[London] 3.Mai 72
Mein lieber Freund,
Da ich das tiefe Interesse kenne, welches Sie an allem nehmen, das Papa betrifft, beeile ich mich, Ihnen mitzuteilen, daß er gerade die ersten Korrekturbogen der französischen Lieferungen erhalten hat. Unglücklicherweise ist viel Zeit verlorengegangen, weil Herr Lachâtre, der Verleger, darauf bestand, in der ersten Lieferung ein Bild des Verfassers des Buches „Das Kapital“1 zu drucken. Vielleicht sollten wir Lachâtre dafür entschuldigen, soviel Wert auf die Veröffentlichung des Bildes zu legen, wenn wir die Tatsache in Betracht ziehen, daß die russische Regierung erlaubt hat, „Das Kapital“1 zu drucken, aber ihr Veto gegen die Veröffentlichung des Bildes des Verfassers ausgesprochen hat. Wie dem auch sei, tatsächlich ist eine große Verzögerung durch das Bild verursacht worden, das erst aufgenommen und dann graviert werden mußte.
Die Übersetzung des ersten Teiles des Buches ist nicht so gut, wie wir allen Grund zu hoffen hatten nach dem Ruhm des Übersetzers, Herrn Roy, der mit großem Erfolg Feuerbach übersetzt hat. Papa ist gezwungen, zahllose Korrekturen zu machen, er muß nicht nur ganze Sätze, sondern vollständige Seiten neu schreiben. Diese Arbeit, die zur Korrektur der Druckbogen aus Deutschland und zu der überaus anstrengenden Arbeit für die Internationale noch hinzukommt, ist sogar für Papa zuviel, dessen außerordentliche Arbeitskraft2 Sie kennen. Ich hoffe daher, Sie werden ihm verzeihen, wenn er Ihnen nicht öfter schreibt. Es ist ihm absolut unmöglich. Ich fürchte sehr, er wird bald wieder krank werden – denn soviel Arbeit wird unerträglich werden, wenn das heiße Wetter beginnt. Im Augenblick ist seine Gesundheit nicht schlecht.
Ich nehme an, Sie werden aus den deutschen Blättern gesehen haben, daß die Internationale im Unterhaus wütend angegriffen worden ist? Inliegend die vom Generalrat herausgegebene Antwort3, die (mit Ausnahme der „Eastern Post“) nicht ein einziges Londoner Blatt den einfachen Anstand hatte aufzunehmen.
Obwohl die britische Regierung gezwungen gewesen ist, sich außerstande zu erklären, auf Herrn Thiers Wünsche einzugehen und öffentlich gegen die Internationale einzuschreiten, tut sie doch insgeheim alle schmutzige Arbeit, die von ihr verlangt wurde. Herr Gladstone liefert Herrn Thiers die Korrespondenz des Generalrats mit dem Kontinent aus. In der letzten Woche z.B. schrieb Utin aus Genf, um uns mitzuteilen, daß ein Brief, den Papa ihm über Angelegenheiten der Internationale geschrieben hatte, offenbar geöffnet worden war und daß seltsamerweise im Londoner Postamt die Worte via Ostende abgeändert worden waren in via Calais, was es natürlich den Versaillern ermöglichte, sich mit dem Inhalt des Briefes vertraut zu machen. Und dieser Brief war eingeschrieben!
Wir haben sehr traurige Nachricht aus Spanien bekommen. Unser armer kleiner Schnaps ist sehr, sehr krank. Er hat sich niemals von dem schrecklichen Cholera-Anfall erholt, den er letzten August hatte. Er wird immer schwächer.
Grüßen Sie bitte Trautchen herzlich und sagen Sie ihr, ich werde ihr bald schreiben.
Mit den freundlichsten Grüßen von allen daheim an Sie selbst, Trautchen und Fränzchen verbleibe ich, mein lieber Freund,
sehr aufrichtig Ihre
Jenny Marx
Aus dem Englischen.