[London] 27. Juni 72
Meine lieben Freunde,
Wenn Ihr wüßtet, wie oft ich mich hingesetzt habe, um Euch zu schreiben, und wie oft ich unterbrochen worden bin, ehe ich ein halbes Dutzend Zeilen geschrieben hatte, dann würdet Ihr mir bestimmt verzeihen, daß ich Euren letzten Brief nicht eher beantwortet habe.
Sie, mein lieber Doktor, werden sich freuen, daß Mohr völlig Ihrer Meinung ist, was seine Tätigkeit in der Internationale angeht. Er ist überzeugt, daß, solange er im Generalrat bleibt, es ihm unmöglich sein wird, den zweiten Band von „Das Kapital“1 zu schreiben, an dem er im letzten Jahre nicht hat arbeiten können. Demzufolge hat er sich entschlossen, seinen Posten als Sekretär sofort nach dem nächsten Kongreß aufzugeben. Bis dahin aber wird er noch schrecklich viel und schwer innerhalb und außerhalb des Rates zu arbeiten haben, um sich auf den großen Kampf vorzubereiten, der auf dem nächsten Kongreß, der in Holland stattfindet, ausgefochten werden wird.
Sie werden von dieser Arbeit eine Vorstellung bekommen, wenn ich Ihnen sage, daß Mohr außer dem Verfassen von Manifesten, dem Lesen und Beantworten von Bergen von Briefen auch noch verpflichtet ist, nicht nur an den üblichen Wochensitzungen in Rathbone Place, sondern an zusätzlichen bei uns zu Hause und bei Engels teilzunehmen, deren letzte von vier Uhr nachmittags bis ein Uhr morgens dauerte. Soweit die Angelegenheiten der Internationale. Die übrige Zeit (und viel ist das nicht) gehört der Korrektur der Druckbogen von Meißner und der Revision der französischen Übersetzung, die leider derart unzulänglich ist, daß Mohr gezwungen war, den größten Teil des ersten Kapitels neu zu schreiben. Die erste Lieferung, die nur aus dem Bild des Verfassers nach der beigelegten Photographie von Myall, einem handschriftlichen Brief2 und der Antwort des Verlegers Lachâtre besteht, wird in Kürze erscheinen, in etwa einer Woche. – Von der russischen Übersetzung, die ausgezeichnet ist, sind bereits tausend Exemplare verkauft.
Die französische Übersetzung des „Bürgerkriegs“3 wirkt sehr gut bei den Flüchtlingen, da sie alle Seiten gleichermaßen zufriedenstellt – Blanquisten, Proudhonisten und Kommunisten. Es ist sehr schade, daß sie nicht früher erschienen ist, denn sie würde zweifellos viel zur Besänftigung der Erbitterung gegen den Generalrat beigetragen haben.
Und jetzt, mein liebes Trautchen, möchte ich Dir noch eine Neuigkeit berichten. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die von der presse policière de Paris4 sooft angezeigte Heirat um Mitte Juli herum stattfinden – am 18. oder 19. In der letzten Woche hat mich der „Gaulois“ zum 20sten Male verheiratet. Er hatte den berüchtigten Landeck als Ehemann für mich ausgesucht. Ich nehme an, diese blöden Schreiberlinge werden mich in Ruhe lassen, nachdem ich einmal in vollem Ernst verheiratet bin.
Herrn Longuets Photographie kann ich Euch nicht schicken, meine lieben Freunde, denn ich habe nur ein ganz schreckliches Bild, das in den Schaufenstern ausgestellt ist, eine Karikatur, die angefertigt wurde, um bei der Bourgeoisie Gefallen zu erregen, und ihr zu zeigen, daß die Kommunarden sowohl körperlich als auch moralisch die Ungeheuer sind, für die sie sie gehalten hat. Sobald ich ein besseres Bild habe, schicke ich es Euch. Was haltet Ihr von dem beigelegten Bild von Papa? Wir bewundern es alle sehr und halten es für besser als das in Hannover aufgenommene.
Mit freundlichen Grüßen von allen daheim an Euch und an Fränzchen verbleibe ich wie immer
Eure Euch liebende Freundin
Jenny Marx
Aus dem Englischen.