3
Eleanor Marx an Carl Hirsch
in Paris

41, Maitland Park Road
[London] N.W.
25. November 76

Werter Herr,

Seit mehreren Wochen will ich Ihnen schon schreiben – ich habe sogar mehrere Male Briefe angefangen, aber immer hat mich irgend etwas daran gehindert, sie zu beenden.

Augenblicklich habe ich besonders wenig Zeit, da ich mich viel mit den Wahlen für das „School-Board“1 befasse. Dieses Komitee, das die Leitung der weltlichen Schulen und des obligatorischen Unterrichts innehat, ist ziemlich wichtig, und es kommt besonders darauf an, der sogenannten „Church-Party“2 entgegenzuwirken, die die Schulpflicht völlig abschaffen will. Ich arbeite für die Kandidatur einer Frau – einer Frau Westlake, die, obgleich im Grunde bürgerlich wie fast alle Engländerinnen, wenigstens durchaus Freidenkerin ist und jedenfalls besser als die Männer, die sich als Kandidaten bewerben. Ich gehe von Haus zu Haus, um Stimmen zu sammeln, und Sie können sich nicht vorstellen, was für komische Dinge ich zu sehen und zu hören bekomme. In einem Hause fordert man, daß „besonders Religion“ unterrichtet werde, in einem anderen sagt man mir: „Die Bildung ist der Fluch des Landes – die Erziehung wird uns zugrunde richten“ usw. usw. Kurz, es ist amüsant, aber mitunter auch traurig, wenn man zu einem Arbeiter kommt, der einem erklärt, er wolle erst „seinen Fabrikherrn fragen“.

Wir erhalten täglich die „Révolution“. Was sagen Sie dazu? Wird sie sich lange halten können? Ich zweifle daran. Sagen Sie uns, wie Sie darüber denken.

Nächste Woche wird Sie ein Herr Kistemaeckers aufsuchen. Er ist der Verleger des Buches von Lissagaray, ein höchst rechtschaffener, sehr ehrenwerter Mann. Er geht nach Paris, um sich für die Verbreitung des Buches in Paris einzusetzen, und es sollte über seinen Besuch nicht gesprochen werden, um die Polizei nicht aufmerksam zu machen.

Papa (der seit mehreren Wochen an einer starken Erkältung und an Bronchitis leidet) ist sehr ärgerlich, daß er aus Paris keine Nachrichten erhält. Er hat, wie Sie wissen, eine Kiste Lieferungen nach Paris geschickt, um dafür broschierte Exemplare des Buches zu bekommen – und er hat nicht nur nichts bekommen, sondern nicht einmal eine Nachricht erhalten. Wenn Sie etwas darüber in Erfahrung bringen, lassen Sie es ihn wissen, ich bitte Sie darum, werter Herr.

Aber ich sehe, die Seite ist gleich zu Ende. Ich sage Ihnen also für heute Lebewohl. In meinem letzten Brief habe ich Ihnen geschrieben, wie gut mir mein Pincenez steht – jeden Tag bin ich mehr darüber entzückt.

Viele Grüße von allen hier an Kaub sowie an Sie selbst. Ich verbleibe

Ihre sehr ergebene
Eleanor Marx

Aus dem Französischen.