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Marx an Wilhelm Bracke
in Braunschweig

[London] 30. Sept. 1876

Lieber Bracke,

Über Ihre Transaktionen mit B. Becker war ich schon aus Ihren diversen Briefen an Engels unterrichtet, da wir uns wechselseitig immer alles auf Parteiinteressen Bezügliche mitteilen.

Sobald ich Ihren Brief erhielt, haben Engels und ich die Frage nach allen Seiten ventiliert und sind zu dem Schluß gekommen, daß Rücksicht auf Becker in keiner Weise mit Ihrem Verlag des L[issagaray]schen Werks kollidieren kann.

1. Sie haben aus rein geschäftlichen Gründen – lange bevor von L[issagaray]s Werk die Rede war – Ihr engagement mit B. Becker abgebrochen, nachdem er Ihre Vorschläge schroff abgewiesen. Sie haben außerdem ein Schmerzensgeld von 300 Taler gezahlt. Damit war diese Angelegenheit erledigt, und es konnte nicht irgendwie präsumiert werden, daß Sie von nun an auf den Verlag aller auf die Geschichte der Kommune bezüglichen Schriften resignieren würden.

2. Soweit Lissagarays Schrift der Beckerschen Konkurrenz macht, wird diese Konkurrenz stattfinden, ob die Schrift bei Ihnen oder anderswo erscheint. (Liebknecht hat uns eben den Verlag der „Volksstaats“-Setzerei angeboten, den wir aber unter keinen Umständen annehmen würden.) L[issagaray]s Schrift wird in einigen Wochen in Brüssel erscheinen, während Becker erst Mai 77 fertig wird. Der Schade, der ihm daraus erwachsen mag, ist sowieso unvermeidlich.

3. Obgleich Beckers und Lissagarays Werke denselben Titel tragen – Geschichte der Kommune –, sind es Werke ganz verschiedner Art, die, wenn sonst nicht geschäftliche oder andre Gründe im Wege stünden, ganz gut von derselben Verlagsbuchhandlung hätten herausgegeben werden können.

Beckers Werk ist im besten Fall eine vom Standpunkt deutscher Kritik geschriebne Kompilation des in Paris jedermann zugänglichen Stoffs über die Kommune.

Lissagarays Werk ist die Schrift eines Teilnehmers an den dargestellten Ereignissen (und hat insofern memoirenartigen Charakter), dem außerdem eine Fülle niemand sonst zugänglicher Manuskripte der Hauptpersonen des Dramas etc. zu Gebot stand.

Beide Schriften haben nur den möglichen Zusammenhang, daß Becker in Lissagarays Werk eine neue Quelle findet, die er nicht unberücksichtigt lassen kann und die ihm vielleicht zu weitläufigen Änderungen seines Manuskripts, soweit es schon fertig ist, nötigen wird.

Ihr Interesse bei dem Verlag des L[issagaray]schen Werks ist dasselbe, das Sie antrieb, den B[ecker] zur Bearbeitung des Stoffs zu veranlassen – das Parteiinteresse, das Sie nach dem sub 1. Gesagten befriedigen können, ohne die leiseste Verletzung Ihrer mit B[ecker] ursprünglich eingegangnen buchhändlerischen engagements.

Soweit über diesen Punkt.

Was Herrn Grunzig betrifft, so wäre es mir wünschenswert, daß Sie über den Charakter des Mannes Erkundigung bei Most einzögen. Ist diese Auskunft befriedigend, so würde ich Herrn Grunzig den ersten Probebogen zur Übersetzung versuchsweis zuschicken, um danach beurteilen zu können, ob er dieser keineswegs leichten Arbeit gewachsen ist.

Lissagaray hat mir die ersten 5 Druckbogen zugeschickt. Ich ersehe daraus, daß es eine Luxusausgabe ist, nur 30 Zeilen per Seite. Wenn die im französischen Original 5–600 Seiten beträgt, wird sie in deutscher gewöhnlicher Ausgabe wohl kaum über 400 Seiten betragen.

Mit Ihrer Bestimmung über die Teilung des Gewinns mehr als einverstanden; kommt nichts dabei heraus, so muß L[issagaray] wie Sie selbst zufrieden sein und ist es.

Was das Honorar des Übersetzers betrifft, so ist das eine Sache, worüber Sie allein verfügen würden. Sie geht den französischen Autor nichts an.

Was alle übrigen Bestimmungen über Auflage, Ausstattung, Preise betrifft, so haben Sie allein darüber zu entscheiden. (L[issagaray] hat mir nämlich plein pouvoir1 gegeben, für ihn abzuschließen.)

Auf den Titel wäre zu setzen: Vom Verfasser des Werks autorisierte Übersetzung.

Lissagaray wird auf den Titel des französischen Originals setzen: tous les droits réservés2, so daß Sie jede etwaige deutsche Konkurrenzübersetzung konfiszieren können.

Mit freundschaftlichem Gruß.

Ihr Karl Marx