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Marx an Engels
in Ramsgate

17. August 1877
Hotel Flora, Neuenahr

Dear Fred,

Ich hätte Dir schon früher geschrieben, aber vieltägige Verklausulierung des ganzen Menschen – a posteriori, die bei mir immer das nächste Resultat der Reise und durch die erste Woche Kurwassertrinken nur konsolidiert wird – macht den Menschen im höchsten Grad unaktionsfähig. Von hier ist nicht viel zu berichten. Wahre Idylle; dazu infolge des halb ungünstigen Wetters (obgleich an Ort und Stelle trotz Regen und Sturm die Luft immer lobenswert bleibt), und wohl auch wegen der andauernden Geschäftskrise, die Besucheranzahl von 3000 auf 17–1800 herabgedrückt. Glückliches Ahrtal. Besitzt noch keine Eisenbahnen; doch schon vermessen und drohend für nächstes Jahr mit commencement d’exécution1 Eisenbahnbau von Remagen nach Ahrweiler, von wo es dann aber nicht das Ahrtal hinuntergehn soll, sondern links ab nach Trier.

Ich habe hier sehr guten Arzt gefunden. Dr. Schmitz (gebürtig in Siegen), der so klug ist, trotz des schönen Hauses und Gartens, die er hier eignet, den Winter (von Ende Oktober an) in Italien zu medizinieren. Er war viel in der Welt herum, u.a. in Kalifornien und Zentralamerika. Hat in habitus und manners2 viel von little Dronke aus seiner besten Zeit.

Er hat wesentlich bestätigt, was ich vermutete und Dir von London schrieb.3 Meine Leber zeigt keine Spur von Erweiterung mehr; der Digestionsapparatus ist somewhat disordered4, aber das eigentliche Übel ist nervöser Natur. Schmitz sagt mir heute wieder, ich müsse nach 3wöchentlichem Aufenthalt hier in den Schwarzwald auf die Höhe, Berg- und Waldluft zu kneipen. Nous verrons.5 Dasselbe empfiehlt er für meine Frau, die übrigens Medizin nehmen muß und grade zur rechten Zeit kam, bevor ihr Übel verschlimmert. Tussychens Appetit nimmt zu, was bei ihr das beste Symptom.

Die Berge sind grade bei Neuenahr etwas zu weit entfernt vom Sitz des Bades, wenigstens für die durch Karlsbad Verwöhnten.

Sehr beunruhigt uns, daß wir noch kein Sterbenswort von den adventures6 der Familie Longuet vernommen.

Wie geht’s Deiner Frau7? Ich hoffe besser; ist bei Euch das Wetter auch so launenhaft? Hier im Ahrtal sind die Leute gar nicht daran gewöhnt.

Im Kurhaus hier (wo man auch die Bäder nimmt, die hier, wie allüberall, neben dem Trinken des alkalischen Gesöffes) gibt’s ein Reading Room8, worin nebst deutschen und holländischen Blättern „Times“ und „Galignani’s Messenger“, „Figaro“ und „Indépendance belge“, also mehr als ich brauche, da ich hier mich möglichst des Zeitungslesens enthalte. Ich sehe nur mit Bedauern, daß die Türken – wenigstens meiner Laienansicht nach – wieder Zeit verlieren.

Man trinkt hier einigen Wein, nur ist grade der Walporzheimer und andrer roter Ahrwein den meisten (u.a. auch mir) Kurgästen untersagt.

Schorlemmer hatte versprochen herzukommen; bisher aber nichts von ihm „vernommen“, wie Richard Wagner das ausdrückt.

Und nun, old boy, mit besten Grüßen von Haus zu Haus.

Dein
Mohr