131
Marx an Wilhelm Liebknecht
in Leipzig

[London] 11. Februar 1878

Ein Gutes haben die Russen erreicht; sie haben „die große liberale Partei“ Englands gesprengt und für lange regierungsunfähig gemacht, während die Torypartei die Mühe, sich totzumachen, durch die Verräter Derby und Salisbury (dieser das eigentliche russische Triebrad im Kabinett) in offizieller Weise vollzogen hat.

Die englische Arbeiterklasse war nach und nach durch die Korruptionsperiode seit 1848 tiefer und tiefer demoralisiert worden und endlich so weit gekommen, nur noch den Schwanz der großen liberalen Partei, d. h. ihrer Knechter, der Kapitalisten, zu bilden. Ihre Lenkung war ganz übergegangen in die Hände der verkäuflichen Trades-Union-Führer und Agitatoren von Handwerk. Diese Burschen schrieen und heulten in majorem gloriam des völkerbefreienden Zar, hinter den Gladstone, Bright, Mundella, Morley, dem Fabrikantenpack etc., während sie keinen Finger rührten für ihre eigenen in Südwales von den Grubenbesitzern zum Hungertod verurteilten Brüder. Die Elenden! Um das Ganze würdig zu krönen, haben in den letzten Abstimmungen des Hauses der Gemeinen (am 7. und 8. Februar, wo die meisten Großwürdenträger der „großen liberalen Partei“ – die Forster, Lowe, Harcourt, Goschen, Hartington und sogar {am 7. Febr.} der große John Bright selbst – ihre Armee im Stich ließen und bei der Abstimmung durchbrannten, um sich durch ein Votum nicht gar zu sehr zu kompromittieren –) die einzigen Arbeitervertreter im Haus der Gemeinen, und zwar, horribile dictu, direkte Vertreter der Minenarbeiter und selbst Minenarbeiter von Haus aus, Burt, und der erbärmliche Macdonald mit dem für den Zar schwärmenden Rumpf der „großen liberalen Partei“ gestimmt!

Aber die rasche Entfaltung der russischen Pläne hat plötzlich den Zauber gebrochen, die „mechanische Agitation“ (Fünfpfundnoten, die Haupttriebfeder des Mechanismus) gesprengt; in diesem Augenblicke wäre es „leibesgefährlich“ für die Mottershead, Howell, John Hales, Shipton, Osborne und das ganze Pack ihre Stimme in einem öffentlichen Arbeitermeeting hören zu lassen; sogar ihre „Corner- und Ticketmeetings“ (Winkelmeetings gegen Eintrittskarte) werden von der Volksmasse gewaltsam aufgelöst und auseinandergejagt.

Aber der schwerfällige „Angelsachse“ wird zu spät wach, wenigstens für die nächsten Ereignisse...

Die russische Diplomatie ist weit entfernt, die albernen „christlichen“ Antipathien gegen den „Halbmond“ zu teilen. Die Türkei, reduziert auf Konstantinopel und einen kleinen Teil von Rumelien in Europa, aber mit kompaktem Hinterland in Kleinasien, Arabien etc., soll durch Offensiv- und Defensiv-Allianz an Rußland gekettet werden.

Während des letzten Feldzugs taten die 120 000 Polen in der russischen Armee großen Dienst; jetzt zu den Polen die Türken – und die zwei tapfersten Stämme von Europa, die an Europa ihre Schmach zu rächen haben, unter russischer Fahne – keine schlechte Idee!

1829 handelte Preußen – aber damals auch nur noch der größte europäische Kleinstaat und eingeständiger Protegé von Rußland – gerade wie jetzt.

Die verzweifelte Lage, worin sich das russische Heer nach Übersteigen des Balkans durch Diebitsch (Juli 1829) befand, hat Moltke gut geschildert. Es war nur noch durch Diplomatie zu retten.

Die zweite Kampagne war auf dem Punkt, ebenso schlecht abzulaufen wie die erste – und dann finis Russiae – dann war es mit Rußland aus. Deshalb kam Nikolaus, der Zar, unter dem Vorwand, der Heirat des Prinzen Wilhelm von Preußen (jetziger deutscher Kaiser) beizuwohnen, am 10. Juni 1829 nach Berlin. Er bat Friedrich Wilhelm III. (den „im Siegerkranz“), die Pforte zu vermögen, ihm Bevollmächtigte zu schicken, um die Friedensverhandlungen zu eröffnen. Damals war Diebitsch noch nicht über den Balkan, der größte Teil seiner Armee festgehalten vor Silistria und um Schumla. Friedrich Wilhelm III., im Einverständnis mit Nikolaus, beorderte Baron Müffling offiziell als außerordentlichen Gesandten nach Konstantinopel; er sollte dort aber als Agent für Rußland handeln. Müffling war reiner Russe, wie er selbst im „Aus meinem Leben“ erzählt: er hatte den Feldzugsplan der Russen 1827 entworfen, er bestand auch darauf, daß Diebitsch coûte que coûte (es koste was es wolle) über den Balkan marschieren müsse, während er in Konstantinopel als Friedensvermittler intrigierte: er sagt selbst, daß der Sultan1, durch solchen Marsch erschreckt, „an ihn als Freund“ appellieren werde.

Unter dem Vorwand, den europäischen Frieden zu sichern, gelang es ihm, Frankreich und England zu kirren; letzteres namentlich, indem er durch den russenfreundlichen englischen Gesandten Robert Gordon auf dessen Bruder, den Earl of Aberdeen und durch diesen auf Wellington – der es später bitter bereut hat – wirkte.

Nach der Überschreitung des Balkan durch Diebitsch hatte letzterer das Vergnügen, daß am 25. Juli (1829) Reschid Pascha ihn brieflich zur Eröffnung der Friedensverhandlungen einlud. Am selben Tage hatte Müffling seine erste Unterredung mit Reis Effendi (dem türkischen Minister des Auswärtigen), den er durch heftige Sprache (à la Prinz Reuß2) einschüchterte; er berief sich dabei auf Gordon etc. Der Sultan, unter dem Drucke des preußischen Gesandten (unterstützt vom englischen Gesandten Gordon und dem französischen Guilleminot, beide durch Müffling bearbeitet), nahm folgende 5 Friedensbedingungen an: 1. Integrität des ottomanischen Reichs; 2. Erhaltung der früheren Verträge zwischen der Pforte und Rußland; 3. Zutritt der Pforte zum Vertrag von London (geschlossen 6. Juli 1827) zwischen Frankreich, England und Rußland, betreffend die Regulierung der griechischen Angelegenheiten; 4. solide Garantien für die Freiheit der Schiffahrt im Schwarzen Meer; 5. weitere Negotiationen (Verhandlungen) zwischen türkischen und russischen Geschäftsführern über Indemnitäts- (Entschädigungs-) Forderungen und alle anderen Prätentionen (Ansprüche) der beiden Parteien.

Am 28. August kamen die zwei türkischen Bevollmächtigten Sadek Effendi und Abdul Kader Bey, begleitet von Küster (preußischer Gesandtschaftsattaché in Konstantinopel) zu Adrianopel an, wo das russische Generalquartier seit ungefähr 8 Tagen war. Am 1. September eröffnete Diebitsch die Unterhandlungen, ohne die russischen Bevollmächtigten (Alexis Orlow und Pahlen), die erst bis Burgas gekommen, abzuwarten.

Aber während der Unterhandlungen stieß Diebitsch fortwährend seine Truppen nach Konstantinopel vor. Frech und arrogant (trotz seiner faulen Lage oder vielmehr wegen derselben) verlangte er in einem Termin von 8 Tagen Zustimmung der türkischen Bevollmächtigten zu folgenden Punkten:

Die Festungen von Braila, Giurgewo und Kalafat zu schleifen, die Orte selbst der Walachei einzuverleiben. Abtretung an Rußland von Anapa und Poti am Schwarzen Meer und des Paschalik Achalzík; 700 000 „Börsen“ (etwa 120 Millionen Franken) Kriegsentschädigung, deren Zahlung zu garantieren durch Silistria und die Donaufürstentümer als Faustpfand in der Hand der Russen. Indemnität von ungefähr 15 Millionen Franken an die russischen Kaufleute für Verluste, zahlbar in 3 Terminen, nach deren jedem die russische Armee sich zurückziehen würde, erst an den Fuß des Balkans, dann nördlich von dieser Bergkette, endlich über die Donau.

Die Pforte protestierte gegen diese Bedingungen, die so sehr im Widerspruch waren mit den Mäßigkeitsversicherungen des Zars3. Der neue preußische Gesandte – Royer – (Müffling war am 5. Sept. verduftet, nachdem er sein Henkerwerk vollbracht, er, der „Freund der Pforte“ und Friedensengel), zusammen mit dem von Müffling eingeseiften General Guilleminot und Sir Robert Gordon – unterstützten die Reklamationen der Pforte, denn diese Frechheit war gegen die Verabredung, ging sogar „dem im Siegerkranz“ zu weit. Diebitsch wußte, daß er militärisch in der Patsche saß, machte Scheinkonzessionen: der Artikel über den Betrag der Kriegsindemnität sollte zurückgezogen werden im öffentlichen Friedensvertrage; die erste Quote der Schadenersatzzahlung an den russischen Handel wurde verringert, denn, wie die türkischen Gesandten sagten: „Der Unwissendste wüßte, daß die Pforte nicht zahlen könnte.“ Der Friede wurde endlich geschlossen am 5. September.

Große Sensation in Europa, große Entrüstung in England; Wellington schäumte; selbst Aberdeen wies in einer Depesche die Gefahr nach, die hinter jeder einzelnen Friedensklausel lauerte, und versuchte, eine allgemeine Allianz hervorzurufen, wodurch alle Großmächte (Rußland eingeschlossen) den Frieden im Orient garantieren würden. Östreich war willig; aber Preußen vereitelte das Projekt, rettete Rußland von den Gefahren, womit ein europäischer Kongreß es bedrohte. (Frankreich, wo Karl X. den Staatsstreich vorbereitete, bahnte ein geheimes Einverständnis mit Rußland an; es wurde auch ein Geheimvertrag abgeschlossen, wonach Frankreich die Rheinprovinzen erhalten sollte.4)

Unter diesen Umständen hatte Nesselrode sich nicht zu genieren; er schrieb eine unverschämte und höhnische Depesche an die englischen Minister, d. h. eine Depesche, gerichtet an Graf Lieven (den russischen Gesandten) in London.

Dies tat Preußen damals und hat es jetzt auf größerer Stufenleiter wiederholt. Schöne Hohenstaufen – diese Hohenzollern! Bismarck hatte die Staatsweisheit leicht in der österreichischen und französischen Affäre; gegen Östreich hatte er den Schutz Bonapartes und die Italiener, und gegen Frankreich hatte er ganz Europa. Außerdem war das Ziel, das er anstrebte, von den Verhältnissen gestellt und vorbereitet.

Jetzt, wo die Verhältnisse verwickelt, ist’s mit der Genialität zu Ende.


Im Innern von Rußland steht’s kraus. Der milde Alexander will in Nowaja Zemlja eine Strafverbannungsanstalt für politische Verbrecher errichten, das wäre la mort sans phrase – der Tod ohne Phrase. Es wäre wünschenswert, daß zunächst für ein Jahr oder 2 der Friede zustande käme. Es wäre namentlich nützlich für die Entwickelung des innern Verfalls in Rußland. Der erste Schritt der dortigen Regierung (folgend dem preußischen Vorbild nach 1815) wäre Verfolgung der panslawistischen Agitatoren. Soweit nötig, hat man sie benutzt; die Strafe wird auf dem Fuß folgen, wenn das Kriegsgetümmel aufhört.

Nach: Wilhelm Liebknecht,
„Zur orientalischen Frage“,
Zweite, vermehrte Auflage, Leipzig 1878.