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Engels an Minna Karlowna Gorbunowa
in Paris

London, N. W., 1221, Regent’s Park Road
5. Aug. 1880

Hochverehrte Frau,

Im Verfolg meiner wenigen Zeilen nach Biarritz2 kann ich Ihnen nur sagen, daß ich in der Tat nicht wüßte, welche andern Akte und Reports ich Ihnen empfehlen könnte als die von Ihnen selbst in Ihrem letzten geehrten Brief erst aufgezählten. Ich will mich indes nach den Schulferien, wenn die verschiedenen Leute, die ich kenne, zurückgekehrt sein werden, noch weiter erkundigen, und finde ich Neues, es Ihnen nach Moskau senden oder weiter berichten. Damit solche Korrespondenz ganz ungefährlich erscheint, werde ich englisch schreiben und unterzeichnen E. Burns. Mitteilungen von dort an mich könnten Sie adressieren Miss E. Burns, 122, Regent’s Park Road, N. W., London. Ein inneres Kuvert ist nicht nötig, es ist meine Nichte.

Ihre Mitteilungen über Ihre Tätigkeit in Moskau sowie über die Aussicht, die sich Ihnen eröffnet hat, mit Beihülfe des Präsidenten des земство3 eine gewerbliche Schule zu errichten, habe ich mit großem Interesse gelesen; wir haben auch die statistischen Berichte sämtlicher russischen земства hier, wie überhaupt ein ganz vorzügliches Material über die ökonomischen Zustände Rußlands, ich kann sie leider augenblicklich nicht nachsehn, da sie bei M[arx] liegen und dieser mit seiner ganzen Familie im Seebad ist. Es würde mir dies indes wenig zur Beantwortung Ihrer Frage helfen, da hierzu eine Kenntnis der betreffenden Zweige der Hausindustrie, ihres Betriebs, ihrer Produkte, ihrer Konkurrenzfähigkeit gehört, wie sie nur an Ort und Stelle erworben werden kann. Im allgemeinen scheint mir, daß die von Ihnen erwähnten Industriezweige wenigstens großenteils wohl noch eine Zeitlang imstande sein dürften, mit der großen Industrie zu konkurrieren. Solche industrielle Umwälzungen gehn äußerst langsam vor sich, in Deutschland ist selbst der Handwebstuhl in manchen Zweigen noch nicht ganz verdrängt, aus denen er in England schon seit 20–30 Jahren vertrieben ist. In Rußland dürfte das noch langsamer gehn. Der lange Winter liefert dort dem Bauern so viel freie Zeit, und wenn er auch nur etwas während des Tages erarbeitet, es ist immer so viel gewonnen. Dem endlichen Untergang freilich können diese primitiven Produktionsmethoden nicht entgehn, und in einem hochentwickelten Industrielande, wie hier zum Beispiel, ließe sich behaupten, daß es humaner wäre, diesen Auflösungsprozeß zu beschleunigen, als ihn zu verlängern. In Rußland kann das leicht anders liegen, um so mehr, als dort gewaltige Veränderungen der gesamten politischen Lage in gewisser Aussicht stehn. Die kleinen Palliativmittelchen, die in Deutschland, wie Sie sich ja überzeugt haben, und auch anderswo blutwenig genützt haben, könnten in Rußland hie und da vielleicht dem Volk über die politische Krise weghelfen und seine Industrie so lang im Gang halten, bis es selbst mitzusprechen haben wird. Die Schulen aber könnten es vielleicht in den Stand setzen, daß es dann wenigstens einigermaßen weiß, was es zu sprechen hat. Und dazu tragen mehr oder weniger alle wirklichen Bildungselemente bei, die unter dem Volk verbreitet werden. Der technische Unterricht würde vielleicht noch am ersten seinen Zweck erreichen, wenn er einerseits versuchte, den Betrieb wenigstens der lebensfähigen üblichen Industriezweige rationeller zu gestalten und andrerseits die Kinder so weit allgemein technisch vorzubilden, daß ihnen ein Übergang zu andern Industrien erleichtert würde. Außer solchen Allgemeinheiten läßt sich aus der Ferne schwer etwas sagen. Nur soviel scheint mir ziemlich sicher, daß das Gouvernement Moskau wohl noch nicht so bald ein Sitz großer Industrie werden wird, da es weit von den Kohlenbezirken abliegt und das Brennholz schon jetzt nicht mehr reicht. Irgendeine Art wenn auch häufig wechselnder Hausindustrie dürfte sich da noch länger erhalten, selbst wenn durch Schutzzölle einzelne Großbetriebe ermöglicht würden, wie die Baumwollindustrie von Schuja und Iwanowo im Gouvernement Wladimir. Und schließlich ist den Bauern ja doch nur dadurch zu helfen, daß sie mehr Land erhalten und dies assoziiert bebauen.

Ihre Mitteilungen wegen beginnenden Zerfalls der община4 und der Artels bestätigen uns auch von andrer Seite eingegangne Nachrichten. Trotzdem kann dieser Zersetzungsprozeß sehr lange dauern. Und da die allgemeine Strömung in Westeuropa in grade entgegengesetzter Richtung fließt und bei der nächsten Erschütterung eine ganz andre Kraft gewinnen muß, so darf man erwarten, daß auch in Rußland, das ja in den letzten 30 Jahren so viel kritische Köpfe hervorgebracht, diese Strömung noch rechtzeitig stark genug werden wird, um an den tausendjährigen naturwüchsigen Assoziationstrieb des Volkes appellieren zu können, ehe dieser ganz erloschen ist. Aus diesem Grunde dürften auch Produktivassoziationen und andre Beförderungen des Assoziationswesens unter dem Volk in Rußland von einem andern Gesichtspunkt anzusehn sein als im Westen. Palliativmittelchen bleiben sie freilich immer.

Hochachtungsvoll und ergebenst
F. Engels