung, in der er sich befindet. Es ist schade um ihn, wenn er keine passende Tätigkeit findet. Er ist ein wirklich genialer Kopf und braver Junge. Von den englischen Arbeitern à la Mottershead, Eccarius, Hales, Jung etc. lassen Sie mich schweigen. Das sind alle Erzlumpen, verkauft und verkäuflich und dem honest Shilling nachjagend by hook and by crook14. Wahres Jammergesindel! Doch nun genug für heute. Mein Mann hat bis jetzt vergebens auf die versprochenen, von Weydemeyer gesammelten „Tribune“15-Artikel gehofft. Sie würden ihn sehr verpflichten, wenn Sie sich um die Sache etwas interessieren und sie ihm zuschicken wollten. Er hat sie dringend nötig. Und nun nur ein Eckchen übrig zum Lebewohl und den besten Herzenswünschen für Ihr und der Ihren Wohl von meinem Mann, meinen Kindern und vor allem von Ihrer alten Freundin

Jenny Marx

[Postskriptum am Kopf der ersten Seite des Briefs:]

Leßner geht es mit seinem lodging-house ziemlich gut, alle Jahre ein Baby, wahre Kaninchenwirtschaft.