Bridlington Quay
9. Sept. 80
Mein lieber Lafargue,
Vorgestern war ich gezwungen, Ihnen in aller Eile zu schreiben, denn um 9.30 mußte ich zu einem Ausflug nach Flamborough Head abfahren, wo unsere beiden Naturforscher1 im Meer botanisiert haben. Da ich fürchte, mich nicht klar genug ausgedrückt zu haben, wiederhole ich kurz das Gesagte.
Die bedenklichste Seite des Grant-Planes besteht darin, daß es allein von ihm abhängen wird, den Wert Ihrer Aktien steigen oder fallen zu lassen, ja ihn sogar auf ein Nichts zu reduzieren. Zunächst, für die 4 ersten Führer erhebt er 12% jährlich im voraus. Wenn die Bruttogewinne 15% betragen, bleiben an Nettogewinn, an Dividenden für die Aktionäre nur 3%; bei 20% bleiben nur 8% usw. Aber wird man bei den großzügigen Gehältern, die G[rant] den Filial-Direktoren zu geben gedenkt, mit derartigen Gewinnen rechnen können? Das erscheint mir sehr zweifelhaft.
Nehmen wir indessen an, die Bruttogewinne würden 20 und sogar 25% betragen. Was wird Grant dann tun? Er wird vorschlagen, noch Geld zu leihen, um die übrigen Führer herauszubringen. Und er wird behaupten, dieses Geld nur zu 15 oder 20% finden zu können. Da er seine fertige Majorität haben wird, wird dem zugestimmt werden. Und solange Sie und Jorris nicht imstande sind, Geld wohlfeiler zu finden, werden Sie keine Aussicht auf Erfolg haben, wenn Sie gegen ihn opponieren. Nun gut, £ 3000 zu 12%, £ 3000 zu 20%, macht durchschnittlich 16%, überprüfen Sie, ob ein Unternehmen laufen kann, wenn es mit der Zahlung solcher Zinsen belastet wird, bevor man an die Dividende denken kann.
Nichts hindert Grant daran, Ihnen Geldmittel zu geben, sobald wieder welche gebraucht werden, und zwar zu immer höheren Zinsen, deren Zinsfuß nur von ihm abhängen wird. Da er es ist, der diese Zinsen einsteckt, zumindest den größten Teil, ist er daran interessiert, sie soweit wie möglich dem Zinsfuß der Bruttogewinne des Unternehmens anzunähern. Die Zinsen teilt er nur mit demjenigen, der ihm dieses Geld vorschießt, die Nettogewinne dagegen teilt er mit allen anderen Aktionären.
In Wirklichkeit reduziert sich also der Wert Ihrer paid up2 Aktien immer mehr, und es hängt nur von Grant ab, ihn vollkommen verschwinden zu lassen. Das heißt, man zahlt Ihnen beiden für Ihr literarisches Eigentum 1. £ 400, 2. £ 300 jedem an dem Tage, wo es Grant gefällt, sich Ihrer zu entledigen, 3. Aktien fast ohne Wert und Dividende; alles in allem £ 500 für jeden, wenn nicht Grant noch ein Mittel findet, der Zahlung der £ 300 zu entkommen – was ihm nicht allzu schwerfallen dürfte, wenn er Sie mit Vertragsbruch belastet; das wäre ein schöner Prozeß, der Sie weit mehr als £ 300 kosten würde, selbst wenn Sie ihn gewännen.
G[rant] kann sich nicht auf Ihren Brief berufen. Selbst wenn das, was er behauptet, sich darin befände, wäre dieser Brief nach dem Monat, für welchen er Sie band, nichts mehr wert.
Das Interesse von Jorris ist nicht dem Ihrigen gleichzusetzen. Wenn er seine Geschäfte vernachlässigt hat und bereit ist, sie alle für jährlich £ 300 zu opfern, so beweist das nur, daß es nicht der Mühe wert ist, über sie zu sprechen. J[orris] bleibt in London. Wenn er einmal von Grant in dieses Geschäft hineingebracht worden ist, wird er daran interessiert sein, sich von ihm auch in andere Geschäfte lancieren zu lassen, eine Zeitlang seinen understrapper3 zu spielen, bis er genügend Geld und finanzielle Beziehungen haben wird, um sich von ihm zu trennen. Sie wollen das keineswegs. Sie gehen nach Paris, Sie wollen in diesem Geschäft eine gesicherte Existenz finden. Fragen Sie sich selbst, ob Sie diese unter den von Grant vorgeschlagenen Bedingungen finden werden.
Ihr solicitor4, offensichtlich auch ein kleiner Mann, hat das gleiche Interesse, Grant den Hof zu machen. Jedermann hat etwas, nur Sie nicht. Ein Grund mehr, nichts übereilt abzuschließen.
Jorris hat sich verpflichtet, das notwendige Kapital zu finden; gut, aber selbstverständlich darf das nur unter Bedingungen geschehen, die für Sie akzeptabel sind, nicht unter der Bedingung, Sie an Händen und Füßen gebunden einem Halsabschneider ersten Ranges auszuliefern.
Man täte gut daran, Bradshaw zu sondieren. Dieser hat ein doppeltes Interesse daran, sich mit Ihnen zu verständigen: hier und auf dem Kontinent. Und wäre es nur, um ein Druckmittel gegen Grant zu haben; noch besser wäre es, die Wahl zwischen beiden zu haben; denn B[radshaw] kann sich nicht die Betrügereien erlauben, die das Metier des anderen sind. Leider können Sie zu Jorris kein volles Vertrauen mehr haben, seitdem er behauptet, es satt zu haben und Ihnen rät, sofort anzunehmen.
Das ist natürlich die dunkelste Seite der Angelegenheit. Vielleicht hat G[rant] liberalere Absichten, aber ist der Vertrag einmal unterzeichnet, sind Sie seiner Willkür ausgeliefert, das ist sicher.
Bei einem Mann wie G[rant] sehe ich kein Mittel, sich zu sichern. Sie könnten die Bedingung stellen, daß alle Nettogewinne dazu verwendet werden, die £ 3000 zurückzuzahlen, und daß keine Dividende ausgeschüttet wird, solange die Gesellschaft Zinsen von über 6% zahlt – man würde sie nicht annehmen, oder man würde auf der ersten Sitzung der Aktionäre Mittel und Wege finden, sie zu streichen. Und das würde nur eine Garantie für die ersten £ 3000 sein, für die folgenden Anleihen wäre das keine Lösung, denn es wäre widersinnig, mit der einen Hand zurückzuzahlen und mit der anderen zu borgen.
Meine Meinung ist: Versuchen Sie, ohne G[rant] zu handeln, und wenn Sie das nicht können, versuchen Sie wenigstens, ihn damit zu schrecken, daß Sie sich von ihm trennen könnten, damit er Sie etwas weniger unmercifully5 bestiehlt, als er beabsichtigt. Bestehlen wird er Sie auf alle Fälle.
Das Wetter hier ist weiterhin prachtvoll; immer Sonne, frische Luft, Nordostwind, Baden im Meer schon etwas frisch; allerdings fürchte ich, heute abend wie in Ramsgate meinen Rock anziehen zu müssen. Das Publikum unterscheidet sich hier sehr von dem in Ramsgate. Da gibt es den shopkeeper6, den kleinen Fabrikanten, den tradesman7 von Leeds, Sheffield, Hull usw., das Benehmen ist hier entschiedener provinzialler, dafür aber auch viel solider als in Ramsgate; keine 'Arries8. Das Auffallendste hier ist, daß alle jungen Leute Backfische9 im Alter von 14 bis 17 sind, was man bei Ihnen als häßliches Alter bezeichnet, obgleich es hier sehr hübsche unter ihnen gibt. Vollkommen erwachsene Mädchen sind gar nicht oder fast nicht darunter. Sobald sie aufhören, Backfische9 zu sein, sobald man ihnen ein langes Kleid anzieht, scheinen sie sich zu verheiraten. Alle Frauen über 18, die man hier sieht, haben ihren Gatten und sogar Kinder bei sich. Daher ist es dem armen Beust10, der diese Backfische9 mit Zärtlichkeit betrachtet, nicht geglückt, auch nur das kleinste Liebesgeplauder mit ihnen anzuknüpfen. Papa und Mama sind „immer auf dem Posten“ wie die Preußen Friedrichs II.
Herzliche Grüße an Laura. Die beiden Pflanzensammler lassen ebenfalls grüßen. Die Sache ist an Beusts Vater11 nach Zürich abgegangen.12 Die Zeitungen werden Sie zurückbekommen, ich weiß nicht, wo Marx sich aufhält, ich habe keine Nachricht von ihm.
Ganz der Ihre
F. Engels
Aus dem Französischen.