122, Regent's Park Road, N. W.
London, 22. Juli 1880
Hochverehrte Frau!
Ihr Brief aus Biarritz ist nach einigen Irrfahrten glücklich hieher, wo ich seit 10 Jahren wohne, in meine Hände gelangt, und beeile ich mich, Ihnen diejenige Auskunft zu geben, die in meinen Kräften steht.
Ich habe die Sache mit meinem Freunde Marx besprochen, und wir sind beide der Ansicht, daß es hier gar keine besseren Quellen über englisches Gewerbschulwesen gibt, als die in Ihrem Besitz befindlichen offiziellen Berichte. Der Inhalt der sonstigen nichtamtlichen Literatur darüber läuft fast ausschließlich auf Schönfärberei hinaus, wenn er nicht direkt den Zweck der Reklame hat für diesen oder jenen Humbug. Ich werde mich umsehn, ob ich unter den Berichten der School Boards1 und des Unterrichtsministeriums aus den letzten Jahren etwas finde, was Sie interessieren könnte, und Ihnen dann das Nähere mitteilen, wenn Sie mir gütigst angeben wollen, wohin ich Ihnen, sei es in ca. 14 Tagen, sei es im Herbst (da ich London auf einige Zeit verlassen werde), schreiben oder Sendungen machen kann. Die industrielle Erziehung der Jugend liegt hier noch mehr im argen als in den meisten Ländern des Kontinents, was geschieht, geschieht meist nur zum Schein. Aus den Berichten selbst werden Sie gesehn haben, daß die „Industrial Schools“ keineswegs mit den kontinentalen Gewerbschulen gleichstehn, sondern eine Art Strafanstalten sind, wohin verwahrloste Kinder durch richterliches Urteil auf eine bestimmte Anzahl von Jahren geschickt werden.
Dagegen dürften die Bemühungen der Amerikaner Sie vielleicht eher interessieren. Die Vereinigten Staaten haben ein sehr reichliches Material in dieser Beziehung auf die Pariser Ausstellung geschickt, das auf der großen Bibliothek rue Richelieu deponiert sein muß und worüber Sie das Nähere im Ausstellungskatalog ebendaselbst finden werden.
Ferner bemühe ich mich, Ihnen die Adresse eines Herrn Da Costa in Paris ausfindig zu machen, sein Sohn2 war in der Kommune 1871 beteiligt; der Vater ist selbst im Unterrichtswesen angestellt, interessiert sich leidenschaftlich für sein Fach und würde Ihnen mit der größten Bereitwilligkeit zur Hand gehn.
Auch die Fortbildungsschulen für erwachsene Arbeiter sind hier meist nicht viel wert. Wo etwas Gutes geschieht, ist es besondern Umständen und einzelnen Persönlichkeiten geschuldet, also lokal und temporär. Systematisch geschieht hier in allen solchen Sachen nur eins: der Humbug. Die beste Anstalt versinkt nach kurzer Zeit in eine tötende Routine, und der öffentliche Zweck wird mehr und mehr Vorwand, unter dem die Angestellten ihre Gehälter möglichst bequem verzehren. Das ist so sehr die Regel, daß auch die Anstalten für die Erziehung der Kinder der Mittelklasse – Bourgeoisie – keine Ausnahme machen. Grade in dieser Beziehung sind mir in letzter Zeit wieder merkwürdige Exempel vorgekommen.
Ich bedaure, Ihnen nicht selbst schon neues Material zur Verfügung stellen zu können; es ist mir leider nicht möglich gewesen, seit einer Reihe von Jahren der Entwicklung des Volksunterrichts im einzelnen folgen zu können. Sonst würde es mir besondre Freude gemacht haben, wenn ich Ihnen mehr hätte bieten können. An allem, was die Volksbildung und damit, wenn auch noch so indirekt, die Bewegung fördert in einem Lande wie Rußland, das am Vorabend einer weltgeschichtlichen Krisis steht und eine Bewegungspartei von unerhörter Aufopferungsfähigkeit und Energie erzeugt hat – an allem dem nehmen wir den innigsten Anteil.
Hochachtungsvoll
Ihr ergebner
F. Engels