[London, Anfang Mai 1880]
[...]1 um auch ohne direktes Verbot die ganze Sache unmöglich zu machen.
Herr Hasselmann wird bald unschädlich sein, wenn man wirklich kompromittierende Tatsachen gegen ihn veröffentlicht und ihm im Reichstag den Wind aus den Segeln nimmt, d. h. aufrichtig revolutionär auftritt, was in ganz ruhiger Sprache geschehn kann, wie in Ihrer Rede über die Verfolgungen musterhaft geschehn. Wenn man sich aber immer fürchtet, der Philister möge einen für ein bißchen extremer halten, als man wirklich ist, wie das oft genug geschieht, und wenn gar incl. Ausschnitt der „K[ölnischen] Z[eitung]“ richtig berichtet, daß von soz[ialdemokratischer] Seite der Antrag gestellt, das Zunftprivilegium des Handels mit selbstverfertigten Waren wiederherzustellen, so haben die Hasselmänner und Mosts leichtes Spiel.
Indes, viel macht das alles auch nicht aus. Wovon die Partei jetzt lebt, ist die stille spontane Tätigkeit der einzelnen, im Gang und in Organisation gehalten durch den ununterdrückbaren Reiseverkehr. Wir sind in Deutschland glücklich so weit, daß alles, was die Gegner tun, zu unserm Nutzen ausschlägt, daß alle geschichtlichen Mächte uns in die Hände arbeiten, daß nichts, gar nichts geschehn kann, ohne daß uns Vorteil daraus erwächst. Darum können wir ruhig unsre Gegner für uns arbeiten lassen. Bismarck arbeitet wirklich riesig für uns. Jetzt hat er uns Hamburg erobert und will uns nun auch Altona und dann Bremen schenken. Die Nationalliberalen arbeiten für uns, selbst wenn sie nichts tun als sich Fußtritte geben lassen und Steuern bewilligen. Die Katholiken arbeiten für uns, wenn sie erst gegen und dann für das Sozialistengesetz stimmen und dafür von Bismarck ebenfalls unter reine Ministerwillkür, also auch außerhalb des Gesetzes gestellt werden. Alles, was wir tun können, ist nur ein Windhauch, verglichen mit dem, was die Ereignisse für uns in diesem Augenblick tun. Die fieberhafte Tätigkeit Bismarcks, die alles in Unordnung und aus den Fugen bringt, ohne das geringste Positive schaffen zu können, die die Steuerkraft des Philisters für nichts und wieder nichts bis aufs äußerste aussaugt, die heute dies und morgen das Gegenteil will und die den Philister, der so gern zu seinen Füßen schwanzwedeln möchte, mit Gewalt der Revolution in die Arme treibt – das ist unser stärkster Bundesgenosse; und daß Sie mir die dabei unvermeidliche Linksschiebung aus eigner Anschauung als tatsächlich bestätigen können, freut mich sehr.
Auch in Frankreich geht’s gut voran. Unsere kommunistische Ansicht bricht sich dort überall Bahn, und die Besten unter denen, die sie predigen, sind lauter ehemalige Anarchisten, die zu uns gekommen sind, ohne daß wir einen Finger gerührt hätten. Die Einheit der Anschauung unter den europäischen Sozialisten ist damit hergestellt; was noch nebenan bummelt, ist nicht der Rede wert, seit die letzte Sekte, die der Anarchisten, sich in sich selbst aufgelöst hat. Auch dort schiebt sich bei Bürger und Bauer alles mehr und mehr links, wie Sie schon bemerkt haben; dies hat aber einen Haken: diese Linksschiebung wirkt zunächst hin auf den Revanchekrieg, und er muß vermieden werden.
Der Sieg der hiesigen Liberalen hat wenigstens das Gute, daß dem Bismarck in die Suppe seiner auswärtigen Politik gespuckt worden ist. Den russischen Krieg mag er sich jetzt aus dem Kopf schlagen, er wird also wohl wie gewöhnlich seinen Bundesgenossen – Östreich – an irgend jemand verkaufen. Die Östreicher haben doch schon 1864–66 dicke erfahren, daß Bismarck nur Bundesgenossen sucht, um sie zu verraten – sie sind aber zu dumm und fallen nochmals herein.
Auch in Rußland geht alles vortrefflich, trotz der Justizmorde, Verbannungen und der scheinbaren Ruhe. Die blasse Finanznot ist nicht zu bannen. Kein Bankier pumpt ohne Reichsversammlungsgarantie. Daher jetzt der letzte Versuch einer innern Anleihe. Sie wird auf dem Papier gelingen, in Wirklichkeit total fehlschlagen. Und dann wird man doch endlich irgendeine Versammlung berufen müssen, um nur Bares zu erhalten – wenn bis dahin nicht noch andre Dinge passiert sein sollten.
Beste Grüße an Sie und Liebkn[echt] von M[arx] und Ihrem
F. E.