13
Jenny Marx an Wilhelm Liebknecht
in Leipzig

[London] Sonntag, den 26. Mai 1872

Mein lieber Library,

Engels hat es übernommen, Ihnen über die Eccariusaffäre zu berichten1 und Sie au fait2 zu setzen mit all den Gemeinheiten und Infamien, an die ich nicht ohne Empörung denken und die ich vielleicht nicht kalt und ruhig genug erzählen könnte. Ich selbst ergreife mit Freuden diese Gelegenheit, um Ihnen für das der alten, sicher vielgeprüften Freundin so redlich bewahrte Vertrauen zu danken und Ihnen zu sagen, mit welch inniger Teilnahme und Sorge ich Ihrer und Ihrer lieben Frau in diesen schweren, bangen Zeiten gedacht habe. Oft schon wollte ich Ihnen auch meine herzliche Bewunderung aussprechen über Ihren Mut, Takt und Geschicklichkeit, die Sie in diesen schwierigen Verhältnissen gezeigt haben. Aufrichtig gestanden, haben meine sorglichen Gedanken noch mehr bei Ihrer Frau als bei Ihnen geweilt. Uns Frauen fällt in allen diesen Kämpfen der schwerere, weil kleinlichere Teil zu. Der Mann, er kräftigt sich im Kampf mit der Außenwelt, erstarkt im Angesicht der Feinde, und sei ihre Zahl Legion, wir sitzen daheim und stopfen Strümpfe. Das bannt die Sorge nicht, und die tagtägliche kleine Not nagt langsam aber sicher den Lebensmut hinweg. Ich spreche aus mehr als 30jähriger Erfahrung, und ich kann wohl sagen, daß ich den Mut nicht leicht sinken ließ. Jetzt bin ich zu alt geworden, um noch viel zu hoffen, und die letzten unseligen Ereignisse haben mich völlig erschüttert. Ich fürchte, wir selbst, wir Alten erleben nicht viel Gutes mehr, und ich hoffe nur, daß unsre Kinder leichter durchs Leben wandeln werden. Sie ahnen nicht, was wir hier in London seit dem Fall der Kommune ausgestanden haben. All das namenlose Elend, der grenzenlose Jammer! Und daneben die fast unerträglichen Arbeiten für die Internationale. Solange der Mohr alle Arbeit hatte und mit Mühe und Not durch Diplomatisieren und Lavieren die widerspenstigen Elemente zusammenhielt vor der Welt und dem Geschwader der Feinde, die Gesellschaft vor dem ridicule3 wahrte und Schrecken und Angst der zitternden Schar einflößte, nirgends hervortrat, keinen Kongreß besuchte, alle Mühe und keine Ehre hatte, schwieg das Gesindel. Nun, da die Feinde ihn ans Licht gezogen, seinen Namen in den Vordergrund gebracht haben, nun tut sich die Meute zusammen, und Polizisten und Demokraten jaulen denselben Refrain ab vom „Despotismus, der Autoritätssucht, dem Ehrgeiz“! Wieviel besser und wohler wäre es ihm, hätte er ruhig weitergearbeitet und den Kämpfenden die Theorie zum Kampf weiter entwickelt. Aber Tag und Nacht keine Ruhe! Und für unsre Privatverhältnisse welch ein Ruin, welch eine gêne4! Grade zu einer Zeit, wo unsre Mädchen der Hülfe bedurften. Sie haben also von Jennys Verlobung gehört. Longuet ist ein sehr begabter und sehr guter, braver, anständiger Mann, und die Übereinstimmung der Ansichten und Lebensüberzeugungen unter dem jungen Paar sicher eine Bürgschaft für ihr späteres Glück. Andrerseits kann ich doch nicht ohne bange Sorgen dieser Verbindung entgegensehen, ich hätte wirklich gewünscht, daß Jennys Wahl (for a change5) auf einen Engländer, oder Deutschen, statt auf einen Franzosen gefallen wäre, der natürlich neben all den liebenswürdigen Eigenschaften seiner Nation auch nicht ohne ihre Schwächen und Unzulänglichkeiten ist. Er ist in diesem Augenblick in Oxford und gibt dort den Tutors Unterricht, hoffend, sich dadurch bessere Verbindungen anzuknüpfen. Wie prekär Privatstunden ist, wissen Sie selbst am besten und ich kann nicht umhin zu fürchten, daß Jennys Los als politische Frau allen den Sorgen und Qualen ausgesetzt ist, die unzertrennlich davon sind. Dies alles entre nous6. Ich weiß, daß das alles bei Ihnen im stillen ruht. Es war meinem Herzen so unendlich wohltätig, einem alten treuen Freunde den stillen Kummer zu eröffnen. Ich fühle mich leichter nach diesen Worten und bitte, mir nicht zu zürnen, daß ich, statt Ihnen und Ihrer lieben Frau erheiternde Briefe zu schreiben, „Trübsal auf den Noten blase“. Von Laura haben wir gestern Nachricht gehabt. Ihr kleiner Junge7, jetzt 3½ Jahre alt, der einzige, der ihr von drei Kindern übriggeblieben, war während 9 Monaten an Dysenterie krank und ist abgezehrt, daß die armen Eltern das Kind aufgegeben hatten8. Laura, im wildfremden Lande, dessen Sprache sie nicht kannte, hat 9 Monate an dem Krankenbette gewacht! Mehr brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Nun ist das Kind etwas besser und sollte es sich noch mehr erholen und zum Reisen fähig werden, so haben Lafargues vor, im August hierherzukommen. Tussy ist munter und wohl und eine Politikerin von top to bottom9! Lenchen die Alte. Eben kommen die Wohlgerüche des Sunday roastbeef von der Küche herein, und da das Tischtuch mich vom Schreibtisch verdrängt, so sage ich Ihnen nun ein herzliches Lebewohl. Küssen Sie Ihre lieben Kinder tausendmal von der alten Freundin, besonders meine liebe Alice. Sie10 und Ihre liebe Frau umarmend, bin ich Ihre alte Freundin

Jenny Marx