[London] 21. April 1877
Lieber Bracke,
In dem Blatt, das ich einlege, habe ich Ihnen wieder die gröbsten Kurzeschen Fehler notiert.
Ich hatte Fräulein Kurz vor Monaten, als mein Briefwechsel mit ihr endete, [geschrieben], daß ich bestenfalls mich – bei meinem Zeitmangel – nur mit Korrektur sachlicher Irrtümer befassen könne, wie sie jedem mit den französischen Verhältnissen nicht ganz vertrauten Fremden notwendig passieren müssen – nicht aber mit einfachen Übersetzungsfehlern.
Wenn sie daher nicht sorgfältiger verfährt (ich werde noch meine Zeit für 1 oder 2 Korrekturbogen opfern), müssen Sie einen sachverständigen Korrektor auftreiben und die Zahlung für ihn vom Honorar der Übersetzerin abziehn.
Machen Sie doch ein für allemal eine Note, daß alle Anmerkungen, wo nicht ausdrücklich das Gegenteil bemerkt ist, von Lissagaray selbst herrühren. Sie ersparen dadurch den Kostenaufwand, alle Seiten ein paarmal A.d.V.1 setzen lassen zu müssen.
Ihr Plan, mein Bild nach der von Lachâtre gelieferten Karrikatur zu verbreiten, hat mich keineswegs erbaut.
Es ist zu befürchten, daß Preußen einen geheimen Vertrag mit Rußland abgeschlossen hat; ohne solchen könnte Rußland nicht in Rumänien einfallen. Die Arbeiterpresse beschäftigt sich viel zuwenig mit der orientalischen Frage und vergißt, daß die Kabinettspolitik mutwillig mit Leben und Geld des Volks ihr Spiel treibt.
Jedenfalls müßte beizeiten die öffentliche Meinung unter den Arbeitern, Kleinbürgern etc. hinlänglich so weit vorbereitet werden, daß der preußischen Regierung erschwert wird (etwa mit Plänen, ein Stückchen Polen von Rußland abgetreten zu erhalten oder sich an Östreich schadlos zu halten), Deutschland für Rußland in den Krieg zu verwickeln oder auch nur zu diesem Behuf Druck auf Östreich auszuüben.
Besten Gruß.
Ihr
K.M.
ad p. 17 Mandat tacite übersetzt die Holde „stummes Mandat“, was Unsinn ist; im Deutschen spricht man wohl von „stillschweigenden“ Kontrakten, aber nie von stummen. Aber im selben Satz wird nun gar „démarche de Ferrières“, was Jules Favres Reise nach Ferrières, wo Bismarck war, meint, übersetzt in „Ferrières’ Schritt“, also der Ort Ferrières in eine Person verwandelt!
ad p. 18 läßt sie den Ort des Gefechts „bei Chevilly“ fort.
ib. „Trochu ... lui fit une belle Conférence“. Sie übersetzt: „hielt ihm eine schöne Konferenz ab“; schülermäßig wörtlich, hat aber keinen Sinn im Deutschen.
ad p. 20 l’Hôtel de Ville übersetzt sie „das Stadthaus“; es meint die Septemberregierung, die residierte im „Hôtel de Ville“.
ib. à ce lancé wieder ganz schülerhaft übersetzt: „bei diesem Wurf brüllte die ganze Meute“. Was soll das heißen zu deutsch: bei diesem Wurf (welchem?) brüllte etc., lancé muß hier übersetzt werden: „Hetzruf“.
ib. „D’autres tocsins éclatent“, sie übersetzt: „Neue“ (warum nicht alte?) „Sturmglocken wurden gezogen (!)“ – Der Sinn ist, daß mehr Unglück laut wird. Schon das Wort „éclatent“ und der ganze Zusammenhang mußte ihr zeigen, daß sie Unsinn schrieb.
p. 25 verwandelt Fräulein Kurz die im Text genannten „Cordeliers“ der alten französischen Revolution in ihre nicht existierenden „Franziskaner“. Damit nicht zufrieden, verwandelt sie „le prolétariat de la petite bourgeoisie“ – das Proletariat des Kleinbürgertums – in „das Proletariat, das Kleinbürgertum“. Bloße Nachlässigkeit dies!
ad p. 26 contre-maîtres übersetzt sie Hochbootsmänner, während es Werkführer hier bedeutet, und chefs d’ateliers sind die industriellen Dirigenten.
ad p. 30 „Paris capitulait avant le 15 sans l’irritation des patriotes.“ Kurz übersetzt: „Paris kapitulierte vor dem 15., ohne Erregung seitens der Patrioten.“ Das wäre richtig, wenn im Original stände: „Paris capitulait etc. sans irritation de la part des patriotes“ (statt wie da steht: „sans l’irritation des patriotes“).
Der Sinn ist also grad der entgegengesetzte, nämlich: „Ohne die Erregung der Patrioten hätte Paris vor dem 15. kapituliert.“
Es ist hier offenbar, bei diesem sehr einfachen Satz, wieder die unverzeihlichste Nachlässigkeit im Spiel.
ad p. 32 „Jules Favre demandait à Trochu sa démission“.
Kurz übersetzt: „Jules Favre verlangte von Trochu seine Entlassung“. Da ein Mann sich nicht selbst entläßt von seinem Amt, sondern von Vorgesetzten entlassen wird, könnte dieser Satz nur bedeuten, daß Jules Favre von Trochu seines Amts entlassen werden wollte. In der Tat aber verlangte Jules Favre von Trochu seine (Trochus) Abdankung, was auch die wörtliche Übersetzung von „démission“ ist.