Ramsgate, 28. Mai 76
Lieber Mohr,
Du hast gut sprechen. Du kannst im warmen Bett liegen – russische Bodenverhältnisse im besondern und Grundrente im allgemeinen treiben, und nichts unterbricht Dich –, ich aber soll auf der harten Bank sitzen und den kalten Wein saufen, plötzlich wieder alles unterbrechen und dem langweiligen Dühring auf den Pelz rücken. Indes, es wird wohl nicht anders gehn, wenn ich mich auch in eine Polemik einlasse, deren Ende gar nicht abzusehn ist; ich bekomme sonst doch keine Ruhe, und dann hat mir amicus Mosts Panegyrikus1 auf den „Cursus der Philosophie“ von D[üh-ring] genau gezeigt, von wo und wie der Angriff zu führen ist. Das Buch muß mit hineingenommen werden, weil es in vielen entscheidenden Punkten die schwachen Seiten und Grundlagen des in der „Ök[onomie]“ geführten Räsonnements besser enthüllt. Ich bestelle es sogleich. Nämlich von eigentlicher Philosophie – formelle Logik, Dialektik, Metaphysik etc. ist gar nichts drin, es soll vielmehr eine allgemeine Wissenschaftslehre darstellen, worin Natur, Geschichte, Gesellschaft, Staat, Recht etc. in einem vorgeblich innern Zusammenhang abgehandelt werden. So ist wieder ein ganzer Abschnitt da, worin die Zukunfts- oder sog. „freie“ Gesellschaft nach den weniger ökonomischen Seiten hin beschrieben und u. a. bereits der Schulplan für die Primär- und Sekundärschulen der Zukunft festgestellt wird. Man bekommt also hier die Gemeinplätzlichkeit in einer noch simpleren Form als in dem ökonomischen Buch und kann, beide Schriften zusammennehmend, den Kerl gleichzeitig auch nach dieser Seite hin aufdecken. Für die Geschichtsauffassung des Edlen – daß alles Schund war bis auf D[ühring] – hat das Buch noch den Vorteil, daß man hier seine eignen krassen Worte zitieren kann. Anyhow, I have him on the hip now.2 Mein Plan ist fertig – j’ai mon plan. Anfangs geh’ ich rein sachlich und scheinbar ernsthaft auf den Kram ein, und die Behandlung verschärft sich in dem Maß, wie der Nachweis des Unsinns auf der einen Seite, der Gemeinplätzlichkeit auf der andern sich häuft, und zuletzt regnet’s dann hageldick. Auf diese Weise ist den Most & Co. der Vorwand der „Lieblosigkeit“ etc. entzogen, und D[ühring] bekommt doch sein Fett weg. Die Herren sollen doch sehn, daß man mehr als eine Manier hat, mit dergleichen Volk fertig zu werden.
Ich hoffe, W[ilhelm]3 druckt den Mostartikel in der „Neuen Welt“ ab, wofür er offenbar geschrieben. Der M[ost] kann wie immer nicht abschreiben und schiebt dem D[ühring] im Naturwissenschaftlichen den komischsten Blödsinn unter, z. B. Loslösung von Ringen (nach der Kantischen Theorie) von Fixsternen! Bei Wilhelm ist es nicht bloß Manuskriptmangel, dem wäre abzuhelfen durch andre Artikel über Tagesfragen etc., wie es zu Hepners und Blos’ Zeit geschah. Es ist W[ilhelm]s Sucht, dem Mangel unsrer Theorie abzuhelfen, auf jeden Philistereinwand eine Antwort zu haben, und von der zukünftigen Gesellschaft ein Bild zu haben, weil doch auch der Philister sie darüber interpelliert; und daneben, auch theoretisch möglichst unabhängig von uns zu sein, was ihm bei seinem totalen Mangel aller Theorie von jeher weit besser gelungen ist, als er selbst weiß. Dadurch versetzt er mich aber in die Position, daß ich mir sagen muß, daß D[ühring] noch immer ein gebildeter Mann ist gegenüber den theoretischen Pfuschern im „Volksstaat“, und seine opera4 immer noch besser, als die jener subjektiv und objektiv dunkeln Herren.
Mit der türkischen Geschichte hast Du vollkommen recht gehabt, ich hoffe nur, daß die Sache gut vorangeht, in den letzten 8 Tagen scheint sie etwas ins Stocken gekommen zu sein, und orientalische Revolutionen, noch mehr als andre, erfordern rasche Entscheidung. Der Sultan5 hat – dies erklärt die Klagen über seine ewigen Geldforderungen – einen enormen hoard6 im Palast angehäuft, so groß, daß die Softas £ 5 000 000 davon herausverlangt haben, es muß also noch weit mehr sein. Die Überreichung der Gortschakowschen 3-Kaisernote bringt hoffentlich den Fall zur Krisis. Sage Jenny und Longuet meinen besten Dank für die Ehre, die sie mir angetan haben7, ich werde versuchen, mich ihrer würdig zu erweisen. Hoffentlich ist der Kleine mit den 3 Gewaltsnamen8 wieder wohl. Für den D[ühring] tut mir mein Repetitorium der alten Geschichte und meine naturwissenschaftlichen Studien große Dienste und erleichtern mir die Sache in vieler Beziehung. Besonders im Naturwissenschaftlichen finde ich, daß mir das Terrain bedeutend vertrauter geworden und ich mich darauf, wenn auch mit großer Vorsicht, doch auch mit einiger Freiheit und Sicherheit bewegen kann. Ich fange an, auch für diese Arbeit das Ende abzusehn. Die Sache fängt an, in meinem Kopf Form zu bekommen, und das Bummeln hier an der Seeseite, wo ich mir die Einzelheiten im Kopf herumgehn lassen konnte, hat9 nicht wenig dazu beigetragen. Bei diesem enormen Gebiet ist es absolut nötig, das planmäßige Ochsen von Zeit zu Zeit zu unterbrechen und das Geochste zu ruminieren10. – Seit 1853 reitet Herr Helmholtz nun in einem fort auf dem Ding an sich herum und ist noch nicht damit im reinen. Der Mensch geniert sich nicht, den Blödsinn, den er vor Darwin hat drucken lassen, noch immer ruhig wieder abdrucken zu lassen.
Lizzie und ich grüßen Euch alle bestens. Freitag kommen wir wieder nach London. Daß Pumps ihren Stil so entwickelt, freut mich sehr, ich merke es natürlich auch, doch in geringerem Grade.
Dein
F. E.